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Mein Spiegelbild - der Blick der anderen!
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Mein Spiegelbild - der Blick der anderen!

Dr. Ursula Schoen
Ein Beitrag von

Dr. Ursula Schoen,

Prodekanin, Evangelisches Stadtdekanat Frankfurt

Schnell noch einen Blick in den Spiegel, ehe ich das Haus verlasse! Die Zeit muss sein! Der beste Spiegel hängt im Zimmer der Tochter. Da kann man sich von Kopf bis Fuß betrachten. Eine echte Vollbildansicht! Naja, alles ist soweit okay: Das Gesicht sieht zwar noch müde aus, aber Hose und Bluse sitzen, die Farben stimmen! Meine Kleidung ist in Ordnung. Der Tag kann also beginnen. Ganz oben rechts am Spiegel entdecke ich plötzlich einen bunten Zettel: Du sieht heute aber wieder gut aus! Steht da in klarer Handschrift! Diese kleine Aufmunterung amüsiert mich. Sie ist ganz sicher nicht für mich gedacht, sondern für die Siebzehnjährige selbst.

Du siehst heute aber wieder gut aus! Das nehme ich jetzt einfach mal persönlich, als kleines Kompliment, als Aufmunterung für den Tag! Wieder schaue ich in den Spiegel, diesmal mit einem anderen Blick. Klar, das Gesicht ist nicht mehr spiegelglatt. Es ist von vielen Fältchen durchzogen. Jünger werde ich nicht. Aber die Falten zeigen doch mehr als mein Alter: Ich lache gerne und bin fröhlich! Auch die Hände sind nicht mehr jugendlich, aber sie sehen zupackend und lebenserfahren aus. Der Rücken ist rund. Die Haltung ist nicht mehr perfekt. Das ist nicht verwunderlich: Vieles hat schon auf meinen Schultern gelegen. Aber bei rechtem Licht betrachtet, wirkt das ziemlich sympathisch: zugewandt und einfach menschlich. Ich richte mich auf und strecke mich. Eigentlich kann ich mit mir mehr als zufrieden sein. Ich komme ziemlich gut rüber genau als die, die ich heute bin! Um das zu sehen brauchte ich nur einen kleinen Kick!

Im Glauben sagen wir ganz selbstverständlich: Gott sieht uns mit gnädigem Blick an! – Gott urteilt nicht nach unserem Aussehen. Er macht unsere beruflichen und privaten Erfolgen nicht zum Gradmesser seiner Zuwendung. Er sieht uns als sein Gegenüber, als von ihm begabte und geliebte Menschen. Meinen Alltag bestimmt ein anderer Blick. Ich bin ständig Bewertungen durch andere ausgesetzt: Mache ich eine gute Figur? Erbringe ich die geforderte Leistung? Passe ich in die Gruppe, ins System? Mein Leben spiegelt sich im Blick der anderen. Dieser ist nicht immer freundlich und wohlwollend. Das prägt auch meinen Blick auf mich selbst. Es macht mir durchaus etwas aus, wie andere mich sehen. Selten bin ich wirklich mit mir zufrieden.

Gott sieht uns mit gnädigem Blick an. Dieser Blick macht mich selbstbewusst. Er lässt mich ich selbst sein. Eigentlich ist das eine ganz einfache Wahrheit. Ich nehme sie aber oft nicht wirklich ernst und lasse mich von den Blicken anderer leiten. Mein fester Vorsatz für heute. Der ersten Person, die ich heute treffe, sage ich: Du siehst heute aber wieder gut aus!
 

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