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Kirchorte – Gottesorte
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Kirchorte – Gottesorte

Dr. Alfred Mertens
Ein Beitrag von

Dr. Alfred Mertens,

Professor emeritus im Kirchendienst, Priester im Ruhestand, Mainz
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Der Landwirt Hermann-Josef Scheidtweiler und seine Frau Trudel aus Wachendorf in der Eifel wussten sich seit Jahren dem heiligen Nikolaus von der Flüe eng verbunden. So beschlossen sie eines Tages, auf einem ihrer Grundstücke eine Kapelle ihm zu Ehren zu errichten, „als Dank für ein gutes, erfülltes Leben“, wie sie sagen. Sie fanden Kontakt zum Schweizer Architekten Peter Zumthor, und der erbaute in den Jahren 2005 bis 2007 die Bruder-Klaus-Kapelle. Sie ist ein eher kleiner, fünfeckiger Bau, von außen in eindrucksvoller Schlichtheit; das Innere prägt die Struktur von Fichtenstämmen; sie sind beim Bau verwendet worden und haben sich im Beton abgebildet. Alles in der Kapelle weist nach oben, zu einer Öffnung hin, durch die ein wenig Licht, aber auch Regen und Schnee hereinfallen können. Innen gibt es außer einer Statue des Heiligen nur eine Sitzbank zum stillen Verweilen. Man kann auch nicht mit dem Auto vorfahren, nur ein etwa 800 m langer Fußpfad durch Felder und Wiesen führt dort hin. Fast möchte man mit der französischen Mystikerin Madeleine Delbrêl sagen: „Wisst, dass Gott unterwegs zu finden ist und nicht erst am Ziel“. Wer immer die Kapelle schon einmal besucht hat, erzählt begeistert von der geradezu mystischen Atmosphäre, die zur Besinnung einlädt. Der inzwischen über 80 Jahre alt gewordene Landwirt sagt es so:

„Täglich gehe ich wenigstens einmal in die Bruder-Klaus-Kapelle. … Dort komme ich zur Ruhe, werde ich still. Da fühle ich mich dem Jenseits sehr nah. … Die turmartige Kapelle ist ein wunderschönes Symbol für die Verbindung mit der Erde, mit Gott und Nikolaus von der Flüe. … Wir Bauern sind ja mit der Erde verwurzelt, aber sollten den Blick gleichzeitig aufs Jenseits richten. Dafür ist die Kapelle ein Zeichen. Innen steht eine Bronzeskulptur des heiligen Nikolaus von der Flüe, die eine echte Reliquie enthält. Wenn ich die Figur betrachte, fühle ich mich ihm verbunden.“ 

Die Bruder-Klaus-Kapelle ist ein eindrucksvoller Kirchort, wie man das heute gerne nennt, ein Ort, der an die Gegenwart Gottes in unserer Welt erinnern will. Aber die ist ja nicht selbstverständlich: Dass wir in dieser Welt Gott erfahren können, drängt sich heutzutage nicht gerade auf. Dennoch – so mein Eindruck – suchen viele Menschen nach etwas, was über die Welt und über das tägliche Leben hinaus reicht. Darum erscheint es mir so wichtig, dass wir immer wieder auf Zeichen und Anhaltspunkte für die Botschaft des Glaubens treffen können. Und die heißt: Gott lebt; er will mit unserer Welt zu tun haben; er hat sie erschaffen; er trägt und lenkt sie mit seinen guten Händen und er wird sie schließlich am Ende der Zeit nicht in einen Abgrund stürzen lassen, er wird sie vielmehr in wunderbarer, für uns gar nicht vorstellbarer Weise vollenden.

Ich möchte heute mit Ihnen über solche Zeichen und Anhaltspunkte für Gottes Gegenwart in der Welt nachdenken. Sie können sehr verschieden sein. Vor allem Kirchen und Kapellen sind solche „Gottesorte“, wie eben die Bruder-Klaus-Kapelle in der Eifel. Aber auch ganz andere „Orte“ können zu einer Wohnung Gottes in der Welt werden, nicht nur solche, die man auf der Landkarte finden kann, sondern auch „Orte“ in einem viel weiteren, übertragenen Sinn. Auch Menschen, gerade auch Menschen können solche „Gottesorte“ sein. Im Grunde sind es alle Menschen, denn sie sind Gottes Geschöpfe; vor allem aber sind es Menschen, in denen Gott einem geradezu spürbar nahe kommt und begegnen will.

Die perlende, beschwingte Musik Mozarts soll uns heute auf unserem Gang zu den verschiedenen Kirchorten begleiten.

(Musik 1: W. A. Mozart, Divertimento K 136 en ré majeur, 3. Satz: Presto.
CD: Le Quatuor Talich; Calliope 5248; harmonia mundi 57; Spur 7: 2,48 Min.)

Es gibt viele „Gottesorte“ in unserer Welt: Das sind Orte, die nicht nur im geographischen, sondern in einem ganz weiten Sinn sichtbare Zeichen für die Gegenwart Gottes in der Welt sind. Kirchen und Kapellen sind in einem besonderen Sinn solche „Gottesorte“. Oft genug geben sie erst einer Landschaft oder einer Ortschaft ihr charakteristisches Gesicht.

Was aber, wenn sie in Trümmern liegen? Seit fast einem Jahr ist die Pariser Kathedrale Notre Dame eine solche Trümmerkirche. Und sie ist ja nicht irgendeine Kirche, sie gehört zu den großartigen gotischen Kathedralen, wie sie in vielen französischen Städten zu finden sind. Sie prägt Paris. Manche nennen sie auch „das Herz Frankreichs“, ja sogar „das Herz Europas“; sie ist mit ihrer fast 800-jährigen Geschichte sicher eines der prägenden Wahrzeichen des christlichen Abendlands. Und nun eine Trümmerkirche. Vor fast einem Jahr ist der Dachstuhl mit dem Vierungstürmchen ein Raub der Flammen geworden und darunter hat verständlicherweise der ganze Bau gelitten; er galt lange Zeit als einsturzgefährdet.

Es hat mich sehr bewegt zu sehen, wie viele Menschen in den Tagen nach dem Brand ihrer Trauer Ausdruck gegeben haben, Christen und Nichtchristen, Glaubende und Nichtglaubende, und wie sie sich für einen raschen Wiederaufbau eingesetzt haben. Inzwischen steht fest: Die Kathedrale wird wieder aufgebaut, und zwar in der Gestalt, die sie vor dem Brand hatte.

Noch liegt sie freilich in Trümmern, aber selbst so könnte sie zu einem „Gottessort“ werden. Sie lässt sich dann vielleicht auch als Zeichen für einen sehr fernen, unverständlichen Gott verstehen, der das Unheil zugelassen hat, als Hinweis auf einen stummen Gott, dem es angesichts des tausendfachen Elends in der Welt die Sprache verschlagen zu haben scheint.

Schon in manchen Psalmen findet diese Erfahrung eines fernen Gottes einen oft geradezu erschütternden Ausdruck, zum Beispiel im Psalm 22:

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen,
bleibst fern meiner Rettung, den Worten meines Schreiens?
Mein Gott, ich rufe bei Tag, doch du gibst keine Antwort;
und bei Nacht, doch ich finde keine Ruhe. …
Sei mir nicht fern, denn die Not ist nahe
und kein Helfer ist da!“ (Ps 22, 2-3.12)

In der Tat: Der Gott, an den Christen glauben, ist kein perfekter Gott, kein vollkommener, glatter Gott; er ist eher einer, der tausend Fragen aufwirft. Die zerstörte Pariser Kathedrale hat uns das wieder nachdrücklich vor Augen geführt. Das Zeichen des christlichen Glaubens ist ja das Kreuz. Es mag in unseren Kirchen und Wohnzimmern ein kostbares Kunstwerk sein, es ändert nichts daran, dass es das Marterholz ist, an dem Jesus, der Sohn Gottes, einen grausamen Tod gestorben ist. Es steht immer auch für das Rätsel, das der Gottesglaube der Christen letztlich bleibt.

Die zerstörte Kathedrale von Paris kann ein Zeichen sein für einen Gott, den heute viele Menschen nur noch in einer quälenden Ferne erahnen können und den sie oft genug nicht verstehen.

(Musik 2: W. A. Mozart, 1er Quatuor K 80 en sol majeur, 3. Satz: Menuetto.
CD wie oben unter Musik 1, Spur 16: 2,40 Min.)

Es gibt viele „Gottesorte“ in unserer Welt, Orte, an denen die Gegenwart Gottes unter uns in besonders dichter Weise spürbar ist. Kirchen und Kapellen sind in der Regel solche Orte; selbst die zerstörte Kathedrale von Paris lässt sich so verstehen, als Hinweis auf einen fernen, schweigenden Gott.

In einer ganz eigenen Weise sind Menschen solche „Orte“, in denen Gott gegenwärtig ist. Das sieht man ihnen nicht gleich an und doch macht es ihre tiefste Würde aus. Der Apostel Paulus schreibt es in seinem ersten Brief an die Christen in Korinth so:

„Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt? Ihr gehört nicht euch selbst; denn um einen teuren Preis seid ihr erkauft worden. Verherrlicht also Gott in eurem Leib!“
(1 Kor 6,19f)

Das Bild ist eindeutig. Der Tempel von Jerusalem galt als der Ort, an dem Gott inmitten seines Volkes wohnen wollte. König Salomo hatte ihn einst – kurz nach dem Jahr 1000 v.Chr. – erbaut; knapp 400 Jahre später wurde er zerstört, als babylonische Truppen Jerusalem belagerten und eroberten. Bald danach wurde er wieder aufgebaut; und das war dann der Tempel, den auch Jesus besucht hat und in dem die ersten Christen in Jerusalem ein und aus gegangen sind. König Herodes hatte ihn erneuert und prachtvoll ausgestattet.

Der Apostel Paulus gibt dem Wort vom „Tempel“ aber eine neue Bedeutung: Er bleibt die Wohnung Gottes, aber jetzt ist er nicht mehr nur der Bau aus Steinen, sondern auch Menschen und in besonderer Weise die Getauften sind der Tempel, weil Gott mit seinem Heiligen Geist in ihnen wohnt. Und der Geist Gottes wird sie dann bewegen, sich selbstlos für andere einzusetzen, hilfsbereit Gutes zu tun, Wunden zu heilen, kurz: so zu leben, dass sie als solche Tempel erkannt werden können, in denen Gott wohnt.

Heutzutage ist viel von der Würde der Menschen die Rede. Man muss sie wohl immer wieder einfordern, weil sie so häufig verletzt wird; in dem schrecklichen Wort vom „Menschen-material“ kommt das für mich zum Ausdruck. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, schreibt dagegen das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland. Der Apostel Paulus kennt die entscheidende Begründung dafür: „Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“

(Musik 3: 1er Quatuor K 80 en sol majeur, 4. Satz: Rondo. )
CD wie oben unter Musik 1, Spur 17: 2,47 Min.)

Was wird schließlich mit dem Tempel am Ende der Zeit sein, wenn Gott alles vollenden wird? Das letzte Buch der Bibel, die „Offenbarung des Johannes“ erzählt davon im Bild des neuen Jerusalem.

„Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen. … Da hörte ich eine laute Stimme vom Thron her rufen: Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen und sie werden sein Volk sein.“ (Offb 21,2-5a)

Einen Tempel braucht die endgültige Stadt Gottes nicht mehr. Gott will dann nicht mehr abgeschlossen hinter dicken Mauern bei seinem Volk wohnen, sondern unmittelbar zugänglich: „Der Herr, ihr Gott, der Herrscher über die ganze Schöpfung, ist ihr Tempel“, heißt es sinngemäß weiter (vgl. Offb 21,22). So bekommt das Wort vom Gotteshaus noch einmal eine neue Wendung, über das Bild vom Menschen als dem Tempel Gottes hinaus. Zugespitzt und geradezu paradox formuliert: Nicht mehr nur Menschen, in denen Gott wohnt, sind Gottes Haus; Gott selbst ist sein Haus.

Eine der schönen kleinen Geschichten aus dem chassidischen Judentum Osteuropas fragt einmal: „Wo wohnt Gott?“ Und die Antwort lautet kurz und bündig: „Gott wohnt, wo man ihn einlässt.“ Damit sind wir wieder bei uns selbst: Der Landwirt in der Eifel und seine Frau haben ihn eingelassen, als sie die Bruder-Klaus-Kapelle bauen ließen; die Menschen, die sich für den Wiederaufbau der Pariser Kathedrale einsetzen, haben ihn eingelassen; der Apostel Paulus hat ihn eingelassen. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, wie das gehen kann. Ich werde mir nachher überlegen, wem ich heute noch eine besondere Freude machen kann, und womit. Das mag sozusagen die Eintrittskarte sein, mit der ich Gott von neuem bei mir einlasse, damit er – wie in seinem Tempel – in mir wohnt.

(Musik 4: W. A. Mozart, 13e Quatuor K 173 en ré mineur, 1. Satz: Allegro moderato.
CD wie oben unter Musik 1, Spur 18: 5,39 Min.)

 


 

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