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Ich muss etwas tun
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Ich muss etwas tun

Christoph Schäfer
Ein Beitrag von

Christoph Schäfer,

Katholischer Religionslehrer, Rüsselsheim
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Ich finde es faszinierend, wenn jemand für eine absolut bewundernswerte Tat ganz einfache Erklärungsworte findet. Denn dann geht es nicht um eine Heldengeschichte von irgendwem, sondern um die Alltagswelt, die auch mich betrifft. Genau das ist der Autorin Annelise Knoop-Graf gelungen: Schnörkellos erklärt sie, was ihren Bruder Willy Graf 1942 dazu bewogen hat, sich einer gewaltfreien Bewegung gegen das Hitlerregime anzuschließen: der „Weißen Rose“. Es war eine extrem mutige Entscheidung, die Willy Graf schließlich mit dem Leben bezahlt hat: Er wurde enttarnt und heute vor 75 Jahren hingerichtet. Willy Graf wurde nur 25 Jahre alt. 

Anneliese Knoop-Graf hat die Entscheidung ihres Bruders so erklärt: Er habe nicht mehr gesagt „Es muss etwas geschehen!“, sondern vielmehr: „Ich muss etwas tun.“ Diese Erklärung hat mir sofort eingeleuchtet. Und seitdem habe ich einerseits noch mehr Respekt vor Willy Grafs Entschlossenheit – und andererseits kann ich mich noch mehr mit ihm identifizieren. Denn in meinem Alltag höre ich den Satz „es muss etwas geschehen“ sehr oft. Und benutze ihn auch selbst sehr gerne. Dabei habe ich festgestellt: Genauso gut hätte man dann auch gar nichts sagen können – denn der Satz ist folgenlos. Seifenblasen-Sprache. Der Satz „ich muss etwas tun“ dagegen: Der rüttelt mich sofort auf, wenn ich ihn halblaut zu mir sage.  Und ich spüre: Das ist ein Satz, der nicht locker lässt. Der für klare Verhältnisse und für Veränderungen sorgt.

Daher habe ich einfach mal im Alltag ausprobiert zu sagen: „Ich muss etwas tun“. Und nicht: „Es muss etwas geschehen“. Das hat eine verblüffende Wirkung. Denn auf einmal bin ich dabei, Dinge, vor denen ich mich lange bequem gedrückt habe, wirklich anzugehen. Das ist mühsam, aber ich fühle ich mich viel präsenter – und nehme mich irgendwie auch selbst mehr ernst. Ein solcher Moment war etwa die Entscheidung, als Pate ein Kind in Afrika zu unterstützen.

Willy Graf war ein gläubiger Christ, der in einer extrem schwierigen Situation enorme Charakter- und Glaubensstärke gezeigt hat. Das hat mich schon seit langem sehr beeindruckt. Aber seit ich den Satz seiner Schwester kenne, merke ich, dass ich ihm näher sein kann als früher, als ich ihn auf eine Art Denkmal-Sockel gestellt habe. Und deshalb denke ich heute besonders gerne und intensiv an ihn.

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