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„Ich mag diesen Menschen nicht,  ich muss ihn besser kennen lernen“
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„Ich mag diesen Menschen nicht, ich muss ihn besser kennen lernen“

Christopher Rinke
Ein Beitrag von

Christopher Rinke,

Regionalreferent im Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden, Weimar (Lahn)
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Anna und Julia waren mal Freundinnen. Sie haben sich als Jugendliche kennengelernt und waren gemeinsam in einer Gruppe ihrer Kirchengemeinde. Dort und auch zu zweit haben sie viel miteinander erlebt. Heute sind sie nur noch im sozialen Netzwerk Facebook befreundet.

Was sie sich da schreiben, klingt allerdings wenig freundschaftlich. Früher gab es für jedes Bild, das die andere auf Facebook gepostet hat, mindestens ein "Gefällt mir".  Heute sind ihre Kommentare oft angriffslustig. Die eine belehrt die andere oder wertet sie ab. Bei keinem Thema scheinen sie noch auf der gleichen Wellenlänge zu sein. Das hat angefangen, als Anna und Julia begonnen haben, ihre politischen Ansichten plakativ auszubreiten. Sie haben dann gemerkt, dass sie die Welt aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln wahrnehmen. Diese Entdeckung führte zum Bruch.

Geschichten wie die von Anna und Julia begegnen mir in letzter Zeit öfter. Menschen verlieren den Kontakt zueinander, weil ihre Ansichten mit einem Mal unvereinbar klingen.  Und offen gesagt: Auch ich selbst bin davor nicht immer gefeit. Mich regen zum Beispiel Menschen auf, die so überzeugt sind von ihrem eigenen Lebensentwurf, dass sie anderen dadurch die Luft zum Atmen nehmen. Wie z.B. der Bekannte, der in einem Gespräch die Diskriminierung von Homosexuellen mit einem lapidaren „selber schuld“ abtat. So viel Ignoranz bringt mich auf die Palme. Ich gehe dann auf Distanz zu meinem Gesprächspartner. Denn ich habe eine Reihe von Menschen vor Augen, die bis heute aus Angst vor solcher Diskriminierung ein kräftezehrendes Doppelleben führen. Nein, mit solchen Statements bin ich gar nicht einverstanden. Und kommentiere das entsprechend. Dabei stecke ich den anderen unbewusst in eine Schublade. Das ist in aller Regel nicht förderlich für unsere Beziehung.

Abraham Lincoln hat einmal gesagt: „Ich mag diesen Menschen nicht, ich muss ihn besser kennen lernen.“ Das finde ich eine großartige Idee und Haltung.

Er trifft keine Aussage über den anderen, sondern bleibt erstmal bei sich selbst: Ich mag diesen Menschen nicht. Er gesteht sich ein, was er empfindet. Und das schreibt er nicht gleich der anderen Person zu. Er versenkt nicht das Beziehungsschiff. Im Gegenteil: Er will den Menschen besser kennen lernen. Daran nehme ich mir ein Beispiel.

Ich mag diesen Menschen nicht, ich muss ihn besser kennen lernen. In diesem Satz steckt auch ein Ausweg: Wir können einander besser kennen lernen. Was immer auch meine Empfindung auslöst, ich kann ihr auf den Grund gehen.  Ich kann entdecken, dass die Aussage des anderen, die mich verstört, eine Geschichte hat. Das macht nicht unbedingt die Aussage besser, aber ich kann besser verstehen, wie mein Gegenüber dorthin gekommen ist. Wenn wir uns austauschen, können wir gegenseitig unsere blinden Flecken verkleinern.

In der Bibel sagt Jesus: Liebt eure Feinde! Tut Gutes denen, die euch hassen. Ganz schön viel verlangt. Wenn ich an diesem Maß gemessen werde, kann ich eigentlich nur scheitern.

Aber ich verstehe diesen Satz als eine Art Erlaubnis. Die Erlaubnis, das ewige „Wie du mir, so ich dir" zu durchbrechen. Das gibt der Beziehung eine neue Chance.

Mal sehen, ob ich heute Menschen begegne, die ich erst einmal nicht mag und deshalb besser kennenlernen muss.

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