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Hartmut
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Hartmut

Jens Haupt
Ein Beitrag von

Jens Haupt,

Evangelischer Diakoniepfarrer, Bad Hersfeld
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Ich habe ihn um Erlaubnis gefragt, ob ich im Radio etwas sagen darf. Du weißt doch, wie ich immer so war, hat er geantwortet. Ja, das weiß ich. In fünf Tagen wird er 77. Er hat jetzt eine kleine Wohnung auf einem Dorf. Bevor er zwanzig wurde, war er schon auf der Straße, immer mit Fahrrad. An der Haustür vorgestellt hat er sich mit den Worten: Hier kommt wieder der Ritter der Landstraße. Und er sah so aus: Wilder Vollbart, Lockenmähne, schwere Stiefel und dicke Jacke. Er fragte, ob es in Hof und Garten etwas zu verdienen gäbe. Er habe Zeit und könne etwas für ein paar Groschen tun.

Er kam jedes Jahr ein bis zwei Mal. Die Strecken wurden mit der Zeit und seinem zunehmenden Alter kürzer. Und er kam öfter. Und er blieb länger. Anfangs ist er abends Platte machen gegangen. Ich finde schon ein Plätzchen, wo ich meine Ruhe habe. Irgendwann übernachtete er bei uns im Spielkeller, freute sich über die warme Dusche und frühstückte in unserer Küche. Dann blieb er schon mal eine ganze Woche. Wir haben uns in der Familie natürlich Gedanken gemacht, wie das so ist mit ihm. Ob wir ihm trauen können. Schließlich bekam er auf Zeit einen Schlüssel. Mensch, ihr könnt mir schon vertrauen, ich wäre doch bescheuert, wenn ich bei euch was klaue. Dann dürfte ich ja nicht wiederkommen. Das hat mich beeindruckt.

Er hat ein ganzes Netz von Menschen, die ihm vertrauen. Von denen er lebt, wenn es sein muss mit Arbeit. Er ist rechtzeitig wieder gegangen, damit er wiederkommen darf. Im Winter hatte ich manchmal Angst um ihn. Ob er den Frost übersteht? Dann erzählte er im Frühjahr, dass ihn ein Fabrikant als Nachtwache in der Halle hat wohnen lassen. Für Krankheiten hatte er seine Apothekerin auf der Strecke, die ihn versorgte. Seit einigen Jahren ist er nicht mehr unterwegs. Dafür hält er mit dem Handy Kontakt. Ich habe von ihm gelernt, dass Gottvertrauen auch bedeutet sich Menschen vertraut zu machen, sich hilfsbedürftig zu zeigen. Ich habe viel von ihm gelernt und freue mich ihm zum 77. gratulieren zu dürfen.

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