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Gott als Richter

Gott als Richter

Michael Tönges-Braungart
Ein Beitrag von

Michael Tönges-Braungart,

Dekan, Evangelisches Dekanat Hochtaunus

Über jeder Woche steht für viele Christen ein Bibelvers, der Wochenspruch. Der für die kommende Woche steht im Neuen Testament, und klingt ziemlich bedrohlich: „Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Gottes“ (2. Korinther 5, 10) Es gibt viele Darstellungen vom jüngsten Gericht, von der Bestrafung der Bösen und der Belohnung der Guten am Ende aller Tage. Und viele Menschen heute fragen: Ist das nicht eine Vorstellung, von der wir uns verabschieden müssen: Gott als der Richter? Ist damit nicht zu lange Menschen Angst gemacht worden? Kommt es nicht heute darauf an, die Botschaft vom Gott der Liebe in den Vordergrund zu stellen?

Ich denke, das eine schließt das andere nicht aus. Der Gott der Liebe ist keinesfalls harmlos und einfach nur „lieb“. Und die Vorstellung, dass wir uns einmal einem Urteil über unser Leben stellen müssen, rückt ins Bewusstsein, dass der Mensch eine Verantwortung hat für sein Tun und Lassen. Niemand ist unmündig, weil er etwa völlig festgelegt wäre durch seine Gene oder durch die Verhältnisse, in denen er lebt. Wir Menschen haben die Fähigkeit und die Pflicht, zu unterscheiden, was gut und was böse ist. Und wir haben auch die Freiheit zu entscheiden, wie wir handeln. Gerade das macht uns ja als Menschen aus. Das nimmt der Gedanke ernst, dass wir uns einmal vor Gott verantworten müssen.

Für manche hat diese Vorstellung sogar etwas Tröstliches: Auch die werden einmal zur Rechenschaft gezogen werden, die schwere Schuld auf sich geladen haben, denen es aber gelungen ist, sich jeder irdischen Gerechtigkeit zu entziehen. Für mich hat der Gedanke, dass Gott einmal über mein Leben sein Urteil sprechen wird, auch etwas Befreiendes. Warum? Einmal: Nicht andere Menschen werden mein Leben beurteilen. Nicht ihnen bin ich letzte Rechenschaft schuldig. Und ich bin ihnen auch nicht ausgeliefert, sondern Gott.

Zum anderen: Viele Darstellungen vom jüngsten Gericht zeigen Christus auf dem Richterstuhl. Und viele Geschichten in der Bibel erzählen davon, wie er Menschen immer offen und ehrlich begegnet ist. Ihm konnte keiner etwas vormachen. Unbequeme Wahrheiten hat er anderen gesagt; Gutes hat er gut und Böses böse genannt. Bei ihm zählten keine Ausreden und Entschuldigungen. Aber es ging ihm nie darum Menschen bloßzustellen, sie endgültig zu verurteilen oder gar zu vernichten. Ihm ging es darum, Menschen zu heilen. Ihnen neue Lebensmöglichkeiten zu zeigen, ihnen andere Perspektiven zu eröffnen. Er wollte sie zu Recht bringen – und das ist ja auch eine Bedeutung des Wortes „richten“.

„Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Gottes.“ Gott als der Richter wird mir einmal die Wahrheit über mich und mein Leben vorhalten; auch die harte, schmerzhafte Wahrheit; er wird mich erkennen lassen, wo ich meiner Verantwortung gerecht geworden bin – und wo nicht. Aber er wird mich nicht vernichten, sondern durch dieses Gericht hindurch heil machen. Das ist meine Hoffnung – für mich und für alle Menschen.

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