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Fuck up-Nights
Bild: Pixabay

Fuck up-Nights

Andrea Weitzel
Ein Beitrag von

Andrea Weitzel,

Katholische Schulseelsorgerin und Religionslehrerin, Hanau
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Es gibt sie, die perfekte Welt: ein frisch geputztes Haus, perfekt organisiert im Beruf, wohlerzogene Kinder, eine noch immer beglückende Ehe. Und jetzt noch diese Radiotexte, die natürlich auch perfekt sein sollen! Es gibt sie, die perfekte Welt: aber leider nur in meinen Vorstellungen und Ansprüchen an mich selbst. Ansprüche, denen ich oft nicht genügen kann. Wie machen das die anderen nur?
Nun, auch sie scheitern: Menschen scheitern mit ihrem privaten Lebensentwurf. Junge Menschen scheitern an Bildungs- und Schulsystemen. Erwachsene Menschen stehen vor dem beruflichen Aus und finanziellen Ruin. Viel zu viele Menschen scheitern an Regierungen und Gesellschaften, in denen ihre Überzeugungen, ihre Herkunft, ihr Dasein nicht gewollt sind…
Groß ist die Bandbreite des menschlichen Scheiterns! Ebenso groß ist der Mensch darin, das eigene Scheitern zu vertuschen. Wer möchte schon als gescheiterte Existenz gelten? Und das hält davon ab, sich selbst und anderen das eigene Scheitern einzugestehen.

Erstaunlicherweise ist das das Erfolgskonzept der Fuckup-Nights. Fuck up steht hier für „vermasselt“: Wildfremde Menschen strömen in riesigen Hörsälen zusammen, um sich das Scheitern anderer anzuhören. Und zwar nicht, um sich daran zu ergötzen, sondern um daraus zu lernen – für sich selbst! Für das eigene Leben und Scheitern!
Fuckup-Nights erobern seit einigen Jahren die Welt. Es gibt sie inzwischen auch bei uns in Hessen, zum Beispiel halbjährlich in Frankfurt. Dort erzählen pro Abend vier Menschen von ihrem beruflichen und auch privaten Scheitern – und von ihrem Neubeginn danach. „Scheitern ist nicht schlimm. Es gehört zum Leben dazu!“ Das möchte Daniel Putsch, der Frankfurter Organisator der Fuckup-Nights, vermitteln. Die entsprechenden Filme dazu im Internet zeigen unzählige Menschen, die fröhlich und intensiv miteinander im Gespräch sind. Es scheint ziemlich erleichternd zu sein, das eigene Scheitern miteinander zu teilen. Das lerne ich aus der Idee der Fuckup-Nights!
Und ich lerne es als Christin! Ich stelle mir tatsächlich Jesus Christus vor, der von seiner persönlichen Fuckup-Night berichtet. Auch wenn Jesus letztlich ganz und gar nicht gescheitert ist, mir kommt er trotzdem sofort in den Sinn. Jahrelang war er durch das Land gezogen. Unzählige Male hat er von seinem Glauben an einen liebenden und verzeihenden Gott erzählt. Hat immer wieder versucht, den einzelnen Menschen und seine Bedürfnisse in den Blick zu nehmen. Hat dabei kein Blatt vor den Mund genommen! Und dabei ist er in den Konflikt mit den herrschenden Teilen der Bevölkerung geraten. Zum Tode verurteilt als Aufrührer. Karfreitag: Fuckup-Night!
Und dann Ostern! Selbst der Tod kann Jesus Christus und seine Überzeugung nicht aufhalten! Einige Zeit später werden die Männer und Frauen um ihn herum neuen Mut fassen und seinen Glauben weitersagen. Bis heute! Ohne sein vermeintliches Scheitern kein Neubeginn!

Ja, ich muss es mir klar vor Augen führen: Scheitern ist nicht schlimm! Akzeptiere es und nimm es an als Teil deines Lebens! Auch wenn ich dieses Mal davongekommen bin und diesen Text doch zu Ende gebracht habe: Das nächste Scheitern kommt bestimmt. Aber es ist nicht schlimm!
Vielleicht lade ich dann sogar zu einer persönlichen Fuckup-Night ein: in mein eigenes Wohnzimmer. Denn irgendwo in irgendeinem Wohnzimmer liegt der Ursprung der Fuckup-Nights – und, so stelle ich es mir gern vor, von einem Wohnraum aus legten auch die Ideen von Jesu einen beachtlichen Neustart hin…

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