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"Freut euch!" Freude mitten in der Krise
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"Freut euch!" Freude mitten in der Krise

Martina Patenge
Ein Beitrag von

Martina Patenge,

Katholische Referentin für Glaubensvertiefung und Spiritualität, Kardinal-Volk-Haus Bingen
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„Freut euch!“ Mit diesem aufmunternden „Freut euch“ beginnen die Gottesdienste in der katholischen Kirche heute. Heute ist der dritte Advent, der Sonntag der Freude mit dem lateinischen Namen „Gaudete“.

Sich auf Knopfdruck freuen? Funktioniert nicht.

Eine ganz schöne Zumutung ist das. Freut euch! Auf Zuruf? Ja, wie soll ich mich denn freuen angesichts dessen, was derzeit auf der Erde los ist? Es gibt schließlich immer noch die Pandemie, Klimakrise und jede Menge politischer Krisen! Da sollen die Menschen sich freuen? Wie soll das denn gehen? Zusammen mit dem, was wir sonst noch so mit uns herumschleppen. Wo ich mich umhöre, höre ich wenig Freude, stattdessen eher mutlose Stimmen, Sorgen, Angst, auch Wut. Viele finden den Advent mit all seinem Kerzenlicht ziemlich dunkel. Also, von Freude ist da keine Rede. Wie auch! Niemand kann sich auf Knopfdruck freuen, auch Christinnen und Christen nicht. Sie leben schließlich nicht außerhalb, sondern mittendrin im normalen Leben – sie fürchten und ängstigen sich wie jeder andere Mensch auch.

Vielleicht passt der Aufruf zur Freude jetzt in besonderer Weise

Ich frage mich also: Wie passt dieser Freuden-Sonntag in unsere aktuelle Situation? Der ist doch falsch, ein Irrtum! Andererseits: Vielleicht ist der Aufruf zur Freude auch gerade jetzt wichtig und passt in besonderer Weise.

Musik 1: Georg Friedrich Händel: Tochter Zion (CD: Eingeladen zum Fest des Glaubens, hrsg. vom Institut für Kirchenmusik Mainz)

„Freut euch zu jeder Zeit, denn der Herr ist nahe“. (Philipper 4,4) Mit Freudenliedern beginnt heute der katholische Gottesdienst. Und das Wort „Freut euch“ ist kein weltfremder Ruf, keine oberflächliche Ermunterung à la „wird schon wieder“, sondern Ausdruck einer tiefen Hoffnung.

Die Bibel ist ein Füllhorn von Hoffnungsgeschichten

Und diese Hoffnung hat mit Gott zu tun. Und mit der Bibel. Gute Worte, Freudenrufe, Hoffnungsgeschichten – die brauchen wir Menschen dringend. Die Bibel ist voll davon. Vor allem im Alten Testament lese ich, wie Menschen über Jahrhunderte ganz selbstverständlich mit Gott leben. Und wie Gott mit den Menschen durch dick und dünn geht. Wie Menschen mal mehr und mal weniger mit Gott zu tun haben wollen. Wie sie irren und suchen, verrückte Dinge tun und doch immer wieder bei Gott landen. Die Bibel ist ein Füllhorn von Erzählungen und Gebeten, ein großes Hoffnungsbuch – voll mit Geschichten Gottes mit den Menschen. In allen Variationen.

Die Hoffnungsworte der Bibel wurden oft in Krisenzeiten verfasst

Die Hoffnungsworte der Bibel sind keine Worte von naiven Menschen oder von Menschen, denen es immer nur gut ging und die alles nur mit einer rosaroten Brille sehen. Nein, die Hoffnungstexte sind oft geschrieben in Krisenzeiten – wenn es dem Volk Gottes besonders schlecht ging, weil es gefangen, vertrieben oder unterdrückt worden ist oder gerade schlimme Kriege und andere Nöte erlebt. Da haben sich die Menschen erinnert an das, was ihnen geholfen hat und was gut war. Die Hoffnungsworte der Bibel waren Erinnerung, dass es mal bessere Zeiten gegeben hat. Sie waren Ermutigung, dass es wieder besser werden wird. Sie waren Versprechen, dass Gott seine Menschen nicht im Stich lässt.

Musik 2: Tauet Himmel, den Gerechten (CD: Singt Gott den neuen Lobgesang, hrsg. vom Institut für Kirchenmusik Mainz)

Die Propheten des Alten Testaments sind Aufrüttler und Mutmacher

Ganz besondere Mutmacher in der Bibel sind die Propheten des Alten Testamentes. Propheten haben die Aufgabe, das Volk aufzurütteln. Sie sollen es zum Durchhalten ermutigen und wieder auf den rechten Weg bringen. Das ist meistens eine sehr unangenehme Aufgabe. Wer will das schon hören. Da muss der Prophet sich ordentlich ins Zeug legen, um gehört zu werden. Zefanja ist einer dieser mutigen Mutmach-Propheten. Er spricht zu den Menschen in Jerusalem – zu einer Zeit, in der die sich vom Gott Israels abgewendet haben. Die politische Lage ist schwierig, die soziale auch. Denn die Reichen haben die Armen ausgebeutet, sich nicht mehr an Recht und Gerechtigkeit gehalten. Und dann kommt Zefanja. Er redet ihnen heftig ins Gewissen und tadelt alle Schlechtigkeiten: Ändert euch! Kehrt zurück zu eurem Gott, zum Gott, den ihr durch eure Väter und Mütter kennt! Werdet wieder demütig und bescheiden. Dann wird es euch besser gehen!

Gott ist in unserer Mitte

Und wie es ihnen besser gehen wird, klingt dann so:

„Juble, Tochter Zion! Schrei vor Freude, Israel!
Freu dich und jauchze von ganzem Herzen, Tochter Jerusalem!
Deinen Urteilsspruch hat der Herr entfernt und weggeräumt, was dir feindlich gegenüberstand.
Es regiert der Herr in deiner Mitte; du brauchst dich nicht mehr zu fürchten!
An jenem Tag wird man zu Jerusalem sagen:
Fürchte dich nicht, Zion! Lass deine Hände nicht mutlos sinken:
Der Herr, dein Gott ist in deiner Mitte und rettet dich beherzt.
Der Herr ist ganz begeistert von dir – er ist stumm vor göttlicher Liebe.

Sein Jubelruf schallt über dich.“

(Zefanja 3,14-17)

Musik 3: O komm, o komm Emanuel (CD: Singt Gott den neuen Lobgesang, hrsg. vom Institut für Kirchenmusik Mainz)

Große Versprechen macht der Prophet Zefanja in der Bibel, wenn er sagt: „Es regiert der Herr in deiner Mitte; du brauchst dich nicht mehr zu fürchten!“ Damals, vor mehr als 2500 Jahren redete Zefanja zu den Menschen in Jerusalem. Heute lesen wir die Worte in einer anderen Situation. Aber wie sehr sie in unsere Zeit passen! Ich würde viel darum geben, wenn jemand jetzt zur Zeit glaubhaft genau das sagen könnte: Du brauchst dich nicht mehr zu fürchten! Genau jetzt in der vierten Welle der Pandemie diese Worte zu hören, das wäre großartig.

Du brauchst dich nicht mehr zu fürchten

Aber: So einfach ist es leider nicht. Das Versprechen des Propheten Zefanja damals klingt heute in andere Situationen hinein, und ich muss sie auf die heutige Zeit beziehen. Das tue ich mit Freude, weil es schöne Worte sind, und lese noch einmal:

„Juble, Tochter Zion! Schrei vor Freude, Israel!
Freu dich und jauchze von ganzem Herzen, Tochter Jerusalem!
…Der Herr, dein Gott ist in deiner Mitte und rettet dich beherzt.“

Ich bin der, der da ist

So also beginnt die Rettung: Gott ist in deiner Mitte! Das ist die Voraussetzung für alles. Und die Grundlage für die ganze Religion – so beginnt es ja schon in der Bibel, ganz am Anfang, wenn Gott von sich selbst sagt: „Ich bin der, der da ist.“ Also mitten dabei, immer da, auf Schritt und Tritt – und nicht erst dann, wenn ich nach ihm rufe. Sondern immer, einfach so! Grundsätzlich.

Ich gehe mit, in allen Situationen des Lebens

Das kann sich sehr verschieden anfühlen. Eine Frau sagte mir, dass sie sich in schwierigen Situationen vorstellt, wie Jesus ihr die Hand auf die Schulter legt und ihr sagt: Ich gehe mit. Und das hilft ihr auch jetzt, mit der inneren Unruhe fertigzuwerden, die durch die Pandemie in ihr entstanden ist. Jesus hat ja genauso von Gott gesprochen, von einem barmherzigen Gott, der mitgeht in allen Situationen des Lebens. Auch dann, wenn es gerade mal nicht so gut läuft oder schiefläuft.

Psalmen und Lieder spenden Trost und machen Mut

Jemand hat mir erzählt, dass er die Psalmen wieder für sich entdeckt hat, diese alten Gebete aus der Bibel. Da kommt alles vor, Freude und Leid und alle Sorgen des Lebens. Die betet er als seine eigenen Worte und findet darin Trost. Und ich kenne etliche Menschen, die gerne singen – Trostlieder, auch die sehnsuchtsvollen Adventslieder, alles was ihnen einfällt. Auch Singen macht Mut. Auch da ist Gott dabei. Denn „der Herr, dein Gott, ist in deiner Mitte!“ Ohne jede Bedingung. Er ist schon da!

Musik 4: Hugo Distler: O Heiland, reiß die Himmel auf (CD: Stille Nacht, ACOUSENCE Records)

Gott ist dabei, wenn Menschen ihre Freuden und Sorgen teilen

„Der Herr, dein Gott, ist in deiner Mitte!“ sagt der Prophet Zefanja in der Bibel zu den Menschen in einer schwierigen Zeit. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, diese Mitte zu verstehen. Zuallererst denke ich an den Satz von Jesus: „Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, bin ich mitten unter ihnen. (Matthäus 18,20) So geschieht es überall da, wo Menschen ihre Freuden, Ängste und Sorgen miteinander teilen. So geschieht es auch in jedem Gottesdienst und in jeder kirchlichen Feier. Überall dort, wenn Menschen zusammen sind und über ihren Glauben sprechen, oder miteinander etwas tun aus ihrem christlichen Leben heraus. Auch hier, am Radio, beim Zuhören.

Jeden Tag unsere Sorgen und Ängste in Gottes Hand legen

Vor kurzem hat mir das eine Frau gezeigt. Sie hat aus ihrem aktuellen Leben erzählt und was zur Zeit schön ist und was schwer ist, wovon es einiges gibt – und dann sagt sie: „Aber wie gut, dass ich das alles jeden Tag Gott in die Hände legen darf!“ Für sie ist das ganz selbstverständlich. Sie hat mir beschrieben, dass sie das jeden Tag so macht. So also hilft der Gedanke: Gott ist in unserer Mitte. Er ist bei mir, auch heute, auch in meinem ganz alltäglichen Durcheinander. Dieser Gedanke und dieses Wissen hilft ihr, ihre großen und kleinen Sorgen mit Gott zu teilen. Sie weiß Gott neben sich und um sich. Sie zeigte mir, dass Gott in ihrer Mitte ist. Denn ohne Gott, sagt sie, geht es nicht. Natürlich denkt sie nicht unablässig über Gott nach, es ist eher so: Er gehört einfach dazu. Das ist alles. Und sie erlebt, wie gut ihr das tut, und wie sehr sie sich in allem, was gerade so los ist, von Gott begleitet und umgeben weiß. Darüber muss man gar nicht dauernd sprechen, das ist eher so etwas wie eine innere Verbundenheit. Die ist mal stärker und mal schwächer zu spüren, aber sie ist da. Es ist ein bisschen wie bei einer guten Freundschaft. Meine besten Freunde muss ich nicht ständig sehen oder sprechen und weiß doch: Sie sind da! Das genügt meistens, ich fühle mich gut und verbunden. Das reicht immer ziemlich lange. Und wenn ich sie doch mal dringend brauche, sind sie auch wirklich da!

Musik 5: Steh auf, werde Licht (CD: Singt Gott den neuen Lobgesang, hrsg. vom Institut für Kirchenmusik Mainz)

Gott ist ganz begeistert von dir

Mit einem Freudenruf haben die katholischen Gottesdienste begonnen, heute am dritten Advent. Und was für ein Freudenruf das ist: Der Herr, dein Gott „ist ganz begeistert von dir – er ist stumm vor göttlicher Liebe. Sein Jubelruf schallt über dich.“ (Zefanja 3, 18.a)

Er breitet die Arme aus wie Eltern, die sich über ihre Kinder freuen

Ja, das ist ein wirkliches Mut-Wort. Ein ausgelassenes dazu. Ich stelle mir das vor: wie Gott sich freut über mich, und jubelt – vielleicht so, wie Eltern sich über ihre kleinen Kinder freuen und die Arme ausbreiten und sie hochnehmen und mit ihnen tanzen und alles quietscht vor Freude. Genauso stelle ich mir das vor, manchmal. So herzlich und fröhlich. Ein bisschen übermütig. Und ich glaube, dass Gott sich über jeden und jede so freut. Über alle, die auf ihn hoffen, und ganz besonders über die, die ihn suchen. Über alle, die ihn in ihre Mitte lassen. Und hier schließt sich der Kreis zum dritten Advent. Die Wartezeit auf Weihnachten ist religiös gesehen die besondere Zeit, in der ich für Gott Platz mache in meinem eigenen Herzen, in meiner Mitte. Besonders schön finde ich dies ausgedrückt in dem Lied „Macht hoch die Tür“. Das kann ich mir bildlich vorstellen, wie ich die Tür meines Herzens öffne, damit mein Gott einziehen kann. Dort will er in meiner Mitte wohnen und wohnt ja schon. Ganz besonders erzählt das die fünfte und letzte Strophe:

„Komm, o mein Heiland Jesus Christ, meins Herzens Tür dir offen ist.
Ach zieh mit deiner Gnade ein, dein Freundlichkeit auch uns erschein.
Dein Heilger Geist uns führ und leit den Weg zur ewgen Seligkeit.
Dem Namen dein oh Herr, sei ewig Preis und Ehr.“

Das Lied „Macht hoch die Tür“ entstand in Kriegszeiten

Georg Weiße hat dieses Lied geschrieben, mitten im Dreißigjährigen Krieg. In einer schier endlosen furchtbaren Zeit. Und genau in dieser Zeit ist dies sein Trost: Dass die Menschen ihr Herz öffnen für Gott, für Jesus Christus. Damit Gott darin wohnen, jeden erfüllen und von dort ausstrahlen kann.

Er geht mit und hilft uns tragen

Das ist das riesige Angebot Gottes: Ich komme zu dir, ich freue mich über dich und erfülle dich mit Kraft und Mut, und ich tröste dich. Für alles, was ansteht. Gott nimmt uns die Lasten des Lebens nicht in dem Sinn ab, dass er sie wegschaffen würde. Aber er geht mit, hilft tragen, gibt Kraft dazu.

Wir haben seine Zusage

Was für eine Zusage, dass Gott sich über jeden Menschen freut und sogar begeistert ist und bei ihm wohnen möchte! Das ist – nicht nur bei Schönwetter, sondern besonders mitten hinein in alle Sorgen – ein mächtiger Grund zur Dankbarkeit und zur Freude! Und ein großer Trost!

Musik 6: Macht hoch die Tür (CD: Freue dich, o Christenheit, Münchener Motettenchor)

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