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Flugscham?
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Flugscham?

Dr. Peter Kristen
Ein Beitrag von

Dr. Peter Kristen,

Evangelischer Pfarrer und Studienleiter, Religionspädagogisches Institut Darmstadt
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Sich schämen, das ist ein starkes Gefühl. Verkriechen möchte man sich, damit man nicht sieht, wie ich unvermeidbar rot werde im Gesicht. Menschen schämen sich, wenn sie eine Regel brechen, die sie für sich selbst akzeptiert haben und richtig finden. Auch Adam und Eva im Paradies haben sich erst für ihre Nacktheit geschämt, als sie ein Gebot Gottes übertreten hatten.

"Flugscham", "Kinderscham" - neues Schämen ist angesagt

In den letzten Monaten ist bei vielen die Einsicht gereift, dass der Planet, auf dem wir leben, an seine Grenzen gestoßen ist. Nur alle Menschen gemeinsam können verhindern, dass die Generationen nach uns vor unlösbare Klimaprobleme gestellt werden. Das hat auch Folgen für das, wofür wir uns schämen können. Neue Worte tauchen auf: „Flugscham“ und „Kinderscham“.

„Flieg so wenig wie möglich“, sagt das Gewissen, „das spart CO2. Adoptiere lieber ein benachteiligtes Kind, statt eigene zu haben, das hilft der Erde.“ Manche gehen noch weiter und schämen sich dafür, dass sie überhaupt da sind und dem Planeten schaden. Wäre gar kein ökologischer Fußabdruck nicht die beste Lösung?

Solche moralische Beschämung bringt wie selbstverständlich bei anderen die Lust daran hervor, die neuen Grenzen zu überschreiten. Einer klebt sich einen „Fuck you Greta“-Aufkleber auf seinen SUV, beißt in seinen Burger aus argentinischem Rindfleisch und gibt so richtig Gas, damit er seinen Flug von Frankfurt nach Berlin erwischt.

Sich nicht vor Scham verkriechen, sondern ein anderer Mensch werden

Darf sich für Klimagerechtigkeit wirklich nur einsetzen, wer alle seine Forderungen selbst erfüllt, zu 100%? Als Christ glaube ich, dass ich von Gott gewollt bin und geliebt. Als Mensch habe ich dann auch einen ökologischen Fußabdruck.

Ich denke, es ist gut, wenn meine Scham gerade nicht dazu führt, dass ich mich still verkrieche, sondern dazu, dass ich mich auf den Weg mache und beginne ein anderer zu werden und mein Verhalten nachhaltig zu verändern!

In der Klimakrise brauchen wir möglichst viele, die mit aufbrechen und ihr Recht nutzen, andere zu werden. Manche müssen noch ein bisschen schneller laufen lernen, andere sind uns voraus – keiner muss da stehen bleiben, wo er ist.

Das ist dann Gnade, dass auch die innerdeutschen Vielflieger das ja nicht bleiben müssen.

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