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Fange immer wieder an!
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Fange immer wieder an!

Prof. Dieter Wagner
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Prof. Dieter Wagner,

Oberschulrat i. K. i. R., Künzell
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Ein junger Mann mit Dreitagebart und einer kleinen, runden Brille möchte es knapp und genau wissen: „Was ist der Sinn des Lebens?“ Das fragt er den korrekt gekleideten Beamten, über dessen Schalter „Auskunft“ steht. Der Beamte sieht verdutzt aus. Etwas scheint seine gewohnte Ordnung zu sprengen. Diese Szene entstammt einer älteren Karikatur (Jan Tomaschoff) und hat sich so wohl nie zugetragen. Doch gerade wegen ihrer ironischen Verzeichnung gibt sie eine Faser menschlichen Lebens treffend wieder. Den Wunsch nämlich, nach einer klaren und fasslichen Antwort auf die eine große Frage: Was ist der Sinn des Lebens? Besser noch: Was ist der Sinn meines Lebens? Die Vorstellung, an einem Auskunftsschalter Aufschluss über den Lebenssinn zu erhalten, ist nicht ohne Reiz. Realistisch aber ist sie nicht! Hilfreicher dagegen scheint mir, was ein mittelalterlicher Mystiker (Thomas von Kempen) auf die Frage nach dem Sinn des Lebens geantwortet hat: „Fange immer wieder an!“ Obwohl dieser Satz unspektakulär, ja banal klingt, zeigt er mir eine zuverlässige Perspektive. Er schickt mich auf einen lebenslang zu beschreitenden, sehr persönlichen Weg. Das Wort vom fortwährenden Anfangen hat zumindest diesen entscheidenden Vorteil: Es ist nahe an meinem Leben. Denn das, was ich als meinen Lebenssinn empfinde, kann ich nur aus der Bewegung heraus erkennen, durch das Antworten auf Fragen, die sich mir unterwegs stellen.
Der Lebenssinn hat – wie alles Wertvolle im Leben - mit Wachstum und mit Wartenkönnen zu tun – und auch mit dem täglichen Beginnen. Der Sinn ist ja nicht einfach da, er wird. Wer als Kind und Jugendlicher - mehr erahnend als wissend - einen Lebenssinn entdeckt, wird während des Berufslebens nach neuen Ausdrucksformen suchen. Und später, wenn er älter geworden ist, werden die Antworten wiederum geprüft. Häufig konzentrieren sie sich auf das im letzten Tragende und Bindende. Diese fortlaufende Bewegung lässt Menschen immer wieder von neuem anfangen.
„Fange immer wieder an!“ Das scheinbar einfache Wort greift in die Tiefe meines Lebens. Keine Schnellauskunft wird mir auf Dauer den Weg weisen können, kein korrekt gekleideter Beamter am Auskunftsschalter. Denn die Antworten, die mich weiterbringen, wachsen mit mir, mit meinen Fragen und meiner Reife, mit der Offenheit, mit der ich mich auf das Leben einlasse. Nicht das Festhalten an dem einmal Erlernten wird mich durchs Leben tragen, sondern meine Wachheit und der Mut zum Beginnen. Mein Sinn ist nicht, er wird. Deshalb versuche ich mit Gottes Hilfe immer wieder anzufangen.

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