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Die Kunst, einen Kaktus zu umarmen
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Die Kunst, einen Kaktus zu umarmen

Eva Reuter
Ein Beitrag von

Eva Reuter,

Katholische Dekanatsreferentin, Dekanat Mainz-Stadt, Mainz
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Am Kühlschrank meiner Freundin hängt eine Postkarte. Darauf steht „Einen Pubertierenden zu erziehen, ist wie einen Pudding an die Wand zu nageln.“ – Ich finde die Postkarte lustig, weil sie so absurd ist. Wer will schon einen Pudding an die Wand nageln?

Ich empfinde die Situationen im Zusammenleben mit einer pubertierenden Tochter – und wir leben seit Wochen mehr zusammen als sonst – zum Teil als ziemlich absurd. Da sind Anfälle von Pubertätsdemenz (die gibt’s wirklich), die sich darin äußern, dass in der Küche ein halbfertiges Müsli vergessen wurde oder Schranktüren grundsätzlich offenstehen. Da gibt es aber auch lautstark vorgetragene Plädoyers über die Ungerechtigkeit des Lebens im Allgemeinen oder der Unfähigkeit von Lehrpersonen im Besonderen. Und wehe, ich habe meinen bescheidenen Wortbeitrag zu irgendeinem Thema – egal von welcher Relevanz – nicht hundertprozentig korrekt formuliert. Sofort werde ich korrigiert!

Ab und zu muss ich aufpassen, dass ich nicht lache über die Schusseligkeit, die Empörung oder die Situation insgesamt. Denn erstens erinnere ich mich noch an meine Pubertät, und zweitens weiß ich: Die Pubertät ist eine Phase, in der so viele Prozesse im Gehirn und im Körper ablaufen, dass die Betroffene es nur zum Teil in der Hand hat, wie sie reagiert.

Um diese Prozesse ein bisschen besser zu verstehen, habe ich mir ein Buch gekauft, das heißt „Die Kunst, einen Kaktus zu umarmen“. Es hat – wie jeder Ratgeber – ein paar brauchbare Tipps, aber auch Empfehlungen, die nicht zu unserem Leben passen.

Was mich an dem Titel und an dem Buch aber fasziniert, ist die Grundhaltung, die dahintersteckt: Es geht um bedingungslose Liebe. Auch ein Kaktus ist ein Lebewesen, das Liebe braucht. Sonst nicht viel, aber Liebe.

Ich finde das ein schönes Bild für den Umgang mit Menschen in jeder Lebensphase – und besonders mit den schwierigeren. Wenn ich mich einem Kaktus nähere, tue ich das mit Vorsicht. Ich akzeptiere ihn als stachelig – aber ich werte ihn deshalb nicht ab. Ich sage ihm auch nicht: „Du musst jetzt ein Gänseblümchen sein oder eine Mohnblume“.

Ich überfalle einen Kaktus nicht mit zu viel Fürsorge. Die meisten Kakteen schätzen es nicht, dauernd gegossen zu werden. Aber ich schaue nach meinem Kaktus, freue mich, wenn er blüht und hin und wieder, wenn die Gelegenheit günstig ist, spreche ich mit ihm. Und manchmal streichele ich ihn ganz vorsichtig. Es ist eine Kunst, einen Kaktus so zu umarmen, dass man selbst nicht verletzt wird und ihm nichts abbricht.

Eigentlich ist diese Haltung zutiefst christlich. Jesus hat auch jeden Menschen so genommen wie er war – gerade auch die schwierigen. Er hat sich ihnen vorsichtig genähert. Meistens hat er gefragt, was ihnen fehlt oder ob er etwas für sie tun kann. Er hat sie nicht mit seiner Fürsorge ungefragt überschüttet, aber hin und wieder, wenn die Situation sich ergab, hat er sie umarmt oder berührt.

Umarmungen und Berührungen gibt es zurzeit viel zu wenige für meinen Geschmack. Ich denke darüber nach, wie es wohl Menschen geht, die auch vor Corona zu wenig umarmt wurden, weil zu wenige Menschen die Kunst erlernt haben, einen Kaktus zu umarmen. Es gibt Situationen, in denen die richtigen Worte schwierig zu finden sind, aber eine Umarmung drückt alles aus, was wichtig ist.

Ich wünsche mir, dass wir uns bald wieder mehr umarmen – und dass wir nicht müde werden, zu üben, wie wir auch Kakteen umarmen können.

 

 

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