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Das erste Mal

Das erste Mal

Andrea Maschke
Ein Beitrag von

Andrea Maschke,

Pastoralreferentin im Zentrum für christliche Meditation und Spiritualität, Frankfurt
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„Wann hast du das letzte Mal etwas zum ersten Mal gemacht?“ Das stand auf den Plakaten, die ich dieses Jahr häufig in Bad Homburg und Umgebung gesehen habe und die mich sehr angesprochen haben. Da sah man zum Beispiel von hinten zwei Männer, die nachts nackt in einen See springen, oder eine ältere Dame in ihrem Wohnzimmer, die mit Hilfe einer Spezialbrille in virtuellen Welten unterwegs ist, oder auch einen Mann mittleren Alters, der sich mutig das erste Mal auf ein Skatboard wagt.

Das erste Mal, das heißt Mut, Neugier und manchmal hat es den Hauch von Verbotenem: etwas Neues, nicht Alltägliches… Das spricht mich an, denn es weckt die Sehnsucht nach einem neuen Kick, nach überraschenden Freuden, nach Unterbrechung der Routine. So als würde man die Zeit anhalten – und ein bisschen ist das ja tatsächlich so. 

Wir wissen: Die Zeit vergeht gefühlt schneller je älter man wird. Die meisten werden das bestätigen. Und das kommt wohl daher, dass man als Kind ständig Neues entdeckt und macht und lernt und als Jugendliche auch noch ziemlich oft. Je älter man wird, desto häufiger wiederholen sich Abläufe…. und desto weniger „Neues“ erinnern wir anschließend.

Was habe ich dieses Jahr zum ersten Mal gemacht? Ich versuche mich zu erinnern: Ich war das erste Mal dabei, wie ein Mensch im Krankenhaus seinen letzten Atemzug getan hat und gestorben ist. Ich bekam das erste Mal Akkupunktur, doch es hat leider nicht so viel genutzt, wie ich erhofft habe. Ich habe im Urlaub das erste Mal in einer Bäckerei auf Kroatisch Brötchen bestellt und genau die bekommen, die ich wollte. Ich bin das erste Mal E-Bike gefahren. Ich hatte das erste Mal meine kleine Nichte zum Übernachten zu Gast.

Das reicht natürlich nicht, um auf einem Plakat zu landen. Und wäre ich mutiger, dann fiele diese Liste vielleicht auch spektakulärer aus. Dann würde ich öfters mal über meinen Schatten springen. Deutlicher meine Meinung sagen. Mutiger andere unterstützen. Ich wünsche mir auch oft, meinen Glauben und damit meine Überzeugung mehr zu leben, öfters vom Reden ins Handeln zu kommen.

Ich könnte zum Beispiel der obdachlosen Frau, die mich alle paar Tage an der U-Bahn-Station anspricht und um Geld bittet, zum ersten Mal nicht nur einen Euro geben, sondern sie auch nach ihrer Situation fragen. Oder ich könnte, auch das zum ersten Mal, mal eine Müllsammelaktion organisieren in der Grünanlage hinter der Kirche. Oder, was ich mich bisher nicht getraut habe, ich könnte mal mitmachen beim politischen Straßentheater.

Wenn ich da nur ein bisschen überlege, dann fallen mir noch jede Menge mögliche „erste Male“ ein, die darauf warten, von mir mutig ausprobiert zu werden! Und wenn ich dann an so einem Plakat vorbei komme: Wann hast du das letzte Mal etwas zum ersten Mal gemacht, dann denk ich mir: Och, das ist noch gar nicht so lange her.

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