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Danken an Muttertag?
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Danken an Muttertag?

Ksenija Auksutat
Ein Beitrag von

Ksenija Auksutat,

Evangelische Pfarrerin, Darmstadt
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Heute Nachmittag fahre ich mit einem Blumenstraß zu meinen Eltern. Viele finden ja eigentlich den Muttertag doof. Auch manche Mütter. Sie haben Recht, wenn sie sagen, das bringt ihnen gar nichts, wenn an einem Tag im Jahr so ein Aufheben darum gemacht wird. Sie sagen: Schließlich sind sie ja immer für die Familie da. Jeder Tag ist Muttertag, sozusagen.

Aber sie haben auch nicht recht. Man hat ja auch nur einmal im Jahr Geburtstag – auch wenn es jeden Tag schön finden kann, dass man auf der Welt ist. Und dennoch ist da ein Tag, an dem man sich daran erinnert: man ist etwas Besonderes.

Und so ist es für mich auch heute mit dem Tag, an dem ich mich an meine Mutter erinnere. Für mich auch ein Tag, an dem ich sie besuche. Als Kind habe ich ihr meistens am Abend vorher Flieder gepflückt. Und am Morgen haben wir drei Geschwister ihr das Frühstück ans Bett gebracht, mit Vaters Hilfe, klar. Auch wenn unsere Mutter das eigentlich gar nicht mochte, wegen der Krümel im Bett.

Ich bin sehr froh, dass wir drei Kinder bis heute einen guten Kontakt zu unseren Eltern haben. Wir versuchen, heute vorbei zu kommen oder wenigstens anzurufen. Zwischen uns gab es im Laufe der Lebensjahre auch mal Spannungen und Konflikte. Aber nie so heftig, dass wir nicht mehr miteinander geredet hätten.

Ich denke heute besonders an die Familien, in denen Kinder und Eltern keinen Kontakt mehr haben. Davon gibt es viele. Laut Schätzungen von Soziologen sind in Deutschland mindestens 100.000 Eltern davon betroffen, dass ihre erwachsenen Kinder den Kontakt zu ihnen abgebrochen haben.

Ich habe mit zwei Frauen darüber gesprochen, die das erlebt haben: Mit einer Mutter, deren Tochter die Verbindung beendet hat. Und mit einer Tochter, die zu ihrer Mutter keinen Kontakt mehr hat. Sie sind aus unterschiedlichen Familien. Für mich stehen sie stellvertretend für viele andere.

Wenn erwachsene Kinder den Kontakt abbrechen, lässt das Eltern fassungslos zurück. Martha zum Beispiel. Sie kam zu mir, weil sie keinen Kontakt mehr zu ihrer Tochter hat. Jeden Tag fragt sie sich: Warum will mein Kind mich nicht mehr? Es tut ihr unendlich weh. Sie fragt sich: „Was habe ich falsch gemacht?“ Sie denkt so viel nach. Es war doch aus ihrer Sicht alles normal. Klar, es gab mal Schimpfe, aber sie war doch immer für ihre Tochter da. Zweifel hat sie, was die Gefühle angeht, schon. „Vielleicht konnte ich es ihr nicht so zeigen?“, fragt sie sich. Eine Antwort könnte ihr nur ihre Tochter geben. Aber die schweigt. Sie ruft nicht an, Briefe an sie kommen ungeöffnet zurück. Der Muttertag heute ist für Martha darum ein schwerer Tag. Denn ihr Kind wird ihr nicht danken. Vielleicht wird sie nie erfahren, warum.

Was mir in einem zweiten Gespräch eine Tochter erzählt hat über ihr gestörtes Verhältnis zu ihrer Mutter, muss deshalb nicht automatisch passen auf die Geschichte von Martha und ihrer Tochter.

Was jedoch oft gilt: Wenn die Kommunikation zwischen Eltern und Kindern unterbrochen wird, war sie oft bereits vorher über längere Zeit belastet.

Oft sind es Geschichten von emotionalem Druck und fehlender Liebe. Manchmal ganz krass durch Erfahrungen von Gewalt, durch seelischen oder körperlichen Missbrauch. Auch ohne solche schlimmen Verbrechen gibt es kalte Beziehungen zwischen Eltern und Kindern. Dann empfinden erwachsene Kinder: Es gibt nichts oder nur wenig, wofür sie danken können. Davon erzählt mir Anne. Sie ist heute 35 Jahre alt. Sie hat mir erzählt, warum sie keinen Kontakt mehr zu ihrer Mutter haben möchte. Anne beschreibt die Atmosphäre in ihrer Familie als kalt und lieblos. Sie bekam das Gefühl vermittelt, nicht so zu sein, wie die Eltern sie gerne hätten. Das verletzte und verunsicherte sie zutiefst. Als sie noch kleiner war, so erzählt sie, hätte sie alles versucht, um Liebe oder wenigstens Anerkennung von ihren Eltern zu bekommen. Aber Herzlichkeit und Wärme fehlten. Sie erlebte sich als ohnmächtig, als traurig und manchmal sehr wütend. Auch als Anne schon erwachsen war, erlebte sie ihre Eltern bei Besuchen und Anrufen immer noch als verletzend, kritisch, ablehnend. Sie flüchtete in exzessive Partys, trank zu viel, begann sich zu ritzen. Und irgendwann beendete sie jeden Kontakt zu ihren Eltern.

Für sie war das eine Befreiung. Und ein Schutz vor weiteren Verletzungen. Sie glaubt nicht, dass ihre Eltern verstehen, warum sie so handelt. Sie erlebt, dass Tanten und Freunde ab und zu bei ihr anrufen und versuchen, sie zum Einlenken zu bewegen. Ihre Eltern seien so unglücklich, sie könnten sich überhaupt nicht erklären, warum sie den Kontakt nicht möchte, sagen sie dann. Aber das will sie keinesfalls.

So hat es mir Anne erzählt, die junge Frau aus der einen Familie.

Und Martha hat mir ihre Geschichte erzählt, die ältere Mutter aus einer anderen Familie, deren Tochter den Kontakt abgebrochen hat und sie weiß nicht, warum. Beide kamen zu mir, um von ihrer Traurigkeit zu erzählen. Sie haben mir ihr Herz ausgeschüttet, ihre widersprüchlichen Gefühle angeschaut.

Ich habe beide Frauen gefragt: Sie sind zu mir als Pfarrerin gekommen. Was erhoffen sie sich von mir? Die Mutter sagte: Was kann ich denn noch machen? Die Tochter sagte: Was sonst sollte ich denn tun? Ich sage: Vielleicht Gott fragen?

Eine wichtige Beziehung ist gestört, die zwischen Eltern und Kind. Wie immer, wenn Menschen nicht mehr miteinander reden wollen, kann niemand sie dazu zwingen. Aber sie können mit anderen reden, sich therapeutische Hilfe suchen, um etwas zu klären oder ihr Verhalten neu zu überdenken. Jetzt hat jede von ihnen mit mir geredet, einer Pfarrerin. Es waren ja zwei Gespräche zu unterschiedlichen Zeiten, und Frauen aus verschiedenen Familien.

Ich sitze also gegenüber. Und frage in die Stille: Was, wenn Gott Ihnen jetzt auch zugehört hat? Die Stille wird noch etwas tiefer. Die Mutter sagt: Gott könnte mir vergeben. Meine Tochter nicht. Die Tochter sagt: Gott liebt mich. Meine Mutter nicht.

Es gibt die Wirklichkeit, das Leben dieser beiden Menschen. Mit allen Begrenzungen, mit den Enttäuschungen, dem Kummer. Doch zu diesem Leben gehört auch, dass sie sich nicht begrenzen lassen auf das, was Menschen füreinander sind.

Martha, die Mutter fragt sich, was sie falsch gemacht hat. Sie empfindet starke Schuldgefühle. Um für sich wenigstens ein bisschen Frieden zu finden, fragt sie nach der Vergebung Gottes. Gott verbindet Menschen über tiefe Gräben hinweg. Gott umgreift alles, also auch die Sprachlosigkeit zwischen Menschen. Darauf kann sie zugehen, darin sucht sie Trost.

Anne, die Tochter, die ihre Eltern als lieblos erlebt hat und sich davon zutiefst verunsichert und verletzt fühlt, hofft auf den liebenden Gott. Auch wenn ihre Familie engherzig war – sie ist Teil der großen Familie Gottes, ein geliebtes Gotteskind.

Nach beiden Gesprächen bin ich mit meiner Gesprächspartnerin hinüber zur Kirche gegangen. Am Altar habe ich eine Kerze angezündet und dann Gott vom Kummer erzählt. Und für sie um Stärkung gebeten. Um Vergebung, wo Schuld ist. Um Bewahrung in der Liebe Gottes, die größer ist als alle menschliche Enge.

Beten heißt, dass Schweigen für einen Moment zu durchbrechen. Vielleicht nicht zwischen den betroffenen Eltern und ihrem Kind. Aber eine neue Richtung öffnet sich.

Der Muttertag heute ist für mich ein Tag, um dafür zu danken, dass ich eine Mutter habe. Inzwischen habe ich selbst eine Tochter. Zwischen uns ist auch nicht alles einfach gewesen, ich bin vieles schuldig geblieben. Ich danke heute am Muttertag darum auch Gott, der mich liebt und mir vergibt. Aus dieser Gewissheit heraus versuche ich, zu lieben und zu vergeben. An jedem Tag im Jahr, schließlich hat man ja immer eine Familie.

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