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Alles hat seine Zeit
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Alles hat seine Zeit

Stephan Krebs
Ein Beitrag von Stephan Krebs, Pfarrer, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Darmstadt

Helmut könnte jedes Mal ins Lenkrad beißen, wenn er in einen Stau gerät. Vertane Zeit, denkt er. Zeitverlust, hört er im Radio und will, dass es sofort weitergeht! Yvonne hat eine dicke Erkältung, die ihr sehr ungelegen kommt, gerade jetzt. Ihr Apotheker sagt: So eine Erkältung braucht ihre Zeit. Yvonne will aber sofort wieder gesund sein! Martina will auf einer Website etwas bestellen. Aber die Seite baut sich nur langsam auf. Nach drei Sekunden klickt Martina entnervt wieder weg. Sie will die Seite sofort sehen.

Warten, langsam machen, Geduld haben – das steht heutzutage nicht allzu hoch im Kurs. Vieles soll möglichst sofort passieren. Sofortness – so hat das der Schriftsteller Peter Glaser schon 2007 genannt. Diese Sofortness macht Stress, insbesondere denen, die all das, was verlangt wird, sofort liefern sollen. Schnell, schneller, sofort – um dieses Phänomen geht es der evangelischen Aktion Sieben Wochen Ohne in diesem Jahr. Die Aktion meldet sich immer zur Passionszeit, das sind die sieben Wochen vor Ostern. Also jetzt. Diese Wochen vor Ostern sind im christlichen Jahreskalender traditionell eine Zeit der Buße und der Besinnung, also eine Fastenzeit. Früher durfte man da kein Fleisch essen und keinen Alkohol trinken. Heute nutzen viele Menschen diese Wochen von sich aus. Sie prüfen, wie frei sie noch sind: Schaffe ich noch sieben Wochen ohne Schokolade, Alkohol, Mobiltelefon, Auto? Es gibt vieles, das einem im Alltag unentbehrlich erscheint. Fasten im Selbstversuch. Dafür bietet die Aktion Sieben Wochen Ohne alljährlich ein neues Thema an. Dieses Mal lautet es: Sieben Wochen ohne Sofort.

Gegen zu viel Sofort gab es früher zwei starke Entschleunigungskräfte. Die erste war die Natur. Wenn es Nacht wurde, musste man mit vielem aufhören. Wenn der Winter kam, konnte man draußen nicht mehr viel tun. Im Frühjahr konnte man säen, aber bis zur Ernte musste man dann warten. Die Halme wuchsen nicht schneller, wenn man an ihnen zog. Im Gegenteil: Sie brachen ab. Heute können wir die Nacht zum Tag machen und den Winter zum Sommer. Bei vielem bestimmt der Mensch das Tempo. Und das bedeutet oft: Jedes Jahr ein wenig schneller, produktiver und billiger.

Der zweite Entschleunigungseffekt sind die christlichen Sonn- und Feiertage. Sie gehören quasi zur DNA der abendländischen Kultur. Eine Erfolgsgeschichte, denn sie sorgen für Auszeiten vom hektischen Alltag. Sie öffnen einen Raum sich zu erholen, für Familie, was gemeinsam zu tun und für etwas Muße zum Nachdenken. Das braucht man, denn der Mensch ist mehr als seine Arbeit. Aber diese Feiertage stören natürlich das drängende Sofort. Emails bitte rund um die Uhr und auch am Wochenende. Wohin wird das führen? Unter dem Diktat des Sofort geht schon jetzt vielen Leuten die Puste aus.

Diesem Sofort stellt die Aktion Sieben Wochen Ohne einen biblischen Text entgegen. Er stammt aus dem Buch des Predigers Salomo:

Ein jegliches hat seine Zeit und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde. Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit. (Prediger Salomo 3,1 ff.)

Die englische Übersetzung dieses Textes hat der Folksänger Pete Seeger 1959 zu einem Song vertont. Sechs Jahre später erreichte damit die Popgruppe The Byrds den ersten Platz in den US-Charts. Der Titel lautet: Turn, Turn Turn.

Musik: "Turn, Turn, Turn" von The Byrds

Dieser Song dürfte unter den Nummer-1-Hits aller Zeiten den ältesten Text haben. Weit über 2000 Jahre sind diese biblischen Verse alt. Und sie strahlen eine tiefe Gelassenheit aus. Sie bauen die innere Spannung ab. Es darf langsamer gehen. Es darf auch mal dauern. Auszeit vom Sofort.

Doch wer in die Bibel schaut, bekommt selten nur die Anregung, die er haben möchte. Meistens gibt einem die Bibel noch mehr mit. Sie führt einen in die Tiefen des Lebens. Das gilt auch hier.

Die Verse aus dem Predigerbuch stammen offenbar von einem lebenserfahrenen Menschen. Er fasst in ihnen seine Lebensweisheit zusammen. Darin bieten Ordnungen Geborgenheit, denn sie regeln alle Abläufe des Lebens. Wer sie kennt und achtet, dem ist gelingendes Leben sicher. Die anderen können sich noch so abmühen, erzwingen können sie nichts. Das Leben entfaltet sich in den Grenzen, die Gott ihm setzt. Nicht alles ist machbar. Schon gar nicht gleich. Wenn man das nicht akzeptieren kann, dann wird man bitter und verfehlt sein Leben. Wenn man es akzeptieren kann, geht es einem besser. Dann kann man genießen, was einem das Leben bietet. Das hält Salomo inzwischen für den eigentlichen Sinn des Lebens: Genieße das Leben und lass den Dingen ihren Lauf. Alles liegt ohnehin in Gottes Händen.

Salomo geht sogar noch einen Schritt weiter. Er rät: `Akzeptiere nicht nur, dass nicht alles machbar ist. Sondern sei darüber sogar froh, denn das entlastet dich. Nicht alles liegt auf deinen Schultern.´ Für Salomo ist das ein tröstlicher Gedanke.

Doch nicht jeder mag dem folgen, denn diese Verse enthalten auch eine Zumutung. Wer will schon ernsthaft zurück zu den alten Zeiten, in denen man noch mehr oder weniger geduldig gewartet hat? Beispiel Fotografie: Wer will denn heute noch zwei Wochen darauf warten, das der Dia-Film endlich entwickelt ist und zurückkommt? Ist doch prima, dass man sich jetzt jedes Bild gleich auf dem Bildschirm ansehen kann! Und wer wäre nicht froh, dass in Hessen bei einem Notfall der Rettungswagen innerhalb von zehn Minuten vor Ort sein soll! Manchmal ist das Sofort schon wichtig und richtig. Insofern kann man diesen Text auch einfach beiseite wischen: hübsche Poesie von früher. Überholt von der Tempo-Gesellschaft. Allenfalls noch geeignet als Sehnsuchtstext für schwache Momente.

"Alles hat seine Zeit." Diese Worte des Salomo haben es also in sich. Einerseits ermutigen sie gehetzte Menschen sich zu entschleunigen. Sie dürfen sich eine Auszeit vom Sofort gönnen und alles weitere Gott anvertrauen. Aber sie bringen einen auch ganz schön ins Grübeln über das Leben.

Musik: "Turn, Turn, Turn" von The Byrds

Lieben hat seine Zeit, hassen hat seine Zeit; Streit hat seine Zeit, Frieden hat seine Zeit. Herzen hat seine Zeit, aufhören zu herzen hat seine Zeit.

Biblische Verse geben einem meistens nicht nur die Anregung, die man sich gewünscht hat. Sondern sie fordern einen auch heraus. So ist es wohl auch dem Folksänger Pete Seeger ergangen. Vermutlich haben ihn, den Friedenskämpfer, den Bürgerrechtler die Verse des Salomo getröstet. Sonst hätte er aus ihnen wohl kaum einen Song mit so viel Seele gemacht. Aber sie haben ihn auch provoziert. Hat wirklich alles seine Zeit und seinen Platz im Leben? Das hieße ja: Wo Liebe ist, ist auch der Hass nicht weit. Wo Frieden herrscht, muss es irgendwann wieder Krieg geben. Ist das so? Dann hätte der Kampf um Frieden und Gerechtigkeit keinen Sinn, weil eben alles seine Zeit hat. Ein tieftrauriger Gedanke. Das hat wohl auch Pete Seeger umgetrieben, denn er war eher ein Mann der Hoffnung. Deshalb hat er die biblischen Verse um einen Refrain ergänzt. Der besteht nur aus dem dreifach gesungenen Wörtchen Turn. Das heißt so viel wie: Bewege dich, verändere etwas. Christlich gesprochen: Kehre um. Das ist genau die Idee der Passionszeit, der Zeit jetzt vor Ostern.

Mit diesem kleinen Wörtchen Turn gibt Seeger seinem Song eine doppelte Botschaft: ,Ihr Kämpfer für eine bessere Welt, ruht euch mal aus. Doch dann bewegt euch wieder. Verändert die Welt – mit langem Atem.‘

Pete Seeger geht mit seinem Song über den biblischen Prediger Salomo hinaus. Und das ist gut so, denn insgesamt gibt die Bibel Pete Seeger Recht. Das Leben hat ein Vorzeichen. Liebe ist besser als Hass, Frieden ist besser als Krieg. Und es ist sowohl ein Anliegen Gottes, als auch eine Sehnsucht der Menschen, in diese Richtung zu zu leben.

Mit Gottes Hilfe ist das Leben veränderbar, wenn auch nicht immer sofort. Sich darauf wieder zu besinnen, ist eine Chance der Passionszeit. Ein paar Wochen ohne Sofort helfen dabei. Sie öffnen Auszeiten zum Auftanken der Hoffnung. Auch das hat seine Zeit.

Musik: "Turn, Turn, Turn" von The Byrds

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