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Lob der Langeweile
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Lob der Langeweile

Andrea Maschke
Ein Beitrag von

Andrea Maschke,

Katholische Pastoralreferentin in Bad Homburg / Friedrichsdorf

Beim Ausräumen vor meinem Umzug bin ich auf ein Bild gestoßen, eine alte Zigarettenwerbung. Ich habe sie vor vielen Jahren aus einer Zeitschrift ausgeschnitten und dann in einen Glasrahmen gesteckt. Dieses Bild hat mich einige Jahre durchs Studium begleitet - lang ist‘s her. Es zeigt einen gut gelaunten, recht lässigen, jungen Mann, der das Leben offensichtlich genießt und – wie man heute sagen würde: chillt“ und darunter steht: Heute mache ich mal, was ich will: nichts“. Meine Freundin und ich haben diesen Typen damals Jean-Luc getauft und solche wunderbaren freien Tage folglich „Jean-Luc- Tage“.

Seitdem sind die Jean-Luc-Tage seltener geworden. Jean-Luc schaut nicht so aus, als ob ihm langweilig wäre – obwohl er doch nichts zu tun hat.

Langeweile, da fallen mir manche Sonntagnachmittage in meiner Kindheit ein, an denen die Zeit lang wurde. Und auch meine kleine Nichte stöhnt immer mal: „Mir ist langweilig“, wenn sie beschäftigt werden will oder einfach Aufmerksamkeit möchte.

Heute, als Erwachsene, ist ja eigentlich immer was zu tun und trotzdem gibt es diese Tage, an denen ich kaum was mit mir anzufangen weiß – obwohl genug Arbeit wartet. Das sind oft Tage nach stressigen Zeiten, wenn der Druck nachlässt – und, so sagen wir manchmal, die Luft raus ist. Erst mal kein angenehmes Gefühl, und auch keines, über das man gerne spricht.

Kaum jemand gibt zu, dass ihm manchmal langweilig ist und viele Menschen behaupten, dieses Gefühl gar nicht zu kennen. Das glaube ich nicht. Und ich möchte hier mal ein Loblied auf die Langeweile anstimmen, denn ich bin überzeugt davon, dass diese Tage oder Stunden heilsam sind, um den Lauf zu unterbrechen, dem Kopf und Körper Freiraum zu schenken. Ein bisschen wie stille Meditation, finde ich. Da passiert ja innerlich auch eine Menge, obwohl man nur so da sitzt.

Heute jährt sich der langweiligste Tag des 20. Jahrhunderts. Englische Wissenschaftler haben mit einem komplizierten Mechanismus errechnet, dass der 11. April 1954 der langweiligste Tag des letzten Jahrhunderts war: ein Tag, an dem wenig Weltbewegendes passiert ist und die Nachrichten weltweit fast nichts zu berichten wussten.

Ist das nicht toll, keine Katastrophen, kein Krieg, kein politischer Umbruch? Nur das ganz normale Leben! Das würden wir uns für heute auch wünschen. – Und könnten dann vielleicht sogar einen Jean-Luc-Tag draus machen!

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