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"Von Liebe, Tod und Zuversicht"

"Von Liebe, Tod und Zuversicht"

Rüdiger Kohl
Ein Beitrag von Rüdiger Kohl, Evangelischer Pfarrer, Frankfurt-Bockenheim

Guido Westerwelle scheint sich verändert zu haben. Die Krebskrankheit und die Therapie haben Spuren im Gesicht des früheren Außenministers hinterlassen. Und auch sein Auftreten ist ungewohnt. Geradeheraus spricht und schreibt er über seine Gefühle. Zuletzt, als er ein Buch über seine Krankheit und seine Hoffnung auf Heilung vorgestellt hat. Die Worte wirken auch deshalb so stark, weil sie ganz anders sind als das bisher bekannte Bild des Politikers. Warmherzig war Westerwelle in der politischen Rolle eher selten zu erleben. Offen spricht er jetzt über Liebe, Tod und Zuversicht.

Ist das so, dass sich ein sich ein Mensch verändert, wenn er eine Krankheit durchleben muss? Der Arzt, der Guido Westerwelle behandelt, sieht das anders. Er meint, eigentlich bleibt der Mensch der gleiche. Wörtlich sagt er: "Oft erlebt man es, dass der Mensch sich wieder seiner wahren Größe bewusst wird. Man ändert sich nicht, sondern der wahre Kern kommt zum Tragen, der Ballast der Oberflächlichkeit fällt weg. Dann kommt die Schönheit im Menschen wieder hervor." Soweit der erfahrene Arzt.

Die wahre Größe eines Menschen. Die Schönheit im Menschen. Ich verstehe darunter die Fähigkeit des Menschen, zu lieben und geliebt zu werden. So, wie das der Apostel Paulus beschreibt: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen. Hätte ich die Liebe nicht, so wäre ich nichts“ (1. Korinther 13,13).

Auf besondere Weise hat Guido Westerwelle Glaube, Hoffnung, Liebe erfahren. Der Politiker, der gewohnt war, über alles die Kontrolle zu behalten, musste lernen, auf andere zu vertrauen. Anderen zu glauben, dass sie es gut mit ihm meinen. Westerwelle denkt vor allem an zwei Menschen: an seinen Arzt und an seinen Mann. Sein Arzt sagte ihm: „Sie müssen sich fallen lassen“. Der Arzt sei jetzt der Kapitän an Bord. Und das Schiff, das er steuere, sei Westerwelles Leben. Und dann hat ihm die Liebe zu seinem Mann Michael geholfen, den Lebenswillen nicht zu verlieren. Deshalb ist sein Buch auch eine Liebeserklärung an ihn.

Guido Westerwelle ist derselbe geblieben, hat aber dazu gelernt. Er hat sich gefragt, welche Lebenslehren er zieht im Angesicht des Todes. Diese Erfahrung teilen viele Menschen, die durch Krisen hindurchgehen. Das muss keine bedrohliche Krankheit sein. Aber eine Krise. Eine Trennung. Oder der Verlust des Arbeitsplatzes. Wenn plötzlich alles anders ist als vorher. Viele fragen sich dann: Was ist wirklich wichtig im Leben?

Irgendwie hoffe ich, dass ich mir ab und zu diese Fragen auch dann stelle, wenn ich nicht in einer schweren Krise bin. Dass ich mir ab und zu klar mache: Gerade beschäftige ich mich mit zu vielen Dingen, die eigentlich gar nicht so wichtig sind. Dann hilft es, mir Zeit zu nehmen. Neu zu gewichten: Was ist wirklich wichtig? Und was weniger? Und dass ich dann nachsteuere. Wenn ich das mal mache, bekomme ich eine neue Sicht. Und fast immer rücken dann Menschen in mein Blickfeld, denen ich vertraue, die ich mag oder liebe. Und die mich lieben oder mögen. Die bestimmt bei einer Krankheit oder Krise an meiner Seite wären – aber Gott sei Dank auch im Alltag.

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