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We go higher
Bild: Pixabay

We go higher

Andrea Weitzel
Ein Beitrag von

Andrea Weitzel,

Katholische Schulseelsorgerin und Religionslehrerin, Hanau
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Heute ist der 11. September. Was haben Sie heute, vor 17 Jahren, am 11. September 2001 getan? Damals, als zwei Flugzeuge in die New Yorker Twin-Towers rasten? Dieses Datum und sein schreckliches Ereignis haben sich seitdem in das kollektive Gedächtnis der Menschheit eingebrannt. Ich erinnere mich sehr gut an die Situation, in der ich zum ersten Mal die Bilder aus New York sah. Von einem terroristischen Anschlag wird bald die Rede sein. Von etwa 3000 Opfern. Von 3051 Kindern, die ihre Eltern verlieren. Delaney Colaio ist eines dieser Kinder. Kurz vor ihrem dritten Geburtstag verlor sie ihren Vater und zwei Onkel in den Trümmern der Türme. Sie sagt heute: „Die Leuten hören ‚9/11‘ und denken automatisch an eine Tragödie. Sie sehen die Kinder der Anschlagsopfer und sehen eine Tragödie. Es ist auch eine Tragödie. Aber wir wollen, dass die Leute uns ansehen und Hoffnung sehen. Die Leute wissen nicht, dass es uns gut geht. Aber das tut es.“
Delaney möchte zeigen, dass Liebe und Verständnis letztlich allen Hass besiegen. Aus diesem Beweggrund heraus startete sie im Herbst 2017 die erste Dokumentation über 9/11-Kinder. „We go higher“, so der Titel des daraus entstandenen Films, erzählt deren Geschichten. Junge Männer und Frauen berichten sehr persönlich von ihren Erinnerungen an ihre Mütter und Väter. Von dem, was, wo und wie sie zurückblicken. Und wie sie mit dem Geschehenen leben. Ihnen gelingt es, den Hass zu überschreiten. Sie lassen ihn hinter sich. Dabei möchten sie Menschen in ähnlichen Situationen auf ihrem Weg in eine veränderte, aber versöhnte Zukunft mitnehmen: Gemeinsam weiter gehen – gemeinsam höher gehen, wie sie es im Filmtitel nennen! „We go higher“ soll, so berichtet die gleichnamige Homepage, „ein Werkzeug der Widerstandsfähigkeit für jeden“ werden – „überall, bei Verlust oder Trauma“.
Somit geht Delaney Colaios Anliegen weit über den privaten Bereich hinaus, macht Mut für jede Art von Schicksalsschlägen. Sie sagt: „Es ist eine Art Liebesbrief von uns an den Rest der Welt, der sagt: ‚Hey Leute, ihr werdet es überstehen. Ich fand, die Welt muss unsere Geschichten hören. Ich fand es sehr notwendig. Ich fühlte mich fast schon verantwortlich dafür, die Welt zu beruhigen, die derzeit in so großer Angst lebt.“
Mich berühren Stärke und Mut dieser jungen Frau sehr. Ihre ganz persönliche Antwort auf politische und private Abschottung und Diskriminierung, auf Fremdenhass und Sündenbocksuche, ist Vergebung und Versöhnung. Gar nicht laut genug können meines Erachtens solche Stimmen in unsere Welt hinein tönen!
Delaney für die biblische Aussage „Liebt eure Feinde“ zu vereinnahmen, steht mir nicht zu, erschiene mir auch viel zu plump. Und doch ist es genau das, was mir beim Anschauen des Filmes in den Sinn kommt. Dieses Wort Jesus von der Feindesliebe füllt sich mir an dieser Stelle neu mit Leben, mit Geschichten, mit Gesichtern.
Und auch meine Erinnerungen an den 11. September werden gefüllt und bereichert mit einer neuen Hoffnung. Yes, go higher, 9/11-Kids!

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