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Was tun, wenn etwas falsch läuft?
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Was tun, wenn etwas falsch läuft?

Stephan Krebs
Ein Beitrag von

Stephan Krebs,

Pfarrer, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Darmstadt
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Cat Stevens "Father and Son" und der Luthermoment

Manchmal hört man Sätze. Einmal im Kopf, gehen sie nicht mehr raus. Zu diesen Sätzen gehört bei mir eine Zeile des Sängers Cat Stevens. Sie stammt aus dem Song "Father and Son" und lauten so: Es ist nicht leicht still zu halten, wenn man herausfindet, dass etwas Falsches vor sich geht. Was tust du, wenn du an deinem Arbeitsplatz feststellst: Die Gesellschaft wird um hohe Summen betrogen? Was tust du, wenn du hörst, dass nebenan eine Frau geschlagen wird? Was tust du, wenn du verstanden hast: Die Menschheit fährt auf einen Abgrund zu, weil sie zu viel verbrennt. Der Klimawandel wird schreckliche Folgen haben, gegen die ist die aktuelle Pandemie nur ein kleines Wehwehchen. Das sind nur drei Beispiele von vielen.

Wann was tun - wann lieber raushalten?

Was tue ich, wenn mir so etwas klar wird? Ich weiß, was eigentlich richtig wäre. Ich kann auch etwas tun. Aber es kostet etwas. Vielleicht nur eine Auseinandersetzung. Es könnte aber auch den bisherigen Lebensstil verändern. Schalte ich mich ein? Oder halte ich mich lieber raus? Wer sich das fragt, hört verschiedene Stimmen in seinem Kopf. Sie klingen auch in dem Song von Cat Stevens an. Sie verteilen sich auf einen Vater und seinen Sohn. Der Vater rät zur Ruhe.

"Father and Son" von Cat Stevens: Es ist nicht an der Zeit, etwas zu verändern. Entspann dich, nimm es leicht. Du bist noch jung, das ist dein Fehler. Es gibt noch so vieles, das du wissen musst.

Gewissen, Vernunft, Glauben

Das ist nicht leicht. Es ist eben nicht leicht stillzuhalten, wenn etwas falsch läuft. Weil sich dann auch das eigene Leben falsch anfühlt. In einem hämmert das Gewissen und sagt: Es ist falsch. Tu etwas dagegen! Die Vernunft sagt: Es ist ungerecht. Sei ein Teil der Lösung, nicht des Problems. Und wer einen Glauben in sich trägt, wird den Auftrag Gottes spüren: Stehe ein für den Frieden und die Gerechtigkeit und bewahre die Schöpfung. Das sind starke innere Stimmen. Viele folgen ihnen trotzdem nicht. Denn es gibt noch andere Stimmen. Die warnen: Schau dich um. Was machen die anderen? Die machen nichts. Denk an deinen Job. An deine Kollegen. Deine Ruhe. Alleine kann man sowieso nichts machen. Schon gar nicht gegen die da oben. Die Welt ist nun mal schlecht und man muss sehen, wo man bleibt. Diese Stimmen vertritt der Vater in dem Song von Cat Stevens. Und er tut das mit einem gewichtigen Einwand:

"Father and Son" von Cat Stevens: Lass dir Zeit, denk viel nach. Denk an alles, was du hast. Denn du wirst morgen noch da sein, aber deine Träume vielleicht nicht.

Wie tragfähig sind Träume und Ideale?

Wie wichtig ist mir das, was ich habe? Wie tragfähig sind dagegen meine Träume und Ideale? Was zählt mehr: Das Gewissen oder das, was ich habe, die persönlichen Vorteile? Ich erzähle von einem, der das für sich entschieden hat. Das war vor genau 500 Jahren. Es wirkt sich bis heute aus. 

Martin Luther will nicht, dass die Kirche Angst verbreitet 

Martin Luther. Er hatte herausgefunden: In der damaligen Kirche lief etwas gewaltig schief. Eigentlich sollte die Kirche Menschen ermutigen, im Vertrauen auf Gott zu leben. Stattdessen baute sie Gott als Drohkulisse auf und verbreitete damit Angst. Eigentlich sollte die damalige Kirche Menschen unterstützen. Stattdessen kassierte sie mit ihrem Ablasshandel kräftig ab. Damals war die Kirche zu einem gigantischen Machtapparat geworden. In dem hatten viele den Glauben aus den Augen verloren.

Mönch oder Rebell

Der Mönch Martin Luther sieht die Missstände und fragt sich: Was soll ich tun? Es ist meine Kirche. Ich habe ihr Treue und Gehorsam geschworen. Sie ist meine Heimat. Was tun? Luther könnte schweigen. Dann würde er als Mönch und Professor in Wittenberg ein gut situiertes Leben führen. Oder er könnte seine Kritik öffentlich machen. Dann würde er ein unsicheres Leben als Rebell führen. Eine schwere Entscheidung. Das merken alle, die feststellen, dass etwas schief läuft. Auch der Sohn in dem Song von Cat Stevens. Er singt:

"Father and Son" von Cat Stevens:Die ganze Zeit über habe ich geweint, habe alle diese Dinge, die ich wusste, für mich behalten. Das ist hart, aber es ist noch härter, sie zu ignorieren.

Nachdenken, prüfen und dann nicht schweigen

Luther tut sich schwer mit seiner Entscheidung. Er fragt sich: Ist meine Kritik berechtigt? Um sich zu prüfen, betet er viel, liest in der Bibel und denkt nach. Dann findet er zu einer klaren Haltung: Schweigen wäre Verrat an Gott. Und Verrat an den Menschen, die sich so sehr nach Trost und Hoffnung sehnen. Also schweigt Luther nicht. Dafür nimmt er auf sich, dass ihn die Kirche ächtet.

Luthers Wagen rollt durch Hessen

Wenn ihn nun auch der Kaiser verurteilt, wäre Luther so gut wie tot. Doch der Kaiser gibt ihm eine letzte Chance. Er bestellt ihn auf den Reichstag in Worms ein. Dort soll er seine Schriften widerrufen. Dann wäre er rehabilitiert. Luther stellt sich. Das ist der Moment, in dem es um alles geht. Luther ist kein verbohrter Ideologe, er will diskutieren. Dafür zieht er nach Worms. Heute vor 500 Jahren rollt sein Pferdewagen durch Hessen, irgendwo zwischen Bad Hersfeld und Alsfeld. Eine Woche später steht er in Worms vor dem mächtigen Kaiser.

Martin Luther auf dem Reichstag in Worms

Die Menschen am Straßenrand jubeln ihm zu wie einem Popstar. Für sie ist Luther ein Freiheitsheld. Einer, der den Mächtigen die Stirn bietet. Auch einige Fürsten sind ihm durchaus geneigt. Anders der Kaiser. Der regiert ein Weltreich im besten Einvernehmen mit der Kirche. Der Kaiser denkt gar nicht daran, mit Luther zu diskutieren. Er will ihn nur in die Knie zwingen. Luther ist verunsichert und bekommt eine Nacht lang Bedenkzeit: Gewissen oder gesichertes Leben? Gott - oder Kaiser und Kirche, wie sie ist?

Die Nacht der Entscheidung

Dann tritt er wieder vor den Kaiser und widerruft nichts. In der Nacht hat er seine drei starken Kräfte wieder gefunden: Erstens die Zuversicht, die er im Glauben findet. Sie ist stärker als die Angst, die ihm der Kaiser machen will. Zweitens sein Gewissen. Es ist stärker ist als der Lockruf der Bequemlichkeit. Und drittens die Vernunft. Guten Argumenten will er sich beugen, aber nicht der Macht. Der Glaube, sein Gewissen und die Vernunft– diese drei Kräfte machen ihn standhaft. Verdichtet zu einem berühmten Satz. Der wurde zwar erst nachträglich ergänzt, als seine Rede gedruckt wurde. Aber der Satz fasst alles gut zusammen: Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen.

Der Luthermoment: Ich widerrufe nichts

In Worms hat Luther seinen Luthermoment gefunden. Der Moment, in dem er klar erkennt: Auf mich kommt es an. Und ich weiß, was zu tun ist. Nicht viele erleben einen Luthermoment von solchem historischen Ausmaß. Aber im Kleinen schon. Das klingt auch in dem Song von Cat Stevens an. Darin erkennt der Sohn, dass er etwas tun muss:

"Father and Son" von Cat Stevens: Von dem Moment an, an dem ich sprechen konnte, wurde mir befohlen zuzuhören. Aber jetzt gibt es einen Weg, und ich weiß, dass ich weggehen muss. Ich weiß, dass ich gehen muss.

Nicht ruhig bleiben, wenn auf dem Planeten etwas falsch läuft

Heute ergeht es vielen wie damals Luther: Sie können nicht ruhig bleiben, denn es läuft manches falsch. Gerade jüngere. Kein Wunder: Sie haben mehr zu verlieren, mehr Zukunft vor sich, und weniger Chancen, ihre Zukunft schon jetzt mitzugestalten. Ich verstehe sie gut. Schon vor 50 Jahren, als der Song von Cat Stevens herauskam, wusste man es: Die Menschheit lebt zu sehr auf Kosten des Planeten. Die Ressourcen sind endlich. Der westliche Lebensstil kann nicht wie bisher weitergehen - schon gar nicht weltweit. Was tun?

Auf mich kommt es an!

Dafür kann man sich bei Luther einiges abgucken. Zunächst einmal die Erkenntnis: Ich kann etwas bewirken, auch auf mich kommt es an! Der erste Schritt ist dann, sich selbst kritisch zu prüfen: Stimmt überhaupt, was ich beobachte und denke? Dabei helfen die drei guten Kriterien Luthers, die auch heute noch taugen:

Erstens die Vernunft: Wohin weisen die Fakten und die Argumente?

Zweitens das Gewissen: Wohin weist mein innerer Kompass?

Drittens der Glaube: Was höre ich darüber von Gott?

Drei mal prüfen - dann handeln

Wenn alle drei in eine Richtung in eine Richtung weisen, dann ist es Zeit, etwas zu tun: Mitverantwortung übernehmen für die Mitmenschen, die Gesellschaft und für diesen Planeten. Einen Beitrag leisten. Klug sollte er sein und wirklich etwas nutzen. Er wird etwas kosten. Aber dafür bekommt man auch etwas: Das eigene Leben fühlt sich dann zumindest etwas richtiger an, denn man tut etwas für andere, für die Welt und damit auch für Gott.

 

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