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Taufe
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Taufe

Michael Tönges-Braungart
Ein Beitrag von

Michael Tönges-Braungart,

Dekan, Evangelisches Dekanat Hochtaunus

Ein Transformatorenkasten am Straßenrand. In der Mitte das Schild: „Achtung: Hochspannung!“ Drumherum haben ganz viele Menschen mit Kreide geschrieben: „Ich bin getauft“ oder „Ich auch!“ In verschiedenen Handschriften und Sprachen steht dieser kurze Satz hundertfach auf den grauen Metalltüren.

Ich habe diesen Transformatorenkasten in Wittenberg gesehen. Da fand in diesem Sommer die Weltausstellung Reformation statt. In einem Bereich der Ausstellung ging es um die Taufe. Es gab einen großen alten Taufstein aus Sandstein, an dem man sich einen Segen zusprechen lassen konnte. Und es gab für die Besucher ein Stück Kreide zum Mitnehmen.

Das sollte an Martin Luther erinnern. Von dem wird erzählt: Wenn ihn Ängste umgetrieben haben, wenn er unsicher war und ihn Fragen gequält haben, dann hat Martin Luther einen Satz mit Kreide auf seinen Arbeitstisch geschrieben: „Ich bin getauft!“

Für manche ist Luther eine Art Held, der unerschrocken dem Kaiser und dem Papst gegenüber seine Ansichten vertreten hat – ohne Angst vor den Folgen und allein seinem Gewissen gehorsam.

Die Geschichte mit der Kreide erzählt von einer anderen Seite Martin Luthers. Von den Ängsten und Zweifeln, die ihn umgetrieben haben. Von seiner Unsicherheit, ob er denn auf dem richtigen Weg ist. Von seiner Sehnsucht, bei Gott angenommen und geliebt zu sein. Und von der Ungewissheit, ob er denn vor Gott bestehen kann mit seinem Leben und seinem Glauben.

„Ich bin getauft!“ Diesen Satz hat Luther mit Kreide vor sich auf den Tisch geschrieben. „Ich bin getauft!“ Ausrufezeichen. Das war für Luther ein Satz gegen die Angst. Für ihn war die Taufe das sichtbare Zeichen dafür, dass Gott ihm seine Liebe zugesagt hat. Dass Gott ein Ja zu ihm gesprochen hat. Das Gott zu ihm gesagt hat: Du bist mein geliebtes Kind!

In der Taufe – das war für Luther ganz wichtig – sagt Gott das jedem Menschen ganz persönlich zu. Und auf das, was Gott zusagt, kam es für ihn bei der Taufe an. Nicht auf das, was Menschen tun.

Martin Luther hat übrigens heute, am 11. November, seinen Tauftag. Darum haben seine Eltern ihm auch den Namen des Heiligen gegeben, der zum 11. November gehört: Martin. „Ich bin getauft!“ So haben es viele Menschen mit Kreide auf den Transformatorenkasten in Wittenberg geschrieben. Und mittendrin das Schild: „Achtung: Hochspannung!“ Ich finde, das passt.

Denn bei der Taufe entsteht zwischen Gott und dem Menschen eine Verbindung. So etwas wie ein Spannungsbogen. Und in diesem Spannungsbogen fließt Energie, die lebendig macht, in Bewegung setzt; die Kraft gibt und Mut macht. Hochspannung ist allerdings auch gefährlich und flößt einem Respekt ein. So ist das auch in der Beziehung zwischen Gott und Mensch. Da geht’s immer ums ganze Leben. Und Gott ist nicht harmlos – auch wenn er die Menschen liebt und ihnen das in der Taufe auf den Kopf zusagt.

Natürlich – dass Gott mich liebt, das gilt nicht nur, wenn ich getauft bin. Aber in der Taufe bekomme ich dieses feste Versprechen ganz persönlich. Das gilt – ein für alle mal. Daran will Gott sich halten. Und daran kann ich mich festhalten.

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