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St. Martin
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St. Martin

Michael Tönges-Braungart
Ein Beitrag von

Michael Tönges-Braungart,

Dekan, Evangelisches Dekanat Hochtaunus

Als Sonne, Mond und Sterne-Umzug war der traditionelle Martinsumzug einer städtischen Kindertagesstätte angekündigt worden. Das klang, als habe der Heilige Martin ausgedient. War das eine Aufregung! Ein paar Jahre ist das her, und inzwischen haben sich die Gemüter wieder beruhigt.

Der Martinsumzug wird heute wie jedes Jahr durch die Straßen ziehen und auch so heißen. Warum er umbenannt wurde, blieb damals letztendlich offen. Manche haben vermutet, dass es aus Rücksichtnahme gegenüber Kindern und ihren Eltern geschah, die keine Christen sind und denen man keine christliche Heiligenlegende zumuten wollte. Das rief wiederum jene Eltern auf den Plan, die auf St. Martin nicht verzichten wollten. Das Thema wurde hin und her diskutiert – auch in der Presse, und schließlich gab es sogar Hassmails von selbst ernannten Verteidigern des christlichen Abendlandes gegenüber Mitarbeitern der Kindertagesstätte.

Ich frage mich: Woher kam die Scheu vor der Legende von Martin, der seinen Mantel mit einem Bettler teilt? Das Teilen ist doch ein hoher Wert quer durch alle Religionen und Weltanschauungen. Selbst der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, damals zu dem Fall befragt, sagte, dass er als Grundschüler gerne mit seiner Mutter am Martinsum-zug teilgenommen habe. Trauen wir uns als Christen nicht mehr, auch öffentlich zu unseren Traditionen zu stehen? Würden wir auch irgend-wann aufhören, Weihnachten zu feiern – um die religiösen Gefühle anderer nicht zu verletzen? Oder hat es damit zu tun, dass viele heute die Meinung vertreten, dass Religion Privatsache sei und deshalb auch allein in die Privatsphäre gehöre? Sie verstehen Religionsfreiheit so, dass sie das Recht haben, von anderen nicht mit der Ausübung von deren Religion behelligt zu werden.

Ich bin froh, dass bei uns der Martinsumzug ein Martinsumzug bleibt mit allem, was dazugehört. Auch mit der Legende von einem, den sein christlicher Glaube zur Barmherzigkeit gebracht hat. Das sollen Kinder kennenlernen – und Erwachsene sollen daran erinnert werden, wenn sie es vielleicht vergessen haben. Nicht nur, weil es eine schöne Ge-schichte ist. Sondern weil wir solche Geschichten brauchen. Geschichten, die von dem erzählen, was wir so dringend nötig haben für unser Miteinander – in den Familien, in den Kindergärten und Schulen, in der ganzen Gesellschaft: die Fähigkeit, mit anderen mitzufühlen – und die Bereitschaft zum Teilen. Und wenn Christen von Martin erzählen, dann werden Muslime oder Juden oder Menschen, die sich keiner Religion zuordnen wollen, andere, ähnliche Geschichten dazu erzählen können.

Christen müssen sich ihrer christlichen Traditionen nicht schämen und sie auch nicht verstecken. Sie können und sollen sie selbstbewusst und fröhlich öffentlich leben – und andere dazu einladen. So wie jüdische Mitbürger in unserer Stadt alle zur öffentlichen Chanukka-Feier einladen – und Muslime zum Fastenbrechen. Heute wird der Kindergarten gegenüber von unserem Haus auch wie-der einen Martinsumzug machen. Und es ist schön, wenn die Legende von Martin erzählt wird und nachher alle miteinander ums Feuer stehen und sich die Würstchen, den Punsch oder den Glühwein schmecken lassen.

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