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Shakespeare im Knast

Shakespeare im Knast

Rüdiger Kohl
Ein Beitrag von

Rüdiger Kohl,

Evangelischer Pfarrer, Frankfurt-Bockenheim

Der Italiener Aniello Arena ist wirklich ein bemerkenswerter Schauspieler. Ein Star, über den Theatermagazine berichten. Auch in diesem Sommer hat er wieder beim Theaterfestival in der Stadt Volterra in der Toskana mitgespielt. Spielraum ist der Innenhof der Medici-Festung. Die Festung ist noch in Betrieb. Sie ist das Staatsgefängnis. Ein Hochsicherheitstrakt für Mafiosi, Dealer, Bankräuber, auch Mörder. Kernstück des Festivals ist die Aufführung der Gefängnis-Theatertruppe. Arena ist Mitglied des Ensembles. Denn er ist Strafgefangener. Sein Urteil: Lebenslänglich. In Italien eine Strafe, die nie endet. 26 Jahre verbringt der Mittvierziger aus Neapel schon im Gefängnis. Er sagt: „Das Theaterspielen hat mich gerettet.“

Aufgewachsen in einem Armenviertel von Neapel, schlägt er die typische Karriere in der Camorra ein: als Kind Schmiere stehen, vor der Polizei warnen. Kriminalität war für ihn eine normale Art des Broterwerbs. „Ja, ich bin ein Krimineller, bei all dem Mist, den ich angestellt habe“, sagt er. 1991 war er bei einer Aktion gegen einen verfeindeten Clan dabei. Drei Männer wurden getötet. Seitdem sitzt Arena ein. Verzweiflung, Trauer, Bitterkeit, viele unterschiedliche Gefühle spiegeln seine Gesichtszüge wider, wenn er über sein Leben in italienischen Haftanstalten erzählt. „Oft sitzen acht Personen auf vier Quadratmetern in einer Zelle. Nur eine Stunde am Tag frische Luft zum Atmen“, berichtet Arena. „Oft war ich wie tot.“ Dann kam er nach Volterra. Und sein Leben veränderte sich.

Auch in der Bibel berichten Menschen von einer ähnlichen Erfahrung: Sie fühlen sich wie tot, gefangen in dem, was sie in der Vergangenheit angerichtet haben. Im Epheserbrief im Neuen Testament erinnert der Briefescheiben die Leser: Eine Auferstehung vor dem Tod ist möglich. Da heißt es: „Durch unseren Ungehorsam waren wir tot; aber Gott hat uns mit Christus zusammen lebendig gemacht. – Bedenkt: Aus reiner Gnade hat er euch gerettet!“

Diese Erfahrung, wie tot zu sein und sich wieder lebendig zu fühlen, machen Menschen auf vielfältige Weise. Bei dem verurteilten Straftäter Arena war es das Theater, das ihm wie eine Auferstehung vorkam. Zum ersten Mal im Leben kam er mit Literatur und Dichtung in Kontakt. Eine neue Welt. Arena drückt das so aus: „Es war, als würde ich ein zweites Mal geboren. Als bekäme ich die Chance, ein neues Leben zu führen.“ Ich glaube: Manchmal benutzt Gott Menschen, um anderen ein neues Leben zu ermöglichen. Im Fall von Arena ist es der Regisseur Armando Punzo. Der entdeckte sein Talent. Vor 25 Jahren hat Punzo begonnen, mit den Gefangenen Theater zu spielen. Er überträgt klassische Stoffe in die heutige Zeit, reflektiert kritisch Entwicklungen in der Gesellschaft. So gewinnen die Häftlinge einen neuen Blick auf ihr Leben.

Arena erzählt: „Ich habe von diesen Figuren gelesen, Charaktere mit Brüchen: Hamlet, Mackie Messer und viele andere. Ich wollte, dass die Menschen nicht nur den Kriminellen in mir sehen. Sondern auch einen Schauspieler.“ Aniello Arena bleibt auf absehbare Zeit im Gefängnis. Doch die Rollen, die er spielt, schenken ihm eine besondere Form der Freiheit. Seine Geschichte zeigt mir: Gott findet Wege, um Menschen lebendig zu machen. Manchmal auf den Brettern, die die Welt bedeuten.

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