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Kuss gegen Stinkefinger
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Kuss gegen Stinkefinger

Andrea Seeger
Ein Beitrag von Andrea Seeger, Evangelische Theologin und Redakteurin der Evangelischen Sonntags-Zeitung
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Jesus ist radikal. Er mutet seinen Anhängerinnen und Freunden zum Beispiel zu: Liebt nicht nur eure Nächsten, sondern auch eure Feinde. »Feind« ist ein großes Wort. Ist jemand, der einem grob kommt, ein Feind? Vielleicht ist er auch nur ein Unsymphat, aber lieben soll ich auch den.

Liebt auch eure Feinde

Leider lässt sich die Aufforderung Jesu nicht wegschieben ins Allgemeine, nach dem Motto: »Ich für meinen Teil würde ja gerne gütig, nachgiebig und friedlich sein. Was nützt es aber, wenn die anderen nicht mitziehen?« Nein, das ist schon eine persönliche Sache. Bei sich selbst anfangen, lautet die Devise. Gelegenheit zum Üben gibt es reichlich.

Eine Gelegenheit zum Üben

Ich sitze zum Beispiel mit meiner Freundin erschöpft am Rand eines Fußgängerweges im Gras, neben uns der alte Hund, ebenfalls außer Puste. Es ist heiß. Bei einer Wanderung haben wir uns verlaufen. Rücken an Rücken gelehnt warten wir auf unsere Männer. Sie wollen mit dem Auto kommen und uns abholen. Da nähert sich eine Familie. Vater und Mutter. Die Tochter, vielleicht acht oder neun Jahre alt, schlurft lustlos hinterher. Ein großer, felliger Hund hechelt an der Leine.

"Muss das denn sein?"

»Bitte kommen Sie nicht in die Nähe unseres Hundes«, appelliere ich freundlich. »Er ist alt, herzkrank und zittrig.« Dessen ungeachtet treibt der Mann seinen Hund weiter in unsere Richtung. »Bitte nicht«, wiederhole ich fast flehentlich. Der Mann lacht verächtlich und macht weiter. Meine Freundin ruft: »Muss das denn sein?« Ein lauter Wortschwall ergießt sich auf uns, Vater, Mutter und Kind wedeln erbost mit den Händen, zeigen alle drei den Stinkefinger. Aber sie ziehen weiter – immerhin.

Mit Kusshand gegen Stinkefinger

Bei uns kann man den Stein plumpsen hören. Ich frage meine Freundin: »Wie hast Du reagiert?« Wir saßen ja Rücken an Rücken, konnten einander nicht sehen. »Ich habe ihnen eine Kusshand zugeworfen – mehrfach, antwortet sie. »Ich auch!« Wir beide lachen laut los, würden uns am liebsten umarmen. Als wir die Geschichte unseren Männern erzählen, gucken sie uns ungläubig an. Warum wir sie nicht wüst beschimpft hätten – wäre ja im Affekt gewesen. Das wissen wir auch nicht. So friedfertig bin zumindest ich sonst eher nicht. Aber so war es.   

Jesus hat gesagt: »Segnet, die euch verfluchen; bittet für die, die euch beleidigen.« (Lukas 6,28) Segnen kann man auch mit Kusshand.

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