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Ich weiß, dass ich nicht weiß
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Ich weiß, dass ich nicht weiß

Prof. Dieter Wagner
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Prof. Dieter Wagner,

Oberschulrat i. K. i. R., Künzell
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Wie wird ein Mensch weise? Bücher lesen? Viel lernen? Oder einfach nur alt werden und mit gesundem Menschenverstand durchs Leben gehen? In der Bibel lese ich: „Wer die Weisheit am frühen Morgen sucht, findet sie vor seiner Türe sitzend“ (Weish 6,14) Wenn das so einfach wäre! Wer heute die Weisheit sucht, hat es nicht leichter als zu Zeiten der Bibel. Denn selbst alles Wissen der Welt macht einen Menschen noch lange nicht zum Weisen. Erfahrungswissen über die wichtigsten und schwierigsten Teile des Lebens ist ein zentraler Bestandteil von Weisheit. Dies zeigt unter anderem der Richter in Bertolt Brechts „Kaukasischem Kreidekreis“.
In diesem Theaterstück streiten sich zwei Frauen um die Mutterschaft an einem Kind. Der Richter stellt das Kind in den Kreidekreis und fordert die beiden möglichen Mütter auf, das Streitobjekt an sich zu ziehen. Die Frau, die dem Kind nicht wehtun will, lässt es los, während die Rivalin es zu sich zieht. Später bekommt die Frau, die verzichtete und deshalb als die wahre Mutter erkannt wurde, vom Richter das Kind als ihres zugesprochen.
Seit Menschengedenken hat man sich gefragt, wer ein Weiser sei. Und zu allen Zeiten sind individuelle Antworten gefunden worden. Sokrates gilt als der weiseste Mann Griechenlands. Er soll von sich gesagt haben: Ich weiß, dass ich nichts weiß. Mit seiner Aussage behauptet Sokrates nicht, dass er nichts wisse. Vielmehr macht er darauf aufmerksam, dass selbst der weiseste Mensch nicht alles wissen kann.
In den biblischen Schriften des Alten Testaments werden fünf Schriften dezidiert „Weisheitsbücher“ genannt. Weisheit wird darin nicht theoretisch abgehandelt, sondern es geht um die Bewältigung von Lebensaufgaben. Danach werden Menschen als „weise“ bezeichnet, die sich überlegt, geschickt und sachkundig verhalten. Menschen, die das Leben bewältigen, gestalten und meistern. So ist nach der Bibel der kundige Handwerker weise (z. B. Ex 35,30-36; 1 Kön 7,14), aber auch der geschäftstüchtige Kaufmann (Ez 28, 3-5). Als „weise“ werden Menschen bezeichnet, die als Richter klug überlegen und urteilen (1 Kön 3,38). Selbst Schlitzorige werden „weise“ genannt (vgl. 2 Sam 13,3ff.), allerdings mit der für alle Menschen geltenden Einschränkung: Niemand darf seine Fähigkeiten dazu einsetzen, um Mitmenschen zu schaden, sie auszunutzen und, wie wir heute sagen, „über den Tisch zu ziehen“. Es gibt ganz offensichtlich nicht eine Weisheit, vielmehr ist Weisheit vielseitig. Unabdingbar gehört zur Weisheit aber, für andere Gutes tun zu wollen und das Bewusstsein, dass man nicht alles weiß, auch wenn man viel weiß.

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