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Eine Laterne für Frau Schön
Pixabay/Planet Fox

Eine Laterne für Frau Schön

Charlotte von Winterfeld
Ein Beitrag von

Charlotte von Winterfeld,

Evangelische Pfarrerin, Frankfurt
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Wo ist Frau Schön? So nenne ich hier die Nachbarin, die so gern spazieren geht und die ich nicht mehr sehe. Normalerweise läuft sie lange Strecken mit ihrem Dackel Felix. Immer schick angezogen, schlank und gut gelaunt. Dabei ist sie schon fast 80 Jahre alt.

Sie wohnt ein paar Häuser weiter. Sie hat niemanden mehr außer ihrem Dackel. Ihr Mann und ihre Tochter sind schon lange gestorben. Das alles hat mein Mann in Erfahrung gebracht. Er schafft es, alle Nachbarn und ihre Lebensgeschichten zu kennen und genau zu wissen, wer welches Auto fährt.

"Frau Schön lebt nicht mehr"

Irgendwann während der Corona-Zeit taucht Frau Schön nicht mehr auf. Erst merken wir es nicht so richtig. Es bleiben ja jetzt fast alle zu Hause und gehen nur selten raus. Nach einiger Zeit lässt es meinem Mann keine Ruhe mehr und er fragt sich durch.

Die Mitbewohner im Haus erzählen: "Ach, die Frau Schön, die lebt nicht mehr. Die ist schon vor Wochen gestorben. Liegt jetzt auf dem Griesheimer Friedhof. Aber wegen Corona konnte keiner mit auf die Beerdigung."

Uns tut es leid, dass wir gar nicht mitbekommen haben: Frau Schön ging es schlecht. Vielleicht hätten wir ja etwas für sie tun können. Jetzt ist es jedenfalls zu spät.

Eine Schale Chrysanthemen für das Grab

Mein Mann fährt auf den Griesheimer Friedhof und sucht nach dem Grab. Er will wenigstens noch ein paar Blümchen vorbeibringen. Aber der Friedhof ist größer als gedacht, er findet das Grab nicht.

Schließlich ruft er beim Friedhofsamt an. Dort bekommt er die genaue Lage des Grabs mitgeteilt. Mit einer Schale mit frisch gepflanzten Chrysanthemen fährt er zum Grab von Frau Schön.

"Die Vorstellung, dass keiner für das Grab sorgt, die gefällt ihm nicht"

Alle drei oder vier Wochen kommt mein Mann jetzt nicht direkt von der Arbeit nach Hause. Dann weiß ich schon, wo er ist: Am Grab von Frau Schön. Er gießt die Schale oder pflanzt was Neues. Oft ist er nur auf einen Sprung dort. Die Vorstellung, dass keiner für das Grab sorgt, die gefällt ihm nicht. Er fühlt sich verantwortlich.

Ich bin hin- und hergerissen. Finde auf der einen Seite den Einsatz und das Engagement meines Mannes wirklich gut. Auf der anderen Seite ist es vielleicht übertrieben oder sogar nutzlos – die Frau ist ja tot.

Wie werden meine Wege verlaufen?

Manchmal frage ich mich: Wie werden meine Wege verlaufen? Werde ich am Ende meines Lebens noch gut vernetzt sei? Werden viele Menschen mein Grab pflegen? Oder werde ich viele Kontakte verloren haben? Oder werde ich einfach so hinfällig sein, dass ich gar keine Beziehungen mehr pflegen kann?

Es braucht Menschen, die sich um andere kümmern

Ich glaube: Jedem kann es so ergehen wie Frau Schön. Am Ende ist vielleicht niemand mehr da, der sich oft und gern an mich erinnert. Oder der mobil genug ist oder nah genug am Friedhof wohnt, um mein Grab zu pflegen. Dann braucht es so jemanden wie meinen Mann, der eine verrückte Eingebung hat.

Ja, ich stelle mir sogar vor, solche Gefühle von Verantwortung für andere kommen von Gott. Auch das für ein fremdes Grab. Und ich hoffe und glaube: Die liebe Frau Schön bekommt das irgendwie mit.

Einer Laterne für Frau Schön

Heute, am Sankt-Martins-Tag, wird mein Mann eine Laterne ans Grab stellen. Eine Laterne, die meine Tochter gebastelt hat. Sie hat extra zwei gemacht, damit sie eine abgeben kann. Teilen hat uns ja der Heilige Martin beigebracht. Und warum sollte man nicht mit einer Toten teilen können?

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