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Ein schlimmer Tag mit gutem Ende
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Ein schlimmer Tag mit gutem Ende

Michael Becker
Ein Beitrag von

Michael Becker,

Evangelischer Pfarrer i. R., Kassel
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Es war ein schlimmer Tag, sagt er, mit gutem Ende. Ein paar Männer wollen ein Haus mit geistig Kranken besuchen. Sie gehen durch Zimmer, sehen Menschen, hören Stimmen und verstehen nichts. Viele Kranke schauen ins Leere, manche sind ans Bett geschnallt, damit sie sich nicht wehtun. Schlimme Bilder, sagt der Mann. Als sie aus dem letzten Zimmer kommen, sind alle erschöpft. Nur der Doktor im Krankenhaus nicht. Einer fragt: „Herr Doktor, wie können sie das aushalten?“ Der Doktor schaut den Mann an und sagt ruhig: „Indem ich es ansehe. Das Leid wird nicht weniger, wenn ich wegsehe.“

Eine großartige Antwort, sagt sich der Mann auf dem Weg in die Sonne, der blaue Himmel. Jetzt wird der schlimme Tag noch gut. Leid ist schlimm. Leid wird aber nicht weniger, wenn man wegsieht. Wie gerne sieht man weg, will man nicht wissen. Will Glitzer sehen, hellen Himmel, Gesundes und Frisches. So ist die Welt aber nicht, denkt der Mann. Eigentlich weiß ich es ja. Nichts wird besser, wenn ich wegsehe. Manches kann besser werden, wenn ich hinsehe, dem Schlimmen standhalte.

Vor dem Krankenhaus scheint die Sonne. Der blaue Himmel wirkt noch blauer. Wie herrlich, denkt der Mann und hält sein Gesicht in die Sonne. Ich kann die Sonne genießen. Weil ich Schattenseiten gesehen habe, gestörte und verwirrte Menschen. Die vielleicht keinen blauen Himmel spüren, aber auch Gottes Kinder sind. Ich will mich nicht abwenden, denkt er. Will auch hinter die glitzernden Kulissen schauen. Wer nur wegsieht, verpasst etwas. Wer hinsieht, bleibt ehrlich. Der Himmel wird blauer, wenn auch Dunkles ans Licht kommen darf.

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