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Ein guter Rat fürs Leben
Bild: Jose Antonio Alba/Pixabay

Ein guter Rat fürs Leben

Michael Becker
Ein Beitrag von

Michael Becker,

Evangelischer Pfarrer i. R., Kassel
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Ein guter Rat fürs Leben steht in dem Buch, das heute Geburtstag hat. „Wer die Nachtigall stört“ heißt das Buch; heute vor sechzig Jahren erschienen. Eine Frau namens Harper Lee hat es geschrieben. Kurz darauf wurde es verfilmt mit Gregory Peck in der Rolle des Rechtsanwalts. In dem Städtchen, in dem das Buch spielt, ist viel Feindschaft zwischen Schwarzen und Weißen. Die Kinder suchen sich ihren Weg, der Rechtsanwalt sorgt für Mäßigung und Recht. Als seine Tochter sich einmal beschwert, dass die Lehrerin zu streng sei, sagt sie zum Vater: Was sagst du denn dazu? Der hatte die ganze Zeit schon überlegt, was er antworten würde. Jetzt versucht er es und sagt: Pass mal auf, sagt er, ich werde dir jetzt einen schönen Trick sagen. … Du verstehst einen Menschen erst richtig, wenn du das, was er gerade macht, auch mal von seinem Standpunkt aus betrachtest; wenn du mal in seine Haut kriechst und (eine Weile) darin herumspazierst.

Das ist ein guter Rat. Geschimpft ist schnell. Heute vielleicht noch schneller als früher, weil Selbstbehauptung immer wichtiger wird. Aber mit dem sich Behaupten versteht man noch nicht, was andere wollen. Erst sollte man zuhören; nicht gleich dagegen sein. Erst könnte man in die Kleider des anderen kriechen und versuchen, seine Haltung zu verstehen. Verstehen heißt ja noch nicht billigen oder gut finden. Verstehen heißt überlegen, wie der andere auf das kommt, was er sagt oder tut. Welche Gründe hat er? Und warum hat er oder sie diese Gründe? Das sind wichtige Fragen.

Fragen und Nachfragen ist mühsam. Aber Gott und die Welt versteht man besser, wenn man auch in der Haut anderer herumspaziert. Man spürt dann nämlich, wie vieles aus Schmerz geschieht. Und zwar, um ihn loszuwerden. Viele Ideen, Pläne und Handlungen tun so, als wollten sie die Welt verbessern. In Wahrheit aber geht es erst einmal darum, den Schmerz am eigenen Leben zu lindern. Wenn ich mir die Zeit nehme, das zu entdecken, bin ich vielleicht immer noch dagegen, antworte aber vorsichtiger. Darum, lieber Gott, hilf mir, dass ich mir immer etwas Zeit nehme, in der Haut der anderen ein wenig herumzuspazieren. Ich lerne dann mehr. Auch über dich und mich.

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