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Die Zeitung von gestern
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Die Zeitung von gestern

Christopher Rinke
Ein Beitrag von

Christopher Rinke,

Regionalreferent im Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden, Weimar (Lahn)
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Beim Renovieren in unserem Haus habe ich eine alte Zeitung aus dem Jahr 1971 gefunden. Sie lag unter einem Linoleumboden und hatte dort die vergangenen Jahrzehnte weitgehend unversehrt überstanden. Ich lese die Schlagzeilen und muss schmunzeln. Da heißt es zum Beispiel „Kurs des Dollars unter drei Mark fünfzig " und „An Englands Beitritt zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, EWG, kein Zweifel mehr".

Es heißt ja: „Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern."

Wenn das Gestern aber lange genug her ist, wird es wieder interessant. Was einst mal die Neuigkeiten waren, ist heute Geschichtsbuch. Dass damals der Dollar keine drei Mark fünfzig wert war, reißt mich nicht gleich vom Hocker. Aber im Jahr des geplanten Brexits etwas über den Eintritt Großbritanniens in die EWG zu lesen, das finde ich sehr interessant. Und so lese ich weiter und erfahre, wie damals der französische Staatspräsident Georges Pompidou und der britische Premier Edward Heath miteinander gesprochen haben. Ich werde neugierig und recherchiere im Internet, wie Großbritannien schließlich 1973 tatsächlich der EWG beigetreten ist.

Ein halbes Leben später, im Jahr 2019, sieht die Wirklichkeit ganz anders aus. Damals haben viele gefeiert, dass Großbritannien in den Verbund Europas eintritt. Heute will das Vereinigte Königreich raus aus der EU.  Der 29. März steht als Austrittsdatum nun schon länger fest. Ob es am Ende wirklich dazu kommt, kann niemand mit absoluter Gewissheit sagen.

„Unser Wissen ist Stückwerk." Diese nüchterne Erkenntnis beschreibt der Apostel Paulus in der Bibel. Einsichten und Erkenntnis sind begrenzt. Wenn ich mir die alte Zeitung von 1971 anschaue, wird mir das bewusst. Ich weiß heute, was aus den Schlagzeilen von damals geworden ist. Die Politik heute hat die genau umgekehrte Richtung eingeschlagen. Eine Theresa May trifft andere Entscheidungen als ein Edward Heath vor 48 Jahren.

Was wir erfassen und verstehen, ist immer nur ein Ausschnitt. Und die Entscheidungen, die wir heute nach bestem Wissen und Gewissen treffen, können schon morgen überholt sein. Wir können heute nicht wissen, wie Dinge sich entwickeln oder was künftige Generationen von unseren Entscheidungen halten werden. Und doch müssen wir jeden Tag Entscheidungen treffen.

Das macht mich demütig und gleichzeitig gelassen.

Demütig, weil ich verstehe, dass mein Horizont begrenzt ist. Was immer ich entscheide, kann nur die beste Entscheidung in diesem Moment sein. Irrtum und Scheitern sind nicht ausgeschlossen. Die Zeit wird zeigen, wohin der eingeschlagene Weg führt.

Und es macht mich gleichzeitig gelassen. Es entlastet mich, wenn ich den Anspruch an mich selbst aufgeben darf, perfekt sein zu müssen. Ich muss nicht Dinge für alle Zeiten entscheiden. Verantwortlich bin ich für diesen Augenblick. Jetzt (!) kann ich all mein Wissen und meine Kompetenz einsetzen. Aber es ist OK, dass ich morgen etwas Neues lerne und dann vielleicht anders entscheide.

Unser Wissen ist Stückwerk, schreibt Paulus in der Bibel. Und er empfiehlt: Handle aus Liebe, denn diese Motivation hält länger als Wissen und Erkenntnis.

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