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Die vier Brote und zwei Fische vom See Genezareth
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Die vier Brote und zwei Fische vom See Genezareth

Stefan Buß
Ein Beitrag von Stefan Buß, Pfarrer in der Innenstadtpfarrei St. Simplicius, Faustinus und Beatrix, Fulda
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Vor einigen Tagen bekam ich Post aus einem Ort in Israel, Tabgha am See Genezareth. Die Nachricht kam von Pater Jonas Trageser. Er stammt aus meiner früheren Pfarrei St. Bartholomäus in Freigericht-Bernbach. Seit 20 Jahren lebt er als Benediktiner im Hl. Land. In seiner Mail schrieb er mir:

"Herzliche Grüße und gute Wünsche aus Tabgha. Es ist trostlos bei uns, denn die Menschen fehlen, die Begegnungen, das Lachen und der Frohsinn. Dennoch, wir genießen jetzt allein diesen weiten Platz und diese wunderschöne Anlage, ihr kennt sie ja, aber mit Mehreren genießen ist schöner und belebender."

Wer hätte sich je vorstellen können, dass an einem solchen Ort nichts los ist. Alles menschenleer. Corona hat auch vor dem Hl. Land nicht haltgemacht. In Tabgha am See kommt der Besucher unwillkürlich an die Brotvermehrungskirche. Dem Ort, von dem die Bibel berichtet, dass Jesus 5000 Menschen gespeist hat. Das Evangelium nach Johannes erzählt von diesem Ort. Ein kleiner Junge hatte fünf Brote und zwei Fische. Jesus spricht das Gebet über das Brot und den Fisch und alle werden satt, ja es bleiben sogar noch 12 volle Körbe übrig.
Für viele Christen ist dieser Ost ein besonderer Ort. So erwarb der Deutsche Verein vom Heiligen Lande dieses Stück Land, auf dem man dann schon bald das Schmuckstück der byzantinischen Brotvermehrungskirche mit ihren Mosaiken fand.  Vollends frei gelegt wurde die ganze Anlage erst in den 30iger Jahren des letzten Jahrhunderts. Die Notkirche, die dann zum Schutz der wertvollen Mosaiken errichtet wurde, tat ihren Dienst bis in die 70er Jahre hinein. Doch die Würde der Brotvermehrungskirche und die wachsenden Besucherzahlen riefen immer mehr danach, eine neue Kirche an dieser Stelle zu errichten. Auf den Grundmauern der alten byzantinischen Kirche erwuchs so eine der gewiss schönsten Kirchen im Heiligen Land. Seit ihrer Einweihung zieht sie Menschen aus aller Welt an. Sie lassen sich von den Mosaiken die Geschichten aus dem Tier- und Pflanzenreich erzählen. Besonders die Geschichte der Brotvermehrung aus der Bibel erschließt sich dem Besucher neu.

Musik 1: Robert Jones – "Groß und wunderbar" – CD Geistlicher Chorwerke Volume II – 03:05

Lassen Sie uns gemeinsam einen Blick in die Brotvermehrungskirche tun:  Vor ihrem Altar befindet sich ein Fußbodenmosaik. Dort sind zwei Fische zu sehen, die einen Korb umrahmen. In diesem Korb liegen vier Brote. Vier Brote? Aber in der biblischen Erzählung ist doch von fünf Broten die Rede! Wenn ich Kindern in der Schule ein Bild von dem Mosaik mit dem fehlenden Brot zeige und frage, wo denn das fünfte Brot sei, antworten diese oft: "Es ist schon gegessen!" Ein Junge meinte neulich: "Es liegt wohl unter den anderen Broten versteckt?" Das könnte natürlich sein. Doch hätte ein Künstler vor 1500 Jahren so gedacht? Ich denke nein! Und es gibt gute Gründe dafür: Bei der Spurensuche hilft mir die Bibel. Die Erzählung der Brotvermehrung ist in allen vier Evangelien überliefert. Gemeinsam ist ihnen, dass viel zu wenig Brot für die Menschenmenge vorhanden ist. Bei Matthäus, Markus und Lukas gibt Jesus seinen Jüngern den Auftrag: “Gebt ihr ihnen zu essen!“ Im Johannesevangelium ist es Jesus selbst, der die Brote austeilt. Auf dieses Geschehen folgen die Worte Jesus aus der sogenannten Brotrede. Sie werden heute in den Gottesdiensten zum Fronleichnamstag verkündet. Jesus selbst wird zum Brot für die Menschen. Alle, die ihm folgen, werden zur Gemeinde; sind sein Leib und werden so auch zum Brot für andere. Wer mitgefeiert hat, wird auf den Weg gesandt, um das, was sie/er empfangen hat, weiterzugeben.

Deshalb machen sich Gemeinden am heutigen Tag traditionell auf den Weg durch ihr Dorf oder ihre Stadt. Wegen der Corona-Pandemie ist das heute nur mit Auflagen möglich. In der einen oder anderen Gemeinde finden kleine Prozessionen mit kleineren Gruppen statt. Aber es ist ganz klar: Es wird auf alle Fälle anders sein, als noch letztes Jahr. In Fulda wurde es schon versucht umzusetzen bei der Feier von Christi Himmelfahrt. Die Gemeinde der Innenstadtpfarrei Fulda war Gast zum Gottesdienst im Apfelgarten des Bischofshauses von Fulda. Gefeiert wurde unter Abstandsregeln und Hygienevorschriften und an zwei Altären konnte gebetet werden, während die Gemeinde an ihren markierten Plätzen blieb. Andere haben Livestreamübertragungen gewählt oder zogen mit kleinen Gruppen mit der Monstranz durch den Ort und die Menschen begleiteten diese Prozession an ihren Fenstern und Türen. Egal wie und wo, es soll ein und dasselbe zum Ausdruck gebracht werden. Die Gemeinden zeigen damit, dass sie nicht nur ihren Weg mit Gott gehen wollen, sondern zugleich auch den Weg zu anderen Menschen. Dass die Lebensbereiche, Städte und Dörfer nicht gottlos sind, sondern Orte, an denen Gott bei den Menschen sein will. Die Christen müssen Gott nicht zu den Menschen bringen. Bevor sie kommen, ist er schon längst da.

Gott wirkt unter den Menschen. Gerade in diesen Zeiten, in der manche klagen, die Bedeutung des Christseins und des Glaubens schwinde, da ist es wichtig ein Zeichen zu setzen. Gerade auch in der Corona-Krise ist dies durchaus auch ein Vorwurf, den ich höre: "Die Kirchen sind in der Krise nicht ausreichend präsent." Oder andere fordern: "Wir müssen zurück zur Normalität!" Ich glaube, es gibt diese Normalität vor Corona nicht mehr, sondern der Prozessionsweg, wie auch immer er aussieht, wird zum Bild neuer Wege der Kirche von heute. Das Hinausgehen auf die Straßen steht für all das Wirken, das gerade auch in der Krise im Verborgenen geschieht. Es steht für die freiwilligen und ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer, die Einkaufsdienste übernehmen. Der Prozessionsweg steht auch für den Weg zu den Menschen über die virtuellen Gottesdienste und Kontakte. Seit Beginn der Corona-Krise versuche ich durch tägliche kleine Impulse Menschen Mut zu machen und sie zu bestärken, auf den Gott des Lebens zu vertrauen. Die Gegenwart Gottes ist nicht auf den Kirchenraum beschränkt. Es gilt als Selbstverpflichtung der christlichen Gemeinde über die Grenzen der Gemeinde hinauszuschauen und hinauszugehen in die vielfältige Realität menschlichen Lebens.

Der große indische Politiker Mahatma Gandhi sagte einmal: "Es gibt so viel hungernde Menschen auf der Welt, dass Gott nur in der Form des Brotes zu ihnen kommen kann!" Am heutigen Fronleichnamsfest führt mich dieses Wort zum Nachdenken. Wir feiern als Christen doch das Fest des Brotes, das uns von Gott geschenkt wird. Jesus ist das Brot für die hungernden Menschen. In ihm ist Gott auf dem Weg zu den Menschen. Er ist ihnen nahe. Die Sehnsucht danach ist zurzeit bei vielen gläubigen Menschen spürbar. Was für eigenartige Zeiten. Ich hätte nie gedacht, dass über Wochen keine Gottesdienste stattfinden dürfen. Andere Formen des Gottesdienstes kamen auf. Der Livestreamgottesdienst hat in diesem Jahr an Bedeutung gewonnen. Und doch wurde auch der Verzicht auf den Empfang der Hl. Kommunion und die Gemeinschaft der Glaubenden vor Ort spürbar. Und jetzt sind in kleinen Gruppen Gottesdienste möglich, aber eine Fronleichnamsprozession in traditionellerweise ist nicht möglich.

Musik 2: Christopher Tambling – "Panis Angelicus" – CD Geistliche Chorwerke – 02:28

Einige Gemeinden sind - wie es in der Corona-Krise wichtig geworden ist - erfinderisch und kreativ geworden. Einige Pfarrer werden heute mit der Monstranz allein durch die Straßen ihres Dorfes ziehen und den Segen erteilen, einige laden zu Autogottesdiensten im Freien ein. Der Hunger von Menschen hat viele Gesichter und wird auch besonders in diesen Zeiten spürbar. Menschen, die von Fragen und Angst geprägt sind, die angesichts dauernder Medienpräsenz vom Thema Coronavirus verunsichert sind. Menschen, die in existentielle Krisen geraten sind, weil sie arbeitslos wurden oder ihr Betrieb durch den Shutdown lahmgelegt wurde. Menschen, die unter Hochspannung im Pflege- und medizinischen Bereich in vielen Ländern an Grenzen gehen mussten und müssen.
Auch außerhalb der Corona-Krise hören wir Schreckensmeldungen. Naturkatastrophen, kriegerische Auseinandersetzungen, politische, wirtschaftliche und ökologische Fehlentwicklungen. Und da braucht es den gläubigen Christen, der heute - auch in veränderter Zeit - Jesus sichtbar macht im Alltag. Durch die Zuwendung und Hilfe, die er anbietet. Durch das Vertrauen in Gottes Führung auch in der Krise, das er in seiner Lebenshaltung ausstrahlt.

Musik 3: - Rudolf Mauersberger – "Vertraut den neuen Wegen“ – CD Komponisten-Porträt Rudolf Mauersberger – 02:50

Noch einmal zurück zu den vier Broten und zwei Fischen im Mosaik von Tabgha. Wo ist das fünfte Brot? Zwei Deutungen sind dabei möglich:

Zum einen: Das fünfte Brot ist das eucharistische Brot, die Hostie. Sie liegt Sonntag für Sonntag auf dem Altar. In ihm schenkt sich Jesus auch heute den Menschen immer wieder. Die Version der Brotvermehrung nach Johannes legt diese Deutung nahe, denn Jesus selbst teilt das Brot aus und spricht vom Brot des Lebens heute in den Texten des Gottesdienstes.

Zum anderen: Der Leib Christi ist nicht allein das gewandelte Brot auf dem Altar - der Leib Christi, Brot des Lebens für andere, ist auch die Gemeinschaft der Glaubenden. Wandlung bezieht sich dann nicht allein auf das Stück Brot, den Schluck Wein auf dem Altar in der Eucharistiefeier. Es wird eher deutlich, jeder Mensch, der im Sinne Jesu handelt; seine Gemeinde, sie legt das fünfte Brot dazu und leistet damit den Beitrag den Hunger der Menschen heute zu stillen. Das Leben jedes einzelnen Christen will Gott ergreifen und es mit Liebe erfüllen.

Die Gläubigen, die Gottesdienst feiern, feiern das eigene gewandelte Leben; feiern einen Gott, der den einzelnen und die ganze Gemeinde ergreift, verändert und weiterentwickelt. Wenn Fronleichnam auch anders gefeiert wird als sonst, bekennen Christen am heutigen Tage trotzdem: Wandlung und das Hl. Brot im Zeigegerät, in der Monstranz, haben nur einen Sinn, wenn sich jeder Mensch von dieser Wandlung ergreifen lässt. Jeder Christ soll durch sein eigenes Leben etwas sichtbar machen von der Liebe Gottes zu den Menschen. Vor vielen Jahren drückte es ein Motto einer kirchlichen Aktion einmal so aus: "Der Botschaft Christi ein Gesicht geben." Die Kinder fragen mich oft: "Wie können wir den Jesus sehen, Herr Pfarrer?" Ich sage ihnen dann immer: "Er wird nicht von der Decke schweben, er wird auch nicht durch das Hauptportal der Kirche einziehen, sondern er kommt in menschlicher Gestalt." Wenn Menschen sich einander zuwenden und füreinander da sind, dann erscheint "ER" in unserer Mitte. In der Corona-Krise hat Gott auf unterschiedliche Weise ein menschliches Gesicht bekommen. Gemeindemitglieder haben es übernommen, einsame Menschen regelmäßig anzurufen. Über den Livestream ist eine virtuelle Gemeinde mit großer Verbundenheit gewachsen. Kleine meditative Impulse über WhatsApp haben an Bedeutung gewonnen.
Denken wir noch einmal an das Mosaik der Brotvermehrungskirche in Tabgha am See Genezareth. In der biblischen Geschichte wird heute in den Gottesdiensten von fünf Broten und zwei Fischen erzählt. Im Mosaik sind nur zwei Fische und vier Brote zu sehen. Das fünfte Brot könnte jeder von uns dazulegen.

Musik 4: Lambert Kleesattel – "Hör nicht auf, den Herrn zu loben" – CD Pleni Sunt Caeli Et Terra – 03:32

Musikauswahl: Regionalkantor Armin Press, Hanau

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