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Das Gute wollen, das Böse tun
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Das Gute wollen, das Böse tun

Dr. Joachim Schmidt
Ein Beitrag von

Dr. Joachim Schmidt,

Evangelischer Pfarrer, Darmstadt

Also, sagte mein Freund, das ist ja schon tragisch mit dieser wunderbaren Stadt Venedig. Weltkulturerbe, aber: Zu viele Touristen, zu viel Verkehr, zu viel Industrie in der Nähe, immer häufigere Hochwasser. Die Stadt versinkt. Und die Fundamente aus Millionen Eichenpfählen zwischen den zahllosen Kanälen sind durch den Wellenschlag der vielen riesigen Kreuzfahrtschiffe in größter Gefahr. Ein Jammer.

Er machte eine Pause, und dann sagte er: Aber einmal will ich das unbedingt auch noch erleben: Venedig vom Meer aus, und zwar an Bord eines Kreuzfahrtschiffs. Ich habe schon gebucht. Da hatte einer ein Problem begriffen. Im Kopf wenigstens. Aber zugleich tat er so, als ob ihn das gar nichts anginge. So eine Auf-mich-kommt-es-doch-gar-nicht-an-Denke: Die Zerstörung Venedigs durch die Kreuzfahrtschiffe passiert sowieso. Da kann ich genauso gut mitfahren und Spaß haben. Es ist die gleiche merkwürdige Logik, mit der Menschen zwar Massentierhaltung nicht mögen, aber täglich Fleisch auf dem Teller wollen, Kinderarbeit schlimm finden, aber T-Shirts für drei Euro kaufen und die Erderwärmung beklagen, aber gerne mal mit dem Bleifuß Auto fahren.

Keine Frage: Aus schierer Gewohnheit tun wir Menschen häufig dumme Dinge, obwohl wir es eigentlich besser wissen müssten. Die Ausrede ist immer die gleiche: Das tun doch alle, ich bin ja nur einer von Vielen. Auf mich kommt’s nicht an. Da kann ich mich gut aufs Trittbrett stellen und machen, was alle tun. Wissen ist Macht, Nicht-Wissen-Wollen macht nix. So wird dann jeder schließlich ein Teil des Problems.

Schon der Apostel Paulus kannte diese menschliche Dummheit und Schwäche, als er voller Selbsterkenntnis an die Römer schrieb: „Das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.“ Paulus hatte dafür ein unangenehmes Wort: Sünde.
Das Wort Sünde ist heutzutage ziemlich aus der Mode gekommen, aber die uralte Tatsache ist geblieben: Jeder Mensch hat durch sein Tun und Lassen in Wahrheit eine Mit-Verantwortung für die Welt um ihn herum, und Gedankenlosigkeit oder Bequemlichkeit sind dabei die schlechtesten Ratgeber. Auf Sie und mich kommt es doch gar nicht an? Das Gegenteil ist richtig! Auf das Tun und Lassen jedes Einzelnen kommt es an, und diese Verantwortung nimmt uns niemand ab. Denn viele Einzelne können große Veränderungen bewirken.

Mit dem Verstand ist es wie mit den Muskeln. Benutzt man ihn nicht, wird er schlaff. Wenn mehr Menschen bereit wären, sich nicht billig heraus zu reden, sondern ihre Gewohnheiten zu ändern, weil sie es eigentlich längst besser wissen: Die Welt sähe anders aus. Schließlich hat uns Gott hat den Verstand nicht gegeben, damit wir ihn an der Garderobe abgeben.
 

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