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Aber bitte mit Abstand
Bild: Alexandra Koch/Pixabay

Aber bitte mit Abstand

Dr. Willi Temme
Ein Beitrag von

Dr. Willi Temme,

Evangelischer Pfarrer, Martinskirche Kassel
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Über Distanz und Nähe

Guten Morgen, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer! Ich finde es schön, dass wir hier über den Rundfunk in Kontakt treten – und Corona spielt dabei gar keine Rolle. Bei der Rundfunkmorgenfeier ist es, wie es immer war. Der Sprecher oder die Sprecherin sitzt im Studio und die Zuhörerin oder der Zuhörer sitzt zuhause, im Auto oder läuft mit Knopf im Ohr durch den Park.

Wie schön, dass wir, Sie und ich, nicht auf Distanz und Nähe achten müssen! Diese Vorsicht ist uns ja in diesen Corona-Zeiten schon so selbstverständlich geworden.

Allenfalls könnte ich Ihnen mit meinen Worten oder meiner Sprechweise zu nahe kommen - oder zu sehr auf Distanz bleiben. Dann schalten Sie vielleicht ab oder Sie hören in drei Minuten noch einmal rein, um zu testen, ob es dann womöglich besser passt.

So oder so: für Sie als Zuhörer und Zuhörererin und für mich als Sprecher hat sich durch Corona nichts verändert.

Aber in unserem Alltag sieht das ganz anders aus.

Nähe und Distanz, Distanz und Nähe spielen da eine große Rolle. Und so soll es heute Morgen einmal genau darum gehen.

Musik: William Grant Still, If You Should Go

Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen damit geht, aber mir gefällt die neue Art der Begrüßung in Corona-Zeiten recht gut. Sofern wir nicht im selben Haushalt leben, dürfen wir uns ja nicht die Hände geben, und Umarmen dürfen wir uns schon mal gar nicht – das ist ja viel zu nah! Und so kommt es, dass wir es halten wie die Asiaten: wir gehen aufeinander zu, bleiben in gebührendem Abstand voreinander stehen, nicken, sagen "Guten Tag", und eventuell legen wir auch die Hände aufeinander und verneigen uns. In Indien sagt man dann "Namaste" (was soviel heißt wie: ich verneige mich vor dir). Und ich habe es mir auch schon so angewöhnt.

Wie gesagt: ich finde, das hat was. Mir gefällt vor allem, dass nun nicht mehr jede Begrüßung zu einem Bekenntnis der Verbundenheit und Zuneigung werden muss. Die Hände müssen nun keine Botschaft mehr vermitteln, etwa: "Du bist mir besonders wert und teuer! Das sollst du durch meinen beherzten Händedruck spüren!" Die Begrüßung kommt jetzt ohne ein solches Bekenntnis aus.

Und ich stehe auch nicht mehr vor der Frage: umarmen wir uns oder umarmen wir uns nicht? Irgendwie habe ich den Eindruck: die Begrüßung hat nun was Leichteres, Schwebenderes. Und die Blicke, die wir uns schenken, erhalten eine größere Bedeutung. Wir nehmen uns anders wahr.

Aber dass wir uns nicht missverstehen. Auch ich freue mich auf den Tag, wo ich nach dem Gottesdienst als Pfarrer an der Kirchentüre auch wieder die Hände schütteln kann. Alles hat eben (mindestens) zwei Seiten.

Die Erfahrungen in dieser Corona-Zeit sind in vielen Bereichen neu und intensiv. Und vermutlich in den meisten Fällen hat dieses Neue auch mit Unannehmlichkeiten, ja mit Leiden zu tun. Und gerade die erzwungene Distanz zueinander ist oftmals so schmerzlich, dass sie mitunter nur schwer auszuhalten ist.

Bevor wir uns diesen Leidenserfahrungen näher zuwenden, lassen Sie uns aber einen Blick werfen auf einen Bibelabschnitt, der mir in dieser Corona-Zeit zum ersten Mal wichtig geworden ist. Er steht in der Apostelgeschichte und ist wohl nicht sonderlich bekannt.

Es wird da von der Jerusalemer Urgemeinde berichtet. Von einer Zeit also, als das Christentum noch ganz jung war. Und es wird gesagt: Viele Menschen konnten da erfahren: mein Leiden wird gelindert, meine Krankheit wird geheilt.

Es heißt, es waren Petrus und die anderen Apostel – die Männer also, die Jesus aus nächster Nähe kennengelernt hatten -, von denen nun eine große Kraft ausging. Im 5. Kapitel der Apostelgeschichte lesen wir:

12a Es geschahen aber viele Zeichen und Wunder im Volk durch die Hände der Apostel,
15    sodass die Christen die Kranken sogar auf die Straßen hinaustrugen und sie auf Betten und Bahren legten, damit, wenn Petrus käme, wenigstens sein Schatten auf einige von ihnen fiele.
 16   Es kamen auch viele aus den Städten rings um Jerusalem und brachten Kranke und solche, die von unreinen Geistern geplagt waren; und alle wurden geheilt.

So groß war der Glaube dieser Kranken und ihrer Angehörigen, dass selbst der Schatten des Petrus ausreichen konnte, damit Heilung passierte. Heilung ganz ohne Berührung. Heilung allein durch den Glauben. Hier musste es nicht die ganz große Nähe sein. Schon eine Nähe auf Abstand (wenn ich mal so sagen darf), reichte hier schon aus.

Musik: William Grant Still, Song for the Lonely

Wir haben gehört: der Schatten des Petrus reichte, um Kranke gesund zu machen. Eine Nähe auf Abstand war genug, damit Menschen wieder neue Hoffnung schöpfen konnten.

Wenn es aber um Distanz und Nähe in Zeiten von Corona geht, so gehört hierzulande sicher zu den bittersten Erfahrungen, dass leidende Menschen erfahren mussten: selbst eine Nähe auf Abstand wird mir verwehrt. Angehörigen wurde es verboten, zu mir zu kommen. Dabei hätte ihre Nähe meine Not lindern können.

Menschen mussten erleben: ich bin abgeschnitten von meinen Liebsten. So war das wochen- ja monatelang!

Besonders schlimm traf es die Bewohnerinnen und Bewohner von Seniorenheimen und Hospizen, und gewiss auch so manchen Patienten in den Krankenhäusern.

Wie da mitunter Paare, die ein Leben lang Seite an Seite gelebt haben, nun auseinander gerissen wurden ohne Aussicht einander begegnen zu können – das war zum Teil schon menschenunwürdig.

Oder wie Sterbende isoliert wurden und Ihnen die Nähe ihrer Angehörigen versagt wurde – das überstieg das Maß der Zumutungen, das mir in Krisenzeiten statthaft erscheint.

Wenn selbst eine Nähe auf Distanz verboten wird, dann bedeutet das mitunter Totsein mitten im Leben. Und das sollte eine Gesellschaft unbedingt verhindern. Aus diesen ganz schlimmen Erfahrungen sollten wir alle lernen.

Gottseidank ist es so, dass die meisten Menschen in unserem Land die Abstandsregeln für vernünftig halten und sich daranhalten. Das ist wichtig für uns alle! Jedoch solche Extreme an Distanzierung darf es meiner Meinung nach nicht noch einmal geben.

Eine Maßnahme, die den Zweck hat, Leben zu schützen (wie das Gebot der Distanzierung und der Quarantäne), darf meines Erachtens nicht selbst lebensfeindlich sein. Da, denke ich, müssen wir in Zukunft besser aufpassen!

Musik: Adolphus Hailstork, Lento e teneramente

Für mich ist die Geschichte von dem Apostel Petrus, der allein durch seinen Schatten die Leute gesund macht, ein gutes Bild für Nähe und Distanz in Zeiten der Krise.

Das Bild vom Schatten des Petrus zeigt: es muss nicht immer die ganz große Nähe sein, um heilsam zu wirken. Aber die Geschichte zeigt auch: ohne eine gewisse Form von Nähe kann es kein Leben geben und auch keine Heilung.

Der Schatten, der hier auf die Kranken fällt, ist der Schatten einer lebendigen Person. Petrus selbst ist da. Auch wenn er nicht zu mir, dem Kranken, spricht, und auch wenn er mir nicht die Hände auflegt. Petrus ist da – sein Schatten lässt mich seine Nähe erfahren. Und eine solche Nähe auf Distanz reicht schon manchmal, um neue Kraft zu schöpfen und den Lebensstrom zu spüren. Aber so ganz ohne Nähe geht es nicht. Wir Menschen sind auf Nähe angewiesen. Die totale Distanzierung bedeutet für uns Tod.

Musik: Philippe Hersant,  Bassoon Set: Niggun pour basson

Das schöne Bild vom Schatten des Petrus, der hilft, dass die Kranken gesund werden – dieses schöne Bild hätte uns jetzt beinahe das Wichtigste in unserem Bibelabschnitt vergessen lassen. Denn letztlich kommt es dem biblischen Erzähler ja nicht auf den Schatten an, sondern auf die Botschaft dahinter. Und diese Botschaft lautet:

Heilende Kräfte sind vorhanden. Rettende Kräfte sind am Werk.

Gerade jetzt, wo die Pandemie schon seit sieben Monaten unser Alltagsleben bestimmt,

gerade jetzt, wo nicht nur die Erkrankten ungeduldig werden, sondern auch die vielen, deren wirtschaftliche Existenz durch Corona bedroht ist, gerade jetzt ist diese Hoffnungsbotschaft wichtig zu hören:

Nicht nur das Virus ist unter uns. Sondern auch die rettenden, heilenden Kräfte sind vorhanden. Wir sollen uns erinnern lassen: Gottes heilende Kraft ist da.

Die Geschichte von den Leuten, die ihre kranken Angehörigen auf die Straße legen, damit sie gesund werden, wenn Petrus vorbei geht – diese Geschichte erinnert uns daran: Heilung kann geschehen, wenn Menschen die Hoffnung nicht sinken lassen. Rettung kann sich ereignen, wenn wir Glauben und Mut bewahren.

Ich glaube, Herr, hilf meinem Unglauben – heißt es an einer anderen Stelle der Bibel. Mit dieser Bitte nach oben lasst uns diesen Sonntag beginnen.

Musik: Dorian Cooke, After the Rain

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