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200 Jahre Dachboden
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200 Jahre Dachboden

Dr. Peter Kristen
Ein Beitrag von

Dr. Peter Kristen,

Evangelischer Pfarrer und Studienleiter, Religionspädagogisches Institut Darmstadt

Wohin nur mit dieser alten Christusfigur? Das haben sich die Menschen in Florstadt in der Wetterau gefragt. Vor zweihundert Jahren, als ihre Kirche umgebaut wurde, als sie größer und schöner und neu werden sollte. Niemand wusste, wie alt die Christusfigur war, sie war halt schon immer da. Ja, eine gewisse Würde hatte sie schon, aber gerade schön war sie nicht mehr, jedenfalls nicht so, dass man sie in der neuen Kirche haben wollte. Nur – wohin damit? Kann man eine alte Christusfigur einfach im Ofen verbrennen?

Damals hat man beschlossen, den alten Christus, so wie er ist, staubig und ohne Arme, auf dem Dachboden der Kirche aufzuheben. Über dem Altar, hoch über der Stelle, an der er schon wer weiß wie lange in der Vorgängerkirche gestanden hatte. Mit ein bisschen Lehm hat man ihn befestigt und dann die Dielen des Dachbodens darüber verlegt. So war der alte Christus irgendwie doch noch gegenwärtig, konnte aber den schönen Gesamteindruck der neuen Kirche nicht stören.

Vor kurzem, als die Kirche wieder renoviert werden musste, haben die Florstädter die Figur auf dem Dachboden unter den Dielen gefunden. Sie stammt aus dem Hochmittelalter, mehr als 800 Jahre ist sie alt.

Natürlich steht der Dachboden jetzt nicht mehr zur Diskussion. Die Gemeinde in Nieder-Florstadt wird die Christusfigur aufbewahren und mit ihr auch ihre ganze Geschichte: Die Kreuzzüge könnte der Florstädter Christus erlebt haben. Viele Kriege und die Nazizeit. Manchmal haben die Menschen vergessen, wofür jede Christusfigur steht: die gute Botschaft von der Liebe Gottes zu allen Menschen.

Aber auch viel Gutes gab es in den achthundert Jahren. Im Sinne Christi haben sich die Menschen beschenkt zu Weihnachten, vergeben zu Ostern, sind dankbar gewesen zu Erntedank, bei Taufen und Trauungen und haben sich beigestanden bei Trauerfeiern. Die alte Christusfigur war dabei mal in der Kirche, mal auf dem Dachboden verborgen. Mir zeigt das: Ob er als Figur vor Augen ist oder nicht, in seinem Geist ist Christus gegenwärtig, wenn Worte von Gottes Liebe immer wieder neu gesprochen und gehört werden und zum Leben helfen, durch Zweifel und Glauben.

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