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„Sie waren ein Herz und eine Seele“
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„Sie waren ein Herz und eine Seele“

Pia Arnold-Rammé
Ein Beitrag von

Pia Arnold-Rammé,

Katholische Pastoralreferentin, Referentin für Sozialpastoral, Frankfurt

„Keiner nannte etwas von dem, was er hatte, sein Eigentum, sondern sie hatten alles gemeinsam.“ Das ist keineswegs ein Satz aus dem Kommunistischen Manifest, sondern er stammt aus der Bibel. Er steht in der Apostelgeschichte. Dieses Buch der Bibel beschreibt das Leben der ersten Christen und der ersten christlichen Gemeinden. Diese ersten Christen besaßen nicht nur alles gemeinsam. Sie waren auch ein Herz und eine Seele. Und alle, die Grundstücke oder Häuser hatten, verkauften ihren Besitz und gaben den Erlös in die Gemeinde. Jedem wurde dann soviel zugeteilt, wie er nötig hatte. So zumindest steht es in der Apostelgeschichte.

Das hört sich vielleicht ein bisschen arg utopisch an. Aber irgendwie auch gut, finde ich. Da wird eine solidarische Gemeinschaft beschrieben, die wirklich füreinander einsteht, auch finanziell. Arm und Reich zählt nicht mehr, es gibt kein Privateigentum. Wenn ich mir unsere Welt anschaue, dann sieht es da ganz anders aus: die Unterschiede zwischen arm und reich werden größer, die Solidarität bröckelt, die Gesellschaft ist gespalten. Nun ist dieser biblische Text ja auch 2000 Jahre alt. Also nicht vergleichbar?

Ich denke, der Text war auch schon damals keine Beschreibung der alltäglichen Realität. Allein die Aussage, „dass alle ein Herz und eine Seele waren“: da bin ich doch sehr skeptisch. Kein Streit in einer Gruppe, in der sehr unterschiedliche Menschen zusammen kommen? Das kann ich mir irgendwie nicht vorstellen. Und kein Murren darüber, dass ich mein Haus verkaufen und mein Vermögen allen zur Verfügung stellen soll, auch dem faulen Nachbarn? Schwer vorstellbar!

Ich denke, der Text war auch damals schon die Beschreibung einer Idee, eines Ideals, einer christlichen Gemeinschaft, wie sie sein sollte. Immerhin, im Laufe der 2000 Jahre ist diese Idee immer mal wieder umgesetzt worden, bis heute. Zum Beispiel in vielen Ordensgemeinschaften, in denen der Einzelne kein Eigentum besitzt und alles allen gehört. Gleichzeitig aber hat gerade auch die Kirche immer wieder in Bezug auf diese Ideale versagt, hat Eigentum angehäuft und sich nicht um die Armen gekümmert. „Keiner nannte etwas von dem, was er hatte, sein Eigentum, sondern sie hatten alles gemeinsam.“: Der Satz steht nach wie vor in der Bibel, heute wird er in den katholischen Gottesdiensten vorgelesen. Es bleibt der Stachel im Fleisch. Es bleibt der Anspruch, es bleibt die Idee, die Vision. Und ich als Christin werde immer wieder neu aufgefordert danach zu leben: solidarisch zu sein, meinen Besitz zu teilen, mit meinen Mitmenschen friedlich zusammenzuleben. Eine Herausforderung, der ich mich auch heute wieder stellen will!

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