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Freundschaft und Freiheit
Bild: Henning Westerkamp auf Pixabay

Freundschaft und Freiheit

Anne-Katrin Helms
Ein Beitrag von Anne-Katrin Helms, Evangelische Pfarrerin, Erlösergemeinde Frankfurt-Oberrad

Nach vielen Jahren hatte ich mal wieder Klassentreffen. 25 Jahre nach dem Abitur. Ich habe lange geschwankt. Ein alter Schulkamerad gab mir dann einen Schubs und so fuhr ich. Es war schön. Aber ich habe auch gemerkt: ich gehöre nicht mehr dazu. Ich bin gleich nach dem Abitur weggezogen. Viele von den anderen sind zuhause geblieben. Verblüfft dachte ich: die haben sich ja gar nicht verändert!

Sie pflegen die alten Freundschaften. Sie haben Ausbildung und Berufseinstieg geteilt und winken sich jetzt über den Gartenzaun zu. Die Kinder gehen gemeinsam zur Schule. Auch sie werden wieder Freunde. Ein bisschen habe ich die Klassenkameraden darum beneidet. Vertraut sind sie mir schon noch. Aber richtige Freunde aus meiner Schulzeit sind mir höchstens eine oder zwei geblieben. Längst sind neue dazugekommen.

Der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer hat Freunde verglichen mit einer Kornblume im Weizenfeld. „Keiner hat sie gepflanzt, keiner begossen, schutzlos wächst sie in Freiheit und in heiterer Zuversicht, dass man das Leben unter dem weiten Himmel ihr gönne … Kostbarste, seltenste Blüte … ist dem Freunde der Freund.“

Richtige Freunde gibt’s nicht im Dutzend. Freundschaft kann ich nicht erzwingen. Sie wächst in Freiheit. Dann verändert sie den Blick aufs Ganze. Auf einmal bekommt mein Leben und alles darin eine schöne Farbe. Kornblumenblau. Leuchtend. Und schutzlos: ich muss schon auf meine Freunde achten. Und sie auf mich. Aber machen können wir die Freundschaft nicht.

Einen Freund haben und einem anderen Freundin sein, das ist ein großes Glück. Dazu muss man nicht im Nachbarhaus wohnen und täglich ein Schwätzchen halten. Freundschaft geht auch auf Distanz. Aber immer braucht es Vertrauen dazu. Ein Freund ist ein Mensch, bei dem ich unvorsichtig bin. Dem ich mich anvertraue: mit verrückten Ideen, wilden Phantasien und großem Kummer. Ohne Freunde macht das Leben keinen Spaß. Ich glaube, dass Freundschaft zum Menschsein dazugehört. Gott hat gewollt, dass wir nicht alleine bleiben.

Und deshalb weiß ich: Gott gönnt mir meine Freunde. Zum Glück habe ich welche! Wenn ich mit ihnen zusammen bin, glaube ich, dass Gott es gut mit mir meint. Dann schaue ich fröhlich ins Leben. „Heitere Zuversicht“ nennt das Bonhoeffer.

Beim Klassentreffen hätte ich meine alten Schulkameraden besser mit meiner „Heiteren Zuversicht“ anstecken sollen, denke ich jetzt. So habe ich mich nur gefragt, ob die alte Verbindung noch trägt. Das hat‘s mir schwer gemacht. Etwas vom Glück der Freundschaft einzubringen, hätte dem Abend Leichtigkeit gegeben. Wenn es mal wieder ein Klassentreffen gibt, kann ich es ja mal versuchen.

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