"Lasst Euer Licht leuchten!"

"Lasst Euer Licht leuchten!"

Ein Beitrag von Janine Knoop-Bauer, Evangelische Pfarrerin, Darmstadt

Wozu bin ich eigentlich auf der Welt? Das ist eine große Frage. Schon Kinder fragen so, und deshalb heißt ein Kinderbuch: „Die große Frage“. Es stammt vom Illustrator und Kinderbuchautor Wolf Erlbruch. Da fragt ein Junge, wozu er eigentlich auf der Welt ist. Er bekommt verschiedene Antworten: Die Großmutter meint, der Junge ist da, damit sie ihn verwöhnen kann. Die große Schwester findet, man ist auf der Welt, um sich selbst lieb zu haben. Ein Stein meint: Man ist da, um einfach da zu sein. Und der Tod findet: Man ist auf der Welt, um das Leben zu lieben. Eine letztgültige Antwort bekommt der Junge nicht.

Wozu bin ich eigentlich auf der Welt? Eine lebenslange Frage, auf die Philosophie und alle Religionen Antworten geben wollen. In der Bibel steht die Antwort von Jesus von Nazareth. Er gibt sie in der Bergpredigt. Da sagt Jesus: Ihr seid das Licht der Welt. (…) So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten (Matthäus 5, 14+16).

Um zu leuchten sind wir auf der Welt, sagt Jesus. Mir gefällt, dass Jesus viel Freiraum lässt. Denn es gibt doch so unterschiedliche Arten zu leuchten. Es gibt den Kerzenschein und die Halogenlampe, die Beleuchtung eines Fußballstadions und das Licht in der Laterne. Lichter sind verschieden hell: manche glimmen nur schwach, andere blenden. Manche Lichter spenden Wärme, andere sind eher kühl. Wenn es also heißt: „Leuchte!“, dann gibt es einen großen Spielraum.

Deshalb ist die Antwort von Jesus stark. Sie legt den Einzelnen nicht fest. Mit jedem Menschen kommt etwas Neues in die Welt. Etwas, das es so noch nicht gegeben hat, etwas Einzigartiges. Jesus sieht in jedem und jeder das Besondere. Er ermutigt dazu, genau das zum Leuchten zu bringen. Jeder und jede bringt ein neues Licht in die Welt.

Aber es ist manchmal gar nicht so einfach, sein Licht zum Leuchten zu bringen. Der deutsche Liedermacher Andreas Bourani singt darüber in seinem Lied: Auf anderen Wegen. Davon, wie Menschen sich gegenseitig daran hindern zu leuchten. Selbst in einer Liebesbeziehung, selbst in Familien gibt es das. An einer Stelle im Lied heißt es: „Wir leuchten heller allein!“ Andreas Bourani singt darüber, wie zwei Menschen sich gegenseitig daran hindern, ihr Licht zum Leuchten zu bringen und trotzdem aneinander festhalten. Die Antwort des Sängers lautet: Wenn das eigene Licht dauerhaft geschwächt wird, oder wenn man das Licht eines anderen dauernd schwächt, dann muss man vielleicht sein Leben überdenken und auch schmerzhafte Abschiede hinnehmen.

Lasst Euer Licht leuchten, hat Jesus gesagt. Er befiehlt das nicht, er fordert liebevoll dazu auf. Gerade wenn es damit Probleme gibt, macht es mir Mut, wie Jesus das sagt. Er setzt den Menschen keine Frist, bis wann das eigene Licht zu leuchten hat. Und er droht auch nicht mit schlimmen Konsequenzen, wenn es Zeit braucht oder vielleicht auch nicht gelingt. Im Gegenteil.

An anderer Stelle in der Bibel verspricht Gott: Er wird auch noch das kleinste Licht erhalten. Den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen (Jesaja 42,3). Ich bin also auf der Welt, um zu leuchten. In meiner eigenen Farbe. In meiner eigenen Intensität. Eine einleuchtende Antwort auf eine große Frage.

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