Ihr Suchbegriff
Was hält einen am Leben?
Bildquelle Pixabay

Was hält einen am Leben?

Stephan Krebs
Ein Beitrag von

Stephan Krebs,

Pfarrer, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, Darmstadt

Je älter ich werde, desto mehr bedeutet mir mein Leben und desto besser passe ich darauf auf. Das ist nicht selbstverständlich, denn statistisch gesehen steigt die Selbsttötungsrate mit zunehmendem Alter immer mehr an. Doch auch viele junge Menschen denken darüber nach, wie es wohl wäre tot zu sein. Ich damals auch. Es war eine angenehme Vorstellung, weil es sich so leicht anfühlte. Alle Last war weg: Keine Angst mehr zu versagen, in der Schule oder in der Clique. Kein Gefühl mehr, alleine und ungeliebt zu sein. Kein Schmerz mehr über die Kälte und die Ungerechtigkeit in dieser Welt. Dazu gehörte für mich auch dieses Bild: Ich sitze auf der Friedhofsmauer und schaue aus der Ferne vergnügt zu, wie ich beerdigt werde.

Inzwischen weiß ich, dass viele Jugendlichen solche Phantasien haben. Psychologen nennen das „Verweigerung der Lebensreife“. Manche Jugendliche reagieren so, wenn sie anfangen, tiefer in die Hintergründe und Abgründe des Lebens zu blicken. Dabei erschrecken viele und flüchten in die Phantasie vom Tod, weil der ihnen diese Mühen scheinbar erspart.

Mein Glaube hat mir geholfen da herauszufinden. Denn im Vertrauen auf Gott konnte ich die Ansprüche, die mich quälten, von ihrem allzu hohen Sockel herunter holen. Gottes Barmherzigkeit nimmt Druck raus, denn sie sagt: „Du musst nicht perfekt sein. Mühe geben reicht. Das ganze Leben ist nicht perfekt, aber es steckt voller Chancen. Trage deinen Teil bei für eine gute Welt. Den Rest überlässt du Gott.“ Das half mir, das Leben anders zu sehen, nämlich so: Gott hält für mich noch einiges bereit. Und das will ich nicht verpassen. Aufmerksam für das Schöne, hoffnungsvoll für die Zukunft – das sind starke Argumente gegen den Tod und für das Leben.

Leider tragen diese Argumente nicht immer. Das beschreibt ein Popsong, der zum größten Hit der Sängerin Marianne Faithful wurde. Der Song heißt „The Ballad of Lucie Jordan“, also die Ballade der Lucie Jordan.

Musik: Aus “The Ballad of Lucy Jordan” von Marianne Faithfull

Die Morgensonne berührte leicht die Augen von Lucy Jordan in einem weißen Vorstadtschlafzimmer in einem weißen Randbezirk. Und sie lag da, unter ihren Decken, träumte von tausend Liebhabern, bis sich die Welt orange verfärbte und das Zimmer sich zu drehen begann. Im Alter von siebenunddreißig wurde ihr klar, dass sie niemals in einem Sportcoupé durch Paris fahren und den warmen Wind in ihren Haaren spüren würde. Deshalb ließ sie das Telefon klingeln, als sie da saß, sanft sang sie süße Kinderlieder, an die sie sich erinnerte, im Polstersessel ihres Vaters.

Äußerlich geht es Lucy Jordan gut. Sie lebt in einem schönen Haus. Sie hat einen Mann, der Arbeit hat. Sie hat Kinder, die zur Schule gehen. Sie kann zuhause bleiben und alles hübsch machen. Die klassische bürgerliche Idylle wird hier aufgeblättert und zugleich als Klischee zertrümmert. Denn der Song erzählt, dass das nicht unbedingt reicht, um den Sinn des Lebens zu garantieren.

Der Name Lucy Jordan steht für ungezählte Menschen, denen mitten im Alltag der Sinn des Lebens abhandenkommt. Viele von ihnen gehen dann einfach still und leise. Andere möchten ihrem Tod noch etwas Bedeutendes verleihen: Sterben für eine vermeintlich gute Sache. Als Attentäter machen sie sich dann zum Herrn über Leben und Tod – nicht nur ihres eigenen, sondern auch vieler anderer.

Ihnen allen, aber vor allem denen, die es noch nicht getan haben, ist der heutige Tag gewidmet. Die WHO, die Weltgesundheitsorganisation der Vereinten Nationen, hat den 10. September zum Welttag für Suizidprävention erklärt. Selbsttötungen gibt es auf der ganzen Welt, in allen Kulturkreisen, in allen Schichten. Weltweit etwa 800.000 pro Jahr. Davon allein in Deutschland über 10.000, also eine pro Stunde. Noch zehnmal häufiger sind die Versuche dazu.

Warum nehmen sich Menschen das Leben? Wer das fragt, stößt auch auf die Gründe, die sie am Leben erhalten. Erstens sind da die Familie und der Freundeskreis. Sie geben Geborgenheit und Sinn. Zweitens ein gesichertes Auskommen. Drittens Gesundheit. Wenn das fehlt, wird man anfälliger für Suizidgedanken. Den Tod suchen oft auch Menschen, weil sie Gewalt erlitten haben. Viele sind an schweren Depressionen erkrankt. Die Hälfte der Suizid-Opfer ist zudem abhängig von Drogen oder Alkohol. Menschen ohne Hoffnung.
Eines ist allerdings allen, die sich selbst töten wollen, gemeinsam: Ihr Weg beginnt mit einer Sinnkrise. Betroffene kapseln sich von ihrer Umgebung immer mehr ab. Sie sehnen sich in eine ideale Welt ohne Verzweiflung hinein. So entsteht allmählich ein inneres Gefängnis. Darin spüren die Insassen gar nicht mehr: „Ich bin gar nicht allein. Ich kann etwas verändern. Ich habe noch Lebenschancen.“

So ergeht es auch Lucy Jordan im Song von Marianne Faithful. Der Song endet geheimnisvoll: Da steht Lucy auf dem Dach eines Hauses. Springt sie von dort in den Tod, vermeintlich in die Arme ihres Märchenprinzen, der nun ihre Träume erfüllt? Oder reicht sie einem Arzt die Hand, dessen Krankenwagen sie im Wahn für das erträumte Cabriolet hält? Das bleibt offen.

Musik: Aus “The Ballad of Lucy Jordan” von Marianne Faithfull

Die Abendsonne berührte leicht die Augen von Lucy Jordan. Auf dem Dach, auf das sie geklettert war, als das Gelächter allzu laut wurde: Und sie verbeugte sich und machte einen Knicks vor dem Mann, der zu ihr kam und ihr seine Hand anbot. Und er führte sie hinunter zu dem langen, weißen Wagen, der hinter der Menge wartete.

Für Lucys Familie ist der Vorfall in jedem Fall ein Schock. Jeder Suizidversuch bezieht andere mit ein: Oft Passanten oder Lokführer, jedenfalls aber Polizisten, Ärztinnen und Hilfskräfte, die die Verletzten und Toten bergen müssen. Meist auch Familienangehörige. Sie ringen dann mit der Frage: Hätte ich vorher etwas merken müssen? Habe ich etwas versäumt? Bin ich etwas schuldig geblieben? Damit haben viele ein Leben lang zu kämpfen. Manche finden Hilfe bei einem Seelsorger oder einer Seelsorgerin. Zusammen können sie mühsam einen Weg durch die Trauer finden.

Dazu gehört auch, seine eigenen Grenzen zu erkennen. Denn nicht immer kann man etwas tun. Oft verbergen die Betroffenen ihre innere Isolation. Dann bleibt den Angehörigen am Ende eben nur, ihre Grenzen anzuerkennen. Im Glauben können sie dann hoffentlich das Leben in Gottes Hand legen. Wenn man allerdings von der Krise etwas bemerkt, kann man das ansprechen. Man kann auf professionelle Hilfe bei Ärzten und Psychologen aufmerksam machen und helfen, diese zu finden.

Gerettet werden können diejenigen, die das von sich aus wollen. Aus der behandelten Person muss eine handelnde Person werden, die noch etwas vorhat. Sie muss aus ihrem inneren Gefängnis heraus wollen und wieder Interesse entwickeln für etwas, das außerhalb ihrer selbst ist: Kinder, Enkel, der Fußballverein oder anderes. Das hält sie am Leben. Für dieses Mal. Oder für immer.

Viele, deren Suizid misslingt, versuchen es zum Glück nicht noch einmal. Sie finden wieder ins Leben zurück. Dann wundern sie sich über sich selbst und beschreiben ihren dunklen Moment als Affekt oder als Krise und sind dankbar für ihre zweite Chance. Deshalb sind Polizisten und Ärzte verpflichtet, suizid-gefährdete Menschen vor sich selbst zu schützen. Sie werden in Obhut genommen, bis sie sich wieder stabilisiert haben.

Heute sagen viele: „Mein Leben gehört mir. Damit kann ich machen, was ich will.“ Warum lässt man Menschen nicht einfach sterben, wenn sie das wollen? Weil unserer Gesellschaft ein anderes Bild vom Menschen zugrunde liegt. Es ist christlich geprägt und sagt: Du hast dein Leben nicht selbst geschaffen, deshalb solltest du es auch nicht selbst beenden. Das Leben wird dabei als Geschenk Gottes verstanden und findet darin auch seine Würde.

Der Apostel Paulus geht noch einen Schritt weiter, er sagt: „Wer an Gott glaubt, lebt sein Leben für Christus und Christus in ihm.“ (2. Korinther 5,16) So gesehen ist jeder Suizid ein Versagen der Hoffnung, ein trauriger Verlust an Leben. Jedes Leben ist es wert, für es zu kämpfen. Dafür tritt auch die Sängerin Marianne Faithful ein. Mit ihrem Song über Lucy Jordan erhebt sie ihre zart-traurige Stimme für alle, die nach ihren Träumen suchen. Warum sollte es für Lucy Jordan nicht einen dritten Weg geben? Jenseits von Tod und Wahn. Sie könnte probieren, ihren Traum zu leben. Und die Menschen um sie herum lachen sie dafür nicht aus, sondern freuen sich, dass sich eine 37jährige Frau etwas traut.

Musik: Aus “The Ballad of Lucy Jordan” von Marianne Faithfull

Im Alter von siebenunddreißig wusste sie: Sie hatte etwas für alle Ewigkeit gefunden, während sie durch Paris fuhr mit dem warmen Wind in ihren Haaren.

The Ballad of Lucy Jordan
Text und Musik von Shel Silverstein
Marianne Faithfull (1979), Original von Dr. Hook and the Medicine Show (1974)

The morning sun touched lightly on
The eyes of Lucy Jordan
In a white suburban bedroom
In a white suburban town.
And she lay there ’neath the covers
Dreaming of a thousand lovers
’Til the world turned to orange
And the room went spinning round

At the age of 37 she realized
she’d never ride through Paris in a sports car.
With the warm wind in her hair.
So she let the phone keep ringing
as she sat there softly singing
pretty nursery rhymes she’d memorized.
In her Daddy’s easy chair.

Her husband he’s off to work.
And the kids are off to school.
And there were oh so many ways
for her to spend her days.
She could clean the house for hours
Or rearrange the flowers.
Or run naked through the shady street
screaming all the way.

At the age of 37 she realized
she’d never ride through Paris in a sports car.
With the warm wind in her hair.
So she let the phone keep ringing
as she sat there softly singing
pretty nursery rhymes she’d memorized.
In her Daddy’s easy chair.

The evening sun touched gently
on the eyes of Lucy Jordan.
On the rooftop where she climbed
when all the laughter grew too loud
and she bowed and curtsied to the man
who reached and offered her his hand.
And he led her down to the long white car
that waited past the crowd.

At the age of 37 she realized
she’d never ride through Paris in a sports car
with the warm wind in her hair.

Weitere Themen

Das könnte Sie auch interessieren