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Privat
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Privat

Dr. Joachim Schmidt
Ein Beitrag von

Dr. Joachim Schmidt,

Evangelischer Pfarrer, Darmstadt

„Privat“. Wo so ein Schild hängt, an einer Tür, einem Zaun, einem Parkplatz, da bleibt man besser draußen, außer, man wird ausdrücklich hereingebeten. Privat ist eben nicht offen für alle, nicht öffentlich. Manchmal macht das ja durchaus Sinn, wenn zum Beispiel in kleinen Gaststätten der Eingang zum privaten Bereich direkt neben der Toilette liegt. Wer ein Privat-Schild aufhängt, signalisiert, dass er dahinter nicht gestört werden möchte. Kein Zugang. Manchmal hängen sogar noch Hinweise zur Strafbarkeit von Hausfriedensbruch daneben. Mein persönlicher Eindruck ist: Die „Privat“-Schilder nehmen zu.

Aus gutem Grund ist die Privatsphäre In allen Demokratien ein ganz besonders geschütztes Menschenrecht. Einerseits. Andererseits gibt es seit Jahren einen Trend, dass sich Menschen in ihrer Freizeit immer häufiger ins Private zurückziehen, ihre Ruhe haben wollen, sich abschotten. Vereine leiden unter Mitgliederschwund und öffentliche politische Ämter mögen viele nicht mehr übernehmen. Wer einmal versucht hat, Kandidatinnen und Kandidaten für Kirchenvorstandswahlen zu gewinnen, kann ein Lied davon singen.

Es hat sicher auch damit zu tun, dass für viele Menschen der Druck sehr zugenommen hat, Beruf und Privatleben unter einen Hut zu bekommen. Oft gibt es dann einfach keine Zeit und keine Kraft mehr, sich noch ehrenamtlichen Aufgaben zu widmen. Aber ich habe auch den Eindruck, dass der Rückzug ins Private und Eigene gerade wieder ziemlich propagiert wird. Das gilt nicht nur für Menschen, sondern auch für Gesellschaften und sogar Staaten. Brexit und Trump lassen grüßen. Es ist, als ob immer mehr Privat-Schilder an Türen und vor Köpfe gehängt werden.

Im alten Griechenland hatte man für Menschen, die sich nicht für öffentliche Angelegenheiten engagieren mochten, nur ihre Ruhe haben wollten, keine Ämter übernahmen, auch wenn sie das gut gekonnt hätten, und die sich aus allem heraushielten, ein besonderes Wort: Man nannte sie Idiotäs.

Zugegeben, das war damals nicht ganz so schlimm gemeint, wie es heute klingt. Ein Idiotäs war für die Griechen schlicht eine Privatperson, aber doch schon irgendwie ein Sonderling, ein Eigenbrötler. Denn dass es wichtig sei, sich für die Nächsten, die Nachbarn, das Gemeinwesen zu engagieren, darüber waren sich damals alle einig. Wer es nicht tat, verpasste viel und schloss sich irgendwie aus der Gemeinschaft aus. Die Römer bezeichneten später mit dem gleichen Wort Idiotäs einfach einen Stümper. Erst im Mittelalter wurde daraus ein Mensch mit einem, vorsichtig ausgedrückt, sehr geringen Verstand und ein Schimpfwort.

In letzter Zeit gibt es viele Stimmen, die jeweils eigenen Interessen zum Wichtigsten im Leben erklären wollen. Aber ich fürchte, wer so denkt und ansonsten nichts außer seiner Ruhe will, der steht in der großen Gefahr, seelisch zu verarmen, denn er koppelt sich von ganzen Lebensbereichen ab. Der Mensch braucht nun einmal die Gemeinschaft mit anderen. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, hat Jesus einmal gesagt. Ich denke, er meinte nicht nur die individuelle Zuwendung und Hilfe, sondern auch eine gute Balance zwischen dem Privatleben und dem Leben mit der Gemeinschaft. „Privat“-Schilder sind manchmal eine gute Lösung. Vor Köpfen sind sie es nicht. Sie wissen schon, die Griechen.

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