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Pfingstmontag - Fest der christlichen Freiheit und Einheit

Pfingstmontag - Fest der christlichen Freiheit und Einheit

Stefan Herok
Ein Beitrag von

Stefan Herok,

Katholischer Diplomtheologe, Referent für Liturgie – Katechese – Spiritualität beim Bistum Limburg
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Guten Morgen am Pfingstmontag!

Heute ist ein christlicher Feiertag, den ich ganz besonders liebe! Sie werden sich vielleicht fragen, warum? Was ist am Pfingstmontag so besonders?

Mit dem heutigen Fest ist keine berühmte Geschichte verbunden. Der zweite Weihnachtsfeiertag z.B., der erzählt vom ersten Märtyrer Stephanus. Damit wir angesichts romantischer „Holder-Knabe-mit-lockigem-Haar-Krippenidylle“ nicht die Dramatik übersehen, die sich unweigerlich einstellt, wenn man mit christlichem Einsatz ernst macht. Auch der Ostermontag hat seine eigene Geschichte. Sie handelt von zwei Jüngern auf dem Weg von Jerusalem ins Dorf Emmaus. Leider würde es den Rahmen sprengen, sie hier zu erzählen. Für den Pfingstmontag aber, da gibt es keinerlei eigene Geschichte. Er ist damit ein besonders offener Feiertag, frei für eigene Gestaltungsideen und das finde ich klasse! Natürlich in der Spur von Pfingsten.

Der Pfingstsonntag erzählt und feiert, dass Gott die Welt mit Geist ausstattet. Mit heiligem Geist sogar! Was ganz konkret Liebe bedeuten würde und Frieden, Solidarität und Gerechtigkeit. Und Toleranz und nie, nie mehr Hass und Gemeinheit! Das Blöde ist nur, dieser heilige Geist ist zwar superstark mit seinen kräftigen Bildern von Feuerzungen bis Sturmesbrausen! Aber gleichzeitig ist er sowas von edel und vornehm, dass er höflich anklopft und sich nur dort breitmacht und auswirkt, wo er freiwillig eingelassen wird! Und da sieht es – so jedenfalls meine Wahrnehmung - bei den Menschen von heute ziemlich mau aus… Schon mit Geist überhaupt, erst recht mit heiligem Geist!

Mein Gott, hättest du unsere menschlichen Hirne und Herzen nicht doch besser zwangsweise mit heiligem Geist ausstatten können! So denke ich oft, wenn der allgemeine Mangel an Geist mal wieder allzu offensichtlich um sich greift: Rücksichtlosigkeit auf der Straße; Brutalität gegen Fremde; Hochmut populistischer Politiker; Hass im Internet; umweltblindes Wirtschaften; und so weiter…

Aber sobald ich dann an unsere Kirchen denke, besonders an meine katholische, dann wehrt sich sofort alles in mir: Nein, lieber Gott, bewahre uns doch lieber vor allem Zwangsweisen! Selbst wenn du dabei im Spiel wärst, Geist und Zwang, das geht nicht zusammen. Gerade wir von der katholischen Kirche, wir haben viel zu oft Dinge mit Gewalt durchzusetzen versucht und mit perfekter Kontrolle. Und das auch noch in deinem Namen! Das mögen andere in meiner Kirche anders sehen, aber ich nehme es so wahr:

Wir haben alles geregelt und festgelegt. Wir lassen kaum Gestaltungräume im christlichen Denken und im moralischen Handeln, gewähren zu wenig Spielräume für unterschiedliche Interpretationen der biblischen Texte und der kirchlichen Traditionen. Zum Beispiel in den Fragen, wer Priester sein und wer wen heiraten darf. Jede Menge Dogmen, Normen und Gebote machen Kirche zum geistig-moralischen Hochsicherheitstrakt. Und damit irgendwie zum Gefängnis. Jedenfalls für freiere Geister. Und für Leute, die Reformbedarf sehen. Und oft genug auch für Frauen, die in der Kirche beten dürfen und putzen, aber nicht predigen und Sakramente spenden.

Der Pfingstmontag hat für mich das Potential, kleiner aber feiner Gegenpol zu sein, gegenüber solcherart zwanghafter und unerlöster Kirche. So liebe und so feiere ich ihn als Tag der christlichen Freiheit und des auf- und ausbrechenden Heiligen Geistes!

Seit kurzer Zeit arbeite ich wieder ganz basisnah als Pastoralreferent. Sowohl in der großen Wiesbadener Sankt-Bonifatius-Pfarrei, als auch in einer kleinen Gemeinde vor Ort: Sankt Mauritius, im Musikerviertel, Richtung Sonnenberg. Die Mauritiuskirche ist ein Kleinod neuzeitlicher Architektur der späten 60er Jahre, auch wenn der Beton inzwischen genauso bröckelt wie das Gemeindeleben. Besonderes Merkmal der kleinen Christenschar, die hier tapfer einiges Leben aufrechthält, ist ihre starke ökumenischeGesinnung! Sie betreibt z.B. mit der benachbarten evangelischen Thomasgemeinde zusammen einen wirklich ökumenischen Kindergarten.

Auch im Gemeindeleben gibt es schöne gemeinsame Aktionen: man wandert zusammen, veranstaltet Bibel- und Bildungsabende, die Leitungsgremien treffen sich. Zusammengefasst und tiefer kommuniziert wird Gemeinsames wie Eigenes in der ökumenischen Zeitung mit dem zwar fantasiearmen, aber trotzdem programmatischen Namen „Miteinander“.

Am heutigen Pfingstmontag gibt es eine besondere Form von Gottesdienst! Es ist der einzige kirchliche Feiertag, an dem meine strenge katholische Kirche einen ökumenischen Gottesdienst am Vormittag gestattet. Wir treffen uns in der evangelischen Kirche, beten und singen neuere Lieder und ziehen dann – für evangelische Christen ungewöhnlich – in Prozessionsform mit Gesang und zwei Bibel-Stationen zur katholischen Kirche. Dort wird – für katholische Christen ungewöhnlich – der evangelische Pfarrer die Predigt halten. Anschließend wird natürlich weltlich weiter gefeiert.

Für die Zukunft – ich bin ja noch neu und hoffe dafür auf katholische wie evangelische Unterstützung – stelle ich mir noch freiere Gottesdienste vor: mit breiterer Beteiligung sehr verschiedener Leute, mit Künstlern, Denkern, Bankern und Politikern, mit zeitgenössischen Texten, symbolhaften Aktionen - eben ein Pfingstmontag der großen christlichen Freiheit!

Diesen Pfingstmontag werden wir – so zumindest mein Wunsch - auf Dauer mit einem feinen Infektions- und Explosionspotential ausstatten. Der Keim pfingstlicher Freiheit soll ansteckend wirken und den Menschen Lust auf mehr Gottesdienste in freierer Gestaltung machen. Die gängige Gottesdienstlandschaft kann ein bisschen heilsame Erschütterung und Aufrütteln vertragen! Nicht um sich eventhaft dem Zeitgeist anzubiedern, sondern um mit ihm spirituell streiten zu lernen – auf Augenhöhe! Und um genuin christliche Akzente zu setzen, die Menschen von heute überhaupt verstehen können! Impulse, die ihre Sprache sprechen und ihre Probleme betreffen, erst mal egal, ob sie sie dann annehmen oder ablehnen.

Das ist überhaupt kein Gegenprogramm zum traditionellen Gottesdienst, wie die kirchenängstlichen Regulierer sofort befürchten werden. Es ist ein Neben- und ein Vorprogramm für die große Zahl von Menschen, die heute nicht disponiert und gestimmt sind für Eucharistie und Abendmahl. So wie viele Menschen heute den Zugang zu „großer Oper á la Verdi und Wagner“ verloren haben bzw. nie entwickelt.

Die Theatermacher können nicht einfach vor immer leerer werdenden Häusern weiterspielen. Und es ändert auch nichts, wenn sie arrogant über angebliche Kulturbanausen die Nase rümpfen. Sie bemühen sich, Menschen mit vielerlei Musikgeschmack neu ins Theater einzuladen. Vielleicht wird dann irgendwann auch wieder „große Oper“ möglich. Besonders hilfreich ist dabei z.B. ein „Wagnersänger“, der gleichzeitig „Popstar“ ist…

Bei uns in den Kirchen ist aber leider immer noch zu oft arrogantes Naserümpfen angesagt über die, die den Zugang zu unserem traditionellen Gottesdienst verloren oder nie entwickelt haben. Und echte Doppeltalente für die hohe, heilige Liturgie wie für einfachere, aber menschennahe geistliche Impulse, die gibt es bei uns bisher eher selten…

Dafür also liebe und feiere ich den Pfingstmontag: als Prototyp für den Gottesdienst größerer christlicher Freiheit und Einheit! Keimzelle einer Liturgie, die geistige Weite verbindet mit echter Nähe zu den Menschen von heute: Pfingstmontag!

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