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Nicht furchtsam sein
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Nicht furchtsam sein

Ein Beitrag von Christof Hartge, Alt-Wildungen

Jedes Jahr fahre ich auf Konfirmandenfreizeit. Einmal wäre ich fast nicht gefahren und das war dieses Jahr. So wie im letzten Jahr, sollte es eine Konfirmandenzeit in Berlin geben. Es war auch lange vorher verabredet worden. Aber damals, als ich mit den Eltern darüber sprach, war die Sicherheitslage noch eine andere. Dann ereigneten sich die Anschläge in Paris. Anfang Januar verbreiteten sich die Nachrichten über die Silvester-Nacht in Köln. Mit einem Mal schien es gute Gründe zu geben, jetzt nicht nach Berlin zu fahren. Gründe, die man auch nicht einfach beiseiteschieben kann. Schließlich haben damals die Behörden gewarnt, und warnen auch jetzt noch, dass Anschläge auch in Deutschland möglich sind.

Deshalb habe ich auch keinem, der Bedenken trug, versucht die Sorgen auszureden. Niemand konnte und kann wirklich ausschließen, dass etwas Schlimmes passiert.
Ich kann nur aus der Rückschau berichten, was geschah, als wir tatsächlich gefahren sind.

In der Jugendherberge am Wannsee war es anders als sonst. In einem anderen Flügel war eine große Gruppe Kinder und Jugendliche untergebracht. Sie waren als unbegleitete Flüchtlinge nach Berlin gekommen. Wir Betreuer beobachteten mit gewisser Sorge, dass es aus unserer Wahrnehmung nur wenig Betreuung und Aufsicht zu geben schien.

Am ersten und zweiten Tag sahen wir uns auf den Fluren und im Speisesaal.

Am dritten Tag hatte es Kontakte zwischen den Jugendlichen gegeben. Das kam durch die Smartphones. Sie hockten draußen auf den Fluren, belegten mit Ihren Handys jede freie Steckdose und spielten mit ihren Smartphones. Erwachsene meinen ja manchmal, die Jugendlichen wären da in ihrer eigenen Welt, wenn sie „daddeln“. Hier war es offenbar nicht so: Auf einmal kam die Bitte aus unserer Gruppe, wir könnten einen gemeinsamen Abend mit den Flüchtlingen verbringen. Nicht mit allen, aber doch mit einigen.

Es kam dann auch so. Wir saßen in der Sitzecke unseres Flures. Auf dem Boden lag ein Tuch ausgebreitet. Außerdem stand da eine Schale mit Sand, in der drei Kerze steckten. Drum herum saßen die Konfirmandengruppe und vier afghanische Jugendliche. Wir stellten uns vor und spielten Memory. Die Jugendlichen hatten die Aufgabe gehabt, Andenken vom Tag in Berlin in doppelter Ausfertigung nach Hause zu bringen und auf leere Memory-Karten zu kleben. Jetzt lagen gut 60 Karten verdeckt auf dem Boden. So kam ein Stück der Reichstagskuppel zum Vorschein, Flyer für das Hardrock-Café, blaue Splitter der Gedächtniskirche oder zwei „I-love-Berlin-Herzchen“ Das Spielprinzip hatten unsere Gäste schnell durchschaut, dann versuchten sie zu verstehen, was sie sahen. Es war sehr lustig – und sehr bereichernd.

Zum Schluss haben wir, Christen und Muslime, „Der Mond ist aufgegangen“ gesungen. und schlossen mit dem Abendsegen. Das war jetzt nichts Großes, sondern einfach nur das: Gemeinsam erzählt, gespielt gelacht, gesungen und gebetet. Was man eben so tun kann am Abend einer Freizeit.

Diese schöne Erfahrung hebt andere Befürchtungen nicht auf. Man kann aber auch nicht sagen: Das war nur Zufall. Hätten wir uns entschieden, nicht zu fahren, hätten wir das nicht erlebt. Wir haben uns getraut und es war gut.

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