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Mit dem Rücken zur Wand
Bild: Free Photos/Pixabay

Mit dem Rücken zur Wand

Michael Becker
Ein Beitrag von

Michael Becker,

Evangelischer Pfarrer i. R., Kassel
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Doch, sagt er mir, das mache ich manchmal. Er sieht wohl meine Zweifel. Darum lacht er etwas verlegen und sagt nochmal: Doch, manchmal frage ich einfach so ins Blaue hinein. Neulich zum Beispiel, im Wartezimmer. Ich bin genervt, erzählt er. Das dritte Mal in der Woche muss ich zum Arzt. Ohne Termin. Das Wartezimmer ist übervoll. Nicht ein freier Stuhl ist da. Ich lehne mich an die Wand. Das kann jetzt aber dauern, sagt die Helferin. Ich mit dem Rücken zur Wand und entzündeten Augen. Kann kaum richtig gucken. Dann passierte es. Eigentlich könnte ich heulen. Will ich natürlich nicht im Wartezimmer. Also atme ich lieber tief durch, erzählt er mir, und frage mich: Was soll das alles, Gott? Was willst du von mir diese Woche?

Was hat denn Gott damit zu tun?, frage ich etwas verblüfft. Alles, sagt er. Oder nichts. Ich muss doch immer wählen. Wenn ich heulen könnte mit dem Rücken zur Wand, hat Gott entweder damit zu tun - oder eben nicht. Ist doch so, oder?, sagt er zu mir. Entweder gibt es Gott, dann handelt er auch und schläft nicht. Oder es gibt Gott nicht, dann ist alles Zufall. Das überlege ich da im Wartezimmer mit dem Rücken zur Wand. Dann wird endlich ein Stuhl frei. Aber an der Reihe bin ich noch lange nicht. Ich sitze, schaue zu, höre auf Stimmen und sehe Pflaster und Augenklappen. Menschen mit Sorgen im Gesicht. Er macht eine Pause.

Und sagt dann, etwas zögerlich: Auf einmal gebe ich mir eine Antwort. Im Wartezimmer auf meinem Stühlchen. Und sage mir: Vielleicht soll ich das alles sehen. Ich, aus dem gesunden Teil der Welt. Gut, in dem Moment vielleicht nicht, aber bisher ja immer. Meine Welt ist meist rosig. Im Wartezimmer aber ist Leid. Und Angst. Grauer Star, weniger Sehkraft, auch Schmerzen und Seufzen. Vielleicht, sagt er, soll ich das ja sehen. Diesen traurigen Teil der Welt. Wo sie häufig mit dem Rücken zur Wand stehen, nicht nur eine halbe Stunde wie ich heute. Das wäre doch möglich, sagt er zu mir, dass Gott mir auch traurige Zeichen gibt. Und mir zeigt: Da ist noch mehr als nur rosige Zeiten und leuchtendes Glück. Manchmal zeigt Gott mir auch sowas, vielleicht. Wenn es mal sein muss. Damit ich demütig werde. Und dankbar.

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