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Menschenwürde
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Menschenwürde

Dr. Ulf Häbel
Ein Beitrag von

Dr. Ulf Häbel,

Evangelischer Pfarrer, Laubach-Freienseen
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Die Würde des Menschen ist unantastbar.

So steht es in den Allgemeinen Menschenrechten, die heute vor siebzig Jahren in Amsterdam erklärt worden sind. Nachdem der elende Zweite Weltkrieg zu Ende war, in dem über fünfzig Millionen Menschen das Leben verloren hatten, andere ihre Heimat verlassen mussten, da wurden die Allgemeinen Menschenrechte erklärt. Sie stehen auch in unserer Verfassung, dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland. Sie gelten für alle Menschen.

Jeder ist unendlich viel wert, in seiner Würde unantastbar; und deshalb muss der Staat sie schützen – immer und überall und umfassend.

Man kann die Würde des Menschen nicht aufteilen. Der eine ist ein wenig würdiger, weil er ein angesehener Bürger ist und der andere weniger würdig, weil er Flüchtling ist. Wenn man anfängt, die Würde des Menschen zu teilen, sie dem einen zugesteht und dem anderen nicht, fängt das Elend an. Das hatte ja gerade der verheerende Krieg gezeigt, der aus dieser Ideologie entstanden ist: Da gibt es eine Rasse, die würdiger, wertvoller ist – eine Art Herrenrasse und die anderen, z.B. die Juden, wurden der Vernichtung preisgegeben.

So etwas darf nicht sein und soll auch nie wieder geschehen. Dazu wurden vor siebzig Jahren die Menschenrechte erklärt. In diesem Geist ist die Verfassung, sozusagen die Bibel unseres Staates geschrieben. Und deshalb gilt zuerst der Mensch als Mensch und nicht wozu man ihn gebrauchen oder nutzen kann.

Ich weiß, dass wir im alltäglichen Leben oft taxiert werden: lohnt es sich für eine Firma noch, einen 55jährigen Arbeitnehmer einzustellen? Wie viel Gewinn wirft der ab? Arbeitsleistung muss irgendwie bemessen und bewertet werden. Doch wenn ein Mensch nur beurteilt wird, geht seine Würde verloren.

In einem satirischen Zeitungsartikel wurde auf die Frage nach dem Wert eines Menschen geantwortet: Chemisch betrachtet sei er ungefähr zwanzig Euro wert. Wenn man uns auf chemische Spurenelemente untersuchen würde, dann käme nicht viel dabei heraus: ein bisschen Kalk in Knochen und Zähnen, ein paar Eiweißmoleküle und Fett. So witzig der Artikel auch geschrieben war, mich hat er merkwürdig berührt. Das Bild vom Menschen als einem verwertbaren Wesen – und sei es auch nur satirisch gemeint – widerstrebt mir.

In den Menschenrechten ist von der Würde des Menschen die Rede und nicht von seiner äußeren Verwertbarkeit.

Würde meint den inneren Wert des Menschen; der ist unantastbar und soll nicht verletzt werden.

An einer Stelle der Bibel wird auf diese Frage, was der Mensch in seinem innersten Wesen sei geantwortet: Der Mensch ist wenig geringer gemacht als Gott und seine Engel.

Martin Luther hat dieses Bild vom Menschen so kommuniziert: „Auch unter deiner Haut steckt ein Engel; lass ihn doch raus; die anderen warten darauf.“

„Du bist ein Engel“, sagen wir zu jemanden, der uns liebevoll begleitet oder hilft, der uns vielleicht ganz unerwartet tröstet und annimmt.

Wo einer dem anderen zum Engel wird, da wird etwas von der Würde des Menschen spürbar. Und die ist unantastbar.

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