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Im Spagat beten

Im Spagat beten

Michael Tönges-Braungart
Ein Beitrag von

Michael Tönges-Braungart,

Dekan, Evangelisches Dekanat Hochtaunus

Der Spagat war Mose schon in die Wiege gelegt. Irgendwie stand er immer dazwischen: Er, der das Volk Israel aus der Sklaverei in Ägypten geführt hat. So ganz klar war nie, wo er eigentlich hingehörte. Schon bei seiner Geburt. Sohn einer hebräischen Mutter – aufgewachsen und erzogen am Hof des Pharao. Hebräer oder Ägypter – wo gehört Mose hin?

Als – adoptierter – Enkel des Pharao sieht er mit an, wie die Ägypter das Volk seiner leiblichen Eltern unterdrücken. Wo gehört er hin – wem fühlt er sich verpflichtet? Spontan entscheidet er sich für seine Herkunft von den Hebräern. Und bei nächster Gelegenheit erschlägt er einen ägyptischen Aufseher, der einen Hebräer misshandelt. Das allerdings bringt ihm keinen Dank ein, weder von der einen, noch von der anderen Seite. Für die Ägypter ist er ein Verbrecher – und wie er zu seiner Überraschung feststellen muss, für die Hebräer auch. Sie sehen in ihm keineswegs den Freiheitskämpfer, sondern erteilen ihm eine deutliche Abfuhr. Mose muss die Flucht ergreifen – vor den Ägyptern und den eigenen Landsleuten.

Er lebt als Fremder im Land Midian, eine gebirgige Region auf der arabischen Halbinsel. Dort findet er eine neue Heimat bei den Nomaden, die dort leben. Er gründet eine Familie. Aber beim Schafehüten am Sinai begegnet ihm Gott im brennenden Dornbusch. Wieder steht Mose vor der Frage, wo er hingehören will. Gott hat den Auftrag für ihn, die Israeliten aus Ägypten zu führen. Mose muss sich entscheiden. Und er entscheidet sich: für Gott und für sein Volk.

Damit wird es für ihn nicht einfacher. Denn immer wieder stellt sich für ihn die Frage, wo er hingehört: auf die Seite Gottes – oder auf die Seite seines Volkes? So ganz und 100%ig vertrauen die Israeliten ihm nie. Immer wieder muss er sich vor ihnen rechtfertigen. Immer wieder muss Mose vor dem Volk für Gott eintreten. Und umgekehrt: Immer wieder muss er für das Volk vor Gott eintreten, wenn es mal wieder unzufrieden ist oder auf Abwege geraten ist. Aus dieser Spannung kommt er nie heraus. Die Lebenserfahrungen und Glaubenserfahrungen, die sich in der Figur des Mose verdichten, werden weitererzählt bis heute. Besonders für etwas, was die Mehrzahl der Menschen täglich tut, kann man Erstaunliches entdecken – fürs Beten.

Musik: Lars Trier + Christian Sievert, The Bird in the Oak

Die Spannungen, vor denen Mose steht, verdichten sich besonders in der biblischen Geschichte, die vom „Goldenen Kalb“ erzählt. Zuerst die Vorgeschichte: Mose hat das Volk Israel aus Ägypten herausgeführt – im Auftrag Gottes. Die Menschen sind auf dem Weg ins von Gott versprochene Land. Und der Weg führt durch die Wüste. 40 lange Jahre lang.

Auf ihrer langen Wanderung kommen sie wieder an dem Berg vorbei, wo Gott dem Mose damals erschienen ist im brennenden Dornbusch. Diesmal steigt Mose auf den Berg, allein. Er empfängt von Gott die Tafeln mit den Geboten. Das Volk wartet währenddessen unten am Fuß des Berges. Und die Zeit wird den Menschen lang. Ob Mose wieder kommt? Und außerdem – was hat es schon auf sich mit Gott? Kann man sich auf ihn verlassen? Ist er überhaupt da?

Aaron ist Moses Bruder und sein Stellvertreter. Aaron fürchtet, dass die Situation eskaliert. Und vielleicht sind die Sorgen und Ängste des Volkes ja auch seine eigenen. Wie dem auch sei – Aaron hält diesen Spagat zwischen dem Volk und Gott nicht mehr aus. Er will nicht länger dazwischen stehen – zwischen Volk und Gott. Und er entscheidet sich, auf die Seite des Volkes zu treten und ihm seinen Wunsch zu erfüllen: Ein goldenes Stierbild herzustellen, das Gott symbolisieren soll.

Das erfährt Mose, als er auf dem Berg Sinai mit Gott redet. Und Mose kann zwei und zwei zusammenzählen. Er weiß, was ihm jetzt bevorsteht. Zwischen Mose und Gott geht es hin und her. Unten im Tal das Volk, das um den goldenen Stier tanzt, um den Gott zum Anfassen. Um den Gott, der Wohlstand und Stärke symbolisiert. Und oben auf dem Berg Mose, vor dem unsichtbaren Gott. Vor dem Gott, dem selbst Mose nicht ins Angesicht schauen kann. Und wieder einmal steht er dazwischen: Zwischen seinem Volk und Gott. Diese ganz tiefen, spannungsgeladenen religiösen Erfahrungen verdichten die biblischen Erzähler in einem Gespräch zwischen Gott und Mose.

Gott redet zu Mose. Und sagt: „Dein Volk hat schändlich gehandelt.“ Dein Volk – nicht meines. Dein Volk, Mose. Und damit stellt sich Gott gegen das Volk, das Gott doch sein eigenes nennt. Damit stellt er Mose auf eine harte Probe. In seinem Zorn will Gott das Volk vernichten – und mit Mose einen neuen Anfang machen. „Vergiss das Volk“, sagt Gott zu Mose, „so wie ich es vergessen will. Und mit dir fange ich neu an. Du gehörst doch eigentlich nicht zu den Leuten. Du bist doch anders, Mose. Und so ganz haben sie dich doch nie akzeptiert. Jetzt hast du deine Chance! Greif zu und vergiss die anderen!“ Was für ein Angebot! Was für eine Versuchung! Mit einem Schlag könnte Mose seine Probleme und Sorgen los sein. Und endlich wäre der Spagat zu Ende, den er ständig neu aushalten muss, der Spagat zwischen dem Volk auf der einen und Gott auf der anderen Seite.

Aber Mose widersteht der Versuchung. Er hält den Spagat durch. Zuerst spielt er einmal den Ball an Gott zurück: „Warum will dein Zorn entbrennen über dein Volk?“ sagt er. „ Es ist nicht mein Volk, von dem du da redest, Gott. Es ist und bleibt dein Volk, das du dir auserwählt hast.“ So redet Mose mit Gott! Fast könnte man sich an Gespräche zwischen Eltern erinnern, die nach diesem Muster laufen. Hat das Kind etwas angestellt, dann beschwert sich der Vater bei der Mutter oder umgekehrt: „Dein Sohn…. Deine Tochter hat wieder mal….“ Und das Gegenüber antwortet: „Was heißt da dein Sohn, deine Tochter…?“

Mose geht noch einen Schritt weiter, wenn er sagt: „Was sollen die Ägypter von dir denken, Gott? Hast du das mal überlegt? Sollen sie sagen: Schaut euch diesen Gott an: Holt sein Volk aus Ägypten, gibt sich alle Mühe, bis es endlich so weit ist – und dann lässt er es in der Wüste krepieren! Sollen die Ägypter so über dich reden, Gott? Willst du dich vor ihnen lächerlich machen?“ Mose packt Gott bei seiner Ehre.

Und dann legt Mose noch eins drauf: „Wie sieht’s denn aus mit deinen Zusagen, Gott? Stehst du nicht zu dem, was du einmal versprochen hast? Kann man sich auf dich nicht verlassen? Erinnere dich daran, was du schon Abraham verheißen hast! Und steh dazu!“ Wirklich ein Künstler im Spagat, der Mose. Er stellt sich auf die Seite seines Volkes, das ihm eigentlich mehr Ärger als sonst was bereitet, das ihm immer misstrauisch begegnet. Das auch in den Augen des Mose wirklich halsstarrig ist. Er widersteht der Versuchung, mit Gott gemeinsame Sache gegen das Volk zu machen.

Aber Mose stellt sich zugleich auf Gottes Seite. Das Fehlverhalten des Volkes redet er nicht klein und beschönigt nichts. Er weiß: Gott ist völlig zu Recht zornig. Aber er weiß auch: Gott ist größer als sein Zorn. Und so führt Mose Gott selber gegen Gott ins Feld. Gottes Zusagen gegen seinen Zorn; Gottes Mühe für sein Volk gegen Gottes Enttäuschung; Gottes Barmherzigkeit gegen Gottes Gerechtigkeit. Er hält dem zornigen Gott den Spiegel vor und fragt: „Willst du wirklich so sein, Gott? Soll dein Zorn das letzte Wort behalten?“

Mose weiß, wo er hingehört: Nämlich zu Gott und zu seinem Volk. Um Gottes Willen gehört er zu diesen Menschen, die so sind, wie sie nun einmal sind. Wieder einmal steht Mose dazwischen. Diesmal aber ganz bewusst. Ganz bewusst wagt er den Spagat – um Gottes und der Menschen willen. Und die Bibel berichtet ganz kurz und knapp: „Da gereute Gott das Unheil, das er seinem Volk zugedacht hatte.“ Mose hat’s geschafft. Ungeschoren kommt das Volk allerdings nicht davon. Davon erzählen weitere Geschichten, die im zweiten Buch Mose aufgeschrieben sind. Auch davon, wie Mose dann vor dem Volk wiederum für Gott eintritt. Die Geschichte Gottes mit seinem Volk kommt hier eben nicht an das Ende. Und Mose übt sich weiter im Spagat.

Musik: Reinhard Börner, Vertraut den neuen Wegen

Mose tritt vor seinem Volk für Gott ein – und vor Gott für sein Volk. Der Ort, in dem das geschieht, ist das Beten. Mose betet im Spagat. Dabei geht es natürlich nicht um eine äußere Haltung beim Beten. Aber sehr wohl um eine innere. Eine innere Haltung dann, wenn es ein Gebet für andere ist – eine Fürbitte. Wer für andere Menschen betet, der tritt zwischen sie und Gott. Der macht sich zu ihrem Anwalt. Der überlegt, was für sie wichtig ist und was ihnen gut tut und ihnen hilft. Und spricht das vor Gott aus. Der legt die Menschen, für die er betet, Gott ans Herz.

Ein solches Gebet für andere hat seinen festen Platz in jedem Gottesdienst: in der so genannten Fürbitte. Das geschieht aber nicht nur im Gottesdienst. Auch ganz für sich beten Menschen für andere. Für die, die ihnen nahestehen. Eltern für ihre Kinder oder Kinder für ihre Eltern. Oder sie beten für andere, die sie vielleicht gar nicht kennen. Aber ihre Schicksale gehen ihnen nahe Für die, die unter Naturkatastrophen leiden, wie beim Erdbeben in Nepal. So haben viele für die Opfer des German-Wings-Fluges und für deren Angehörige gebetet; oder sie beten für die Flüchtlinge, die auf dem Mittelmeer ihr Leben riskieren. Und für die Politiker, die gefordert sind, dem sinnlosen Sterben ein Ende zu bereiten.

Für andere beten – damit wollen Menschen andere begleiten und stärken, die das nötig haben. Zum Beispiel für große Aufgaben, vor denen sie stehen. Mich ermutigt das, wenn Menschen mir sagen: Ich bete für Sie! Schließlich beten Menschen auch für andere, weil ihnen nichts anderes bleibt, weil sie eben gerade nichts tun können – außer eben beten.

Wer für andere betet, der tritt zwischen Gott und diese Menschen; der tritt vor Gott für sie ein. Vielleicht auch und gerade für Menschen, die ihm oder ihr Sorgen und Mühe machen – so wie damals die Israeliten dem Mose. Auch für Menschen, die mit Gott wenig anfangen können oder gar nichts zu tun haben wollen. Wer für andere vor Gott eintritt, der widersteht der Versuchung, sich mit Gott scheinbar verbünden zu wollen und mit Gott gemeinsame Sache gegen sie zu machen. Der widersteht der Versuchung zu denken: „Vergiss die anderen – wir sind und bleiben auf der richtigen, auf deiner Seite, Gott; und auf uns kannst du zählen; mit uns kannst du etwas anfangen; überlass doch die anderen sich selber.“

Wer für andere betet, gewinnt ihnen gegenüber eine andere Einstellung. Denn er erinnert nicht nur Gott daran, dass sie alle seine Menschen sind, seine Geschöpfe, die ihm wichtig und wertvoll sind. Wer für andere betet, erinnert sich auch selber daran. Dem können die anderen nicht gleichgültig sein. Auch wenn sie ihn ärgern oder aufregen, ihm das Leben schwer machen oder wenn sie ganz andere Auffassungen vertreten; auch wenn sie in seinen Augen das Falsche tun oder sich schuldig machen. Wer für andere betet, der kann nicht verächtlich oder sogar hasserfüllt an sie denken.

Wer für andere Menschen betet, der tritt vor Gott für sie ein: „Gott, überlass sie nicht sich selber! Wende dich nicht von ihnen ab! Denke an sie! Geh ihnen nach! Lass sie nicht im Stich! Vergiss nicht: Sie gehören zu dir!“

Musik: Francois-Adrien Boieldieu; Harfenkonzert in drei Tempi, Rondeau, Allegro agitato

Wer für andere Menschen betet, gewinnt ihnen gegenüber eine neue Einstellung. Er legt sie nicht nur Gott ans Herz – sie liegen auch ihm selber am Herzen. Und wer betet, fragt sich natürlich auch: „Was kann ich selber für sie tun?“ Wenn Eltern für ihre Kinder beten, dann überlegen sie dabei zugleich: „Was können wir für sie tun? Wie können wir sie stark machen? Wie können wir ihnen Mut und Selbstvertrauen geben? Und wie können wir es vermeiden, dass wir sie zu sehr behüten? Wie können wir ihnen Freiheit geben – und darauf vertrauen, dass Gott sich um sie sorgen wird?“ Wenn Christen für Politiker beten, dann überlegen sie auch: „Wo ist denn unsere Verantwortung als Bürger? Wie stehen wir denn z.B. zu den Flüchtlingen, die in unser Land kommen? Was können wir für sie tun – in unserem Dorf, in unserer Stadt?“

Es gibt aber auch Situationen, in denen wir ganz einfach ohnmächtig sind. In denen uns die Not anderer zu Herzen geht. Die aber so weit weg von uns leben, dass wenig von dem, was wir tun, sie erreicht. Es gibt Situationen, in denen wir nichts wirklich tun können für andere, weil es einfach nicht in unserer Macht steht. Zum Beispiel dann, wenn ein guter Freund in den Operationssaal gefahren wird. Oder wenn die Enkelin oder der Sohn zu Travel and Work weit weg geht, nach Südamerika vielleicht oder Australien. Es gibt Situationen, in denen wir für andere nichts tun können – außer für sie beten.

Musik: Gabriel Fauré, Impromptu Des-Dur, op. 86

Wer betet, wird sich vielleicht gar nicht so fühlen wie Mose damals auf dem Berg, als er mit Gott geredet und argumentiert hat. Oft ergeht es einem vielleicht viel eher wie dem Volk am Fuße des Berges, das nicht so recht weiß, was es von Gott zu halten hat. Ob Gott überhaupt da ist. Wo man ihm begegnen kann. Oft braucht man viel eher jemand, der für einen vor Gott eintritt. Also jemand, der für einen selbst betet.

Auch Mose ist das so ergangen. Und trotzdem hat er sich an entscheidenden Stellen immer wieder zwischen Gott und die Menschen gestellt und bei Gott für sie gebetet: „Erinnere dich daran, Gott, dass du versprochen hast, für sie da zu sein! Lass sie nicht allein! Steh ihnen bei!“ Es ist gut, wenn Christen nicht nur für sich selber, sondern auch für andere Menschen beten. Weil das den Blick für andere schärft und die Einstellung zu ihnen verändert – positiv verändert.

Und es ist gut, wenn Christen das auch gemeinsam tun. Gegen Ende jedes Gottesdienstes, bevor sie die Kirche und ihren geschützten Raum wieder verlassen und hinausgehen in ihren Alltag, halten sie Fürbitte für andere; erinnern sie sich und Gott an die Menschen, die Gott besonders nötig haben. Sie erinnern Gott an seine Liebe, seine Treue, an seine Gnade und Barmherzigkeit. Das hat Gott doch zugesagt! Sie erinnern sich selber daran, dass sie das weitergeben wollen, was sie von Gott empfangen haben. Es ist gut, wenn Christen für andere Menschen beten. Mir tut es auch gut zu wissen: Es gibt Menschen, die auch für mich beten.

Musik: Sigi Schwab, Toscana

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