hr4 Gottesdienst an Karfreitag aus der ev. Christuskirche in Frankfurt-Nied
Kohlhepp/Ev. Medienhaus d. EKHN

hr4 Gottesdienst an Karfreitag aus der ev. Christuskirche in Frankfurt-Nied

Charlotte von Winterfeld
Ein Beitrag von

Charlotte von Winterfeld,

Evangelische Pfarrerin, Frankfurt

10.04 -11.00 Uhr

Seelsorger und Seelsorgerinnen am Telefon nach dem Gottesdienst

Karfreitag 10. April 2020, 11-13 Uhr sind Pfarrerin von Winterfeld und weitere Seelsorgerinnen und Seelsorger unter folgender Telefonnummer zu erreichen:
069 / 92 10 73 33

Nachzuhören

Im Lauf des Karfreitags unter auf der Webseite von hr4.

Predigt von Pfarrerin Charlotte von Winterfeld:
Im Leid an meiner Seite

Liebe Hörerinnen und Hörer, das Kreuz Jesu und Gottes Liebe zu den Menschen. Das Leiden, der Tod und Gott, der eigentlich das Leben schenkt und das Leben will. Wie passt das zusammen? Jesus schreit am Kreuz, mitten im Sterben: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Jesus stellt stellvertretend die Frage aller Menschen, die Leid erfahren. Leid, das einfach zu groß ist. Wenn der Boden unter den Füßen wankt, dann stellen wir diese drängende Frage: Warum, Gott, passiert das? Warum, Gott?

Nach Gott fragen in Zeiten von Corona

Gerade an diesen Tagen brennt diese Frage in uns. Wo nichts mehr ist, wie es war. Wo wir den Wunsch haben, aufzuwachen aus einem schlechten Traum. Aber es ist kein Traum. Menschen leiden. Sterben. Werden einsam. Haben Angst um ihre Angehörigen. Machen sich Sorgen um ihr eigenes Leben. Warum? Aber es nicht nur diese Epidemie, die die ganze Welt in Angst und Schrecken versetzt.

Marie ist mit 38 Jahren an Krebs erkrankt

Die persönlichen Katastrophen, die geschehen sind und immer wieder geschehen, werden in diesen Tagen leicht übersehen. Ich denke an Marie. Marie ist letztes Jahr mit 38 Jahren an Krebs gestorben. Sie war die beste Freundin meiner Schwester. Vor zwei Jahren hatte Marie die Diagnose bekommen: eine ganz seltene Art von Krebs. Die Metastasen hatten sich schon verbreitet: die Hüfte und die linke Schulter, Lunge, Leber und Nieren. Marie hatte sich schon gewundert, warum sie immer solche Hüftschmerzen hatte. Die Ärzte meinten, das würde wahrscheinlich daran liegen, dass sie gerade schwanger war und ein Kind bekommen hatte. Marie war gerade so richtig glücklich. Sie hatte David geheiratet, und ihr Sohn Lukas war gerade geboren. Mitten in dieses Glück hinein kommt die schreckliche Diagnose. Marie fragt sich: Will Gott mein Glück zerstören? Will Gott einem kleinen Baby seine Mutter nehmen? Auch mich packen solche Fragen und solche Zweifel. Zum Beispiel, als meine Schwester mir unter Tränen von Marie erzählt hat und wir zusammen für sie gebetet haben. Wir haben diese Zweifel mit hinein ins Gebet genommen. Wir haben gebetet, obwohl wir nicht wirklich sicher waren, ob es Sinn machte.

Zwei Versuche scheitern, das Leiden und Gott zu verstehen

Wir fragten: „Sind wir dir egal, Gott?“ Diese Fragen lassen wahrscheinlich niemanden los, der oder die von Lebenskatastrophen, von Leid und Tod betroffen ist: Was bist du für ein Gott? Wir suchen Antworten. Aber die meisten Versuche misslingen. Auch die beiden, die ich jetzt beschreibe. Der erste Versuch, das Leiden zu verstehen, geht so: Gott will gar nicht helfen. Es ist Gott egal, was hier passiert. Das wäre dann ein Gott, der das Leiden der Menschen kalt lässt. Ein grausamer Gott. Als Mensch kann ich vieles selbst beeinflussen, aber nicht alles, vor allem nicht Krankheit und Tod. Ich kann nicht glauben, dass Gott einfach zusieht, wie wir unter Krankheit und Tod leiden. Wenn Gott uns helfen könnte, würde er das tun.  Der zweite Versuch, das Leiden mit Gott zusammenzubringen, misslingt auch. Die Annahme ist dieses Mal: Gott hilft nicht im Leid, denn er kann gar nicht helfen. In den großen Weltkatastrophen haben auch Christinnen und Christen oft keine andere Möglichkeit gesehen, so von Gott zu denken: Gott hat seine Macht verloren. Gott hat zwar die Welt geschaffen, sich dann aber zurückgezogen. Was jetzt passiert, ist Sache der Menschen, nicht Gottes Sache. So schaut Gott fassungslos dem Leiden zu.

Wenn Gott gleichgültig oder hilflos ist, brauche ich ihn nicht

Aber wenn Gott so hilflos ist, dann brauche ich ihn nicht. Dann kann ich mich auf nichts Anderes verlassen als auf meine eigene Stärke. Diese beiden Versuche misslingen, Gott und das Leiden zusammenzubringen: Gott will nicht helfen – dann wäre er grausam und nicht gütig. Und: Gott kann nicht helfen – dann wäre ich im Grunde allein. Wo ist Gott, wenn Menschen leiden? Dafür gibt es eine bessere Spur. Es ist die Spur des Karfreitag: Es ist die Ahnung, die ich habe, wenn ich auf das Kreuz schaue. Nach der Musik spreche ich davon.

Variation I „Jesu, meine Freude“: Satz: Lukas Ruckelshausen

Der Störenfried Jesus wird in Jerusalem zu Tode gebracht

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Schreit Jesus am Kreuz. Und in diesem Schrei sind Enttäuschung, Ohnmacht und Schmerz zusammengefasst: „Wo bist du, Gott? Gerade jetzt brauche ich dich, und du bist nicht da. Ich habe an dich geglaubt. Und jetzt lässt du mich allein.“ Jesus ist gescheitert, in seinen eigenen Augen und in den Augen der Welt. Die Eliten der römischen Politik und die Eliten der Geistlichkeit hatten sich zusammengetan, um den „Störenfried“ Jesus aus dem Weg zu räumen. Und die eigenen Freunde sind zu ängstlich und zu hilflos, um dagegen anzugehen. So wird Jesus gefangen genommen und verhört. Er wird gefoltert, verspottet und zur Schau gestellt. Am Ende wird er umgebracht. Und das soll der mächtige Botschafter Gottes sein, so allein und ohne Rückhalt? Was für eine Enttäuschung! Ich glaube: Jesus fühlt sich am Kreuz tatsächlich ohnmächtig. Von Gott und den Menschen allein gelassen. Deshalb schreit er: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Ein Soldat steht unter dem Kreuz und erkennt mehr als andere

Und dann steht da unter dem Kreuz ein Mann, der sieht, was hier geschieht. Es ist kein Freund, kein Jünger von Jesus, sondern ein Hauptmann, ein römischer Offizier. Wahrscheinlich war er dafür verantwortlich, dass diese Hinrichtung ordentlich abläuft. Er hat Jesus bis dahin weder gesehen noch gekannt. Und er staunt und schaut und sieht mehr als Jesus, der leidet und stirbt. Der Offizier sieht und spürt mitten in dem Leid von Jesus: Hier ist Gott anwesend. Hier ist Gott beteiligt. Nicht auf Seiten der Täter, sondern auf der Seite des Opfers. Der Offizier sagt laut oder leise: Wahrhaftig, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen. Er, der von diesem Gott nichts weiß und Jesus nicht kennt, versteht plötzlich ganz viel von Gott. Der Hauptmann sieht Gott mit seinem Sohn leiden. Er sieht einen Gott, dem wir mit unseren Leidensgeschichten nicht egal sind.

Gott hilft anders, als wir uns manchmal wünschen

Gott beugt sich tief zu uns hinab. Gott will uns helfen. Und Gott kann uns helfen. Vielleicht nicht so, wie wir uns das manchmal wünschen. Nicht mit Donner und Paukenschlag. Und doch hat Gott eine große Macht. Gott schaut nicht zu, wenn jemand leidet und stirbt. Gott ist dabei, mitten drin. Auf der Seite derer, die leiden und sterben. Ja, Gott leidet mit uns und ist auch im Sterben an unserer Seite. Das kann uns helfen, trotz Leid und Trauer und Tod zu leben. Trotzdem zu leben. Wie das für Marie war, die so schwer krank war, und für die Menschen in ihrer Nähe, davon spreche ich gleich nach der Musik.

Variation II „Jesu, meine Freude“ Choral: Stefan Mey

Gott ist an Maries Seite in ihren schweren Momenten

Gott ist an unserer Seite. Gerade in den schwersten Momenten unseres Lebens. Das ist Gottes Macht. Ich habe von Marie erzählt. Sie hat nicht nur den Schock der Krebsdiagnose erlebt, hat nicht nur erlebt, wie alle Träume geplatzt sind. Sie hat auch eine andere Erfahrung gemacht. Nach der Krebsdiagnose kämpft sie um ihre Gesundheit. Marie will leben, auch für ihren kleinen Sohn Lukas. Vielleicht kann die Krankheit eingedämmt werden, und ihr bleiben noch ein paar Jahre. Tapfer lässt sie die Chemotherapien über sich ergehen. Manchmal ist sie so schwach, dass sie Lukas nicht einmal auf ihrem Schoß halten kann. Trotzdem gibt es viele Augenblicke, die Marie stark machen. Ihr Ehemann David ist für sie da, und auch ihre Eltern und ihre fünf Brüder. Und natürlich die Mädels-Runde mit meiner Schwester. Da wird einmal die Woche zusammen gekocht und Prosecco getrunken. Die Freundinnen bleiben ein wichtiger Halt. Und sie werden es mehr, als sie es je waren. Wenn Marie zu schwach ist, um wegzugehen, treffen sich alle bei ihr und kochen gemeinsam oder bestellen Pizza. Wenn Marie im Krankenhaus ist, kommen sie eben dorthin. Marie ist der heimliche Mittelpunkt der Runde. Und ihre todbringende Krankheit gibt ihrer Freundschaft eine Tiefe, die nie vorher da war.

Tiefe Freundschaft gerade bei schwerer Krankheit

Meine Schwester erzählt: „Marie hat offen darüber geredet, wie es ihr geht und dass sie nicht mehr gesund wird. Marie hat uns an der Hand genommen und gezeigt, was sie gerade braucht. Wir haben gemerkt, wie wichtig wir für sie sind. Und das hat meinem Leben Bedeutung gegeben. Ich glaube ja fast: Gott hat uns an die Seite von Marie gestellt.“ Marie und ihre Freundinnen haben trotz der Traurigkeit und Dramatik der Situation nicht das Gefühl, von Gott verlassen zu sein. Im Gegenteil: Gott ist ihnen besonders nah. Gott gibt ihnen die Kraft, Marie zu begleiten. Gott gibt Marie die Kraft, ihren Weg zu ertragen und auszuhalten. Ich spüre das auch manchmal, die Kraft Gottes mitten im Leid. Als ob Gott dann sagt: „Dein Leben geht nicht am Leiden vorbei, sondern durch das Leiden hindurch, mit mir, dem Gekreuzigten, an Deiner Seite.“

Liebe und Freundschaft reichen weiter als der Tod

Marie ist im letzten Jahr gestorben, drei Jahre nach ihrer Hochzeit, zwei Jahre nach der Geburt ihres Sohnes. Noch immer treffen sich die Mädels einmal in der Woche. Manchmal sind sie auch bei David zu Gast, der jetzt Witwer ist. Dann erleben sie auch den kleinen Lukas. Und das Au-Pair-Mädchen, das bei der Betreuung hilft. Es ist nicht einfach, ein Kind groß zu ziehen ohne Mutter. Einer von Maries Brüdern wohnt um die Ecke. Dort ist Lukas‘ zweites Zuhause. Nein, es ist nicht alles gut. Wenn der Tod kommt, hinterlässt er Wunden, die nicht verheilen. Wenn Leid Menschen zu Boden zwingt, wenn Leid plötzlich ganz nah ist, in der eigenen Familie oder bei Freunden, dann kann ich das nicht schönreden. Aber in all diesen verzweifelten Kreuzes-Situationen hat die Dunkelheit nicht das letzte Wort. Ich hoffe: Das Leid gewinnt nicht. Das Leben ist stärker.

Hoffnung auf das Leben nach der Corona-Krise

Wann werden wir das erleben nach der gegenwärtigen weltweiten Krise? Jetzt sind wir uns nahe, indem wir Abstand zueinander halten. Ich habe den Traum, dass die Zeit kommt, in der wir uns wieder umarmen werden. Die Zeit, in der wir die Nähe genießen. Die Zeit, in der wir neu unterscheiden, was im Leben wichtig und was unwichtig ist. Und wo wir wieder ganz neu für wertvoll und wunderbar halten, was vor dieser Krise selbstverständlich schien. Wann werden wir das erleben? Und was wird bis dahin sein? Nein, es ist nicht alles gut. Gott bleibt mir in diesem Leben immer auch ein Rätsel. Wie es der Apostel Paulus gesagt hat: „Jetzt erkenne ich Gott stückweise, aber irgendwann sehe ich ihn von Angesicht zu Angesicht“. Als Christin hoffe ich: Es wird die Zeit kommen, wo sich die Rätsel meines Lebens lösen. Bis dahin vertraue ich darauf: Gott ist an meiner Seite. Er stellt mir Menschen an die Seite. Er findet mit mir einen Weg, wo mein Fuß gehen kann. Ich hoffe: Am Ende ist die Macht Gottes größer als alle unsere Schmerzen und Niederlagen. Amen.

Weitere Themen

Das könnte Sie auch interessieren