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Die drei Siebe des Sokrates
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Die drei Siebe des Sokrates

Andrea Weitzel
Ein Beitrag von

Andrea Weitzel,

Katholische Schulseelsorgerin und Religionslehrerin, Hanau
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Montagmorgen. Der Alltag wird mich bald wiederhaben. Aber noch halte ich meine Augen fest geschlossen und lauere auf den ersten Gedanken des Tages… Sokrates! Einer Erzählung dieses großen antiken Philosophen lauschte ich vor kurzem im Gottesdienst. Sokrates wirkte im Griechenland des 5. Jahrhunderts vor Christi Geburt. Sein Denken beeinflusste die komplette nachfolgende abendländische Philosophiegeschichte. Und wie es typisch ist für die Weitergabe seiner Ideen, beschrieb auch die gehörte Geschichte einen Dialog mit einem Schüler.
Eines Tages kam einer seiner Schüler zu Sokrates und war voller Aufregung.
"He, Sokrates, hast du das gehört, was dein Freund getan hat? Das muss ich dir gleich erzählen." "Moment mal", unterbrach ihn der Weise. "hast du das, was du mir sagen willst, durch die drei Siebe gesiebt?" "Drei Siebe?", fragte der Andere voller Verwunderung.
"Ja, mein Lieber, drei Siebe. Lass sehen, ob das, was du mir zu sagen hast, durch die drei Siebe hindurchgeht. Das erste Sieb ist die Wahrheit. Hast du alles, was du mir erzählen willst, geprüft, ob es wahr ist?"
"Nein, ich hörte es irgendwo und ..." " So, so! Aber sicher hast du es mit dem zweiten Sieb geprüft. Es ist das Sieb der Güte. Ist das, was du mir erzählen willst - wenn es schon nicht als wahr erwiesen ist -, so doch wenigstens gut?" Zögernd sagte der andere: "Nein, das nicht, im Gegenteil ..."
"Aha!" unterbrach Sokrates. "So lass uns auch das dritte Sieb noch anwenden und lass uns fragen, ob es notwendig ist, mir das zu erzählen, was dich erregt?"
"Notwendig nun gerade nicht ..." "Also", lächelte der Weise, "wenn das, was du mir erzählen willst, weder erwiesenermaßen wahr, noch gut, noch notwendig ist, so lass es begraben sein und belaste dich und mich nicht damit!"

Oh je, wie hatte ich mich bei dieser Erzählung ertappt gefühlt! Denn wie schnell verlässt manchmal ein lästerhaftes Wort meinen Mund… oder meine Tastatur! Wie leicht fälle ich damit ein Urteil über einen Menschen, dessen wahre Beweggründe für sein Handeln oder Reden ich nicht kenne. Und wie oft stoße ich damit auch noch auf Zustimmung! Zu viele Situationen, in denen ich besser einfach nur geschwiegen hätte! Wahrheit. Güte. Notwendigkeit. Diese stehen dagegen.
Ich erinnere mich an das biblische „Liebt einander, weil auch Christus uns geliebt hat!“. Die frühen christlichen Gemeinden waren auch nicht immer nur „ein Herz und eine Seele“. Paulus von Tarsus reiste im ersten Jahrhundert nach Christus im gesamten Mittelmeerraum herum. Ziemlich erfolgreich überzeugte er vom sich herausbildenden christlichen Glauben. Doch immer wieder mahnte er die neugegründeten christlichen Gemeinden dazu, gut miteinander umzugehen. So scheine ich mich mit meinen zwischenmenschlichen Fehltritten ja in bester Gesellschaft zu bewegen: die alten Griechen, die frühen Christen – um nur zwei herauszupicken. Hat der Mensch nichts gelernt über die Jahrhunderte hinweg?

Nun, dieser Gedankengang ist mir dann doch zu kompliziert am Montagmorgen vor dem ersten Augenaufschlag. Aber dieser passt: Ich nehme mir fest vor, die drei Siebe mit in die kommende Woche zu nehmen. - Und wie jetzt möglicherweise die Augen einen kurzen Moment geschlossen zu halten. Dann werde ich mich fragen, ob es wirklich wahr, gütig und notwendig ist, was demnächst meinen Mund verlässt. Das fühlt sich echt gut an! Und mit einem Lächeln auf den Lippen öffne ich die Augen für den neuen Tag.

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