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Das himmlische Tischtuch verbindet
Bildquelle: pixabay

Das himmlische Tischtuch verbindet

Heidrun Dörken
Ein Beitrag von

Heidrun Dörken,

Evangelische Pfarrerin, Senderbeauftragte für den Hessischen Rundfunk

Wunderbar, sich zum Essen zu verabreden, zum Beispiel in einem Restaurant. Alle studieren die Speisekarte. Ein beliebtes Gesprächsthema: Wer mag was oder auch nicht. Einige erzählen vom Urlaub und exotischen Rezetpen, und ein leichtes Grausen befällt die Tischgesellschaft. „Also, so was essen die da? Igitt.“

Was dem einen schmeckt, verabscheut der andere. Der Esstisch vereint Menschen. Er trennt sie aber auch. Wie finden Menschen zueinander, wenn sie nicht gemeinsam essen können? Diese Frage stellt sich zum Beispiel zwischen christlichen Konfessionen, wenn sie nicht das Abendmahl, die Eucharistie, miteinander feiern dürfen.

Es hatte anders angefangen. „Am Tisch des Herrn sind wir alle zusammen,“ hatte der Apostel Paulus geschrieben, „ hier sind wir eins: Juden und Griechen, Männer und Frauen, Freie und Sklaven.“ Normalerweise markierten die sozialen, religiösen und kulturellen Unterschiede scharfe Grenzen zwischen den Menschen. Doch dieser eine Tisch vereint sie miteinander. Für die antike
Welt war das revolutionär.
Aber auch Apostel mussten diese Lektion mühsam am eigenen Leib lernen. Wie Petrus. Der ehemalige Fischer vom See Genezareth war zu Gast bei einem Simon . Das Haus dieses Simon lag in Jaffa, heute ein Stadtteil von Tel Aviv. Es lag mit gutem Grund am Meer, denn: Dieser Simon war Gerber. Als Gerber war er umgeben von üblen Gerüchen und deshalb auch von Verachtung. Zum Gerben brauchte man Säuren aus Tierexkrementen. In einer so anrüchigen Herberge machte Petrus eine entscheidende Erfahrung. Er stieg zum Beten auf die Dachterrasse. Er hatte Hunger. Während man ihm etwas kochte, geriet er in eine Art Verzückung. Er sah in einer Vision aus dem geöffneten Himmel ein riesiges Leinentuch herab kommen. Darin waren alle möglichen vierfüßigen und kriechenden Tiere. Und er hörte eine himmlische Stimme: „Petrus, schlachte und iss!“

Petrus ist entsetzt: „Ich habe doch noch nie etwas Unreines gegessen.“ Im himmlischen Tischtuch waren Tiere, die nach den jüdischen Speisevorschriften verboten waren. Die Stimme aber befiehlt noch zwei Mal: „Schlachte und iss!“ Er hört aus dem
Himmel das Gebot: „Was Gott rein gemacht hat, das nenne du nicht verboten.“
In dem Moment erreichen drei Männer das Haus. Sie bitten Petrus zu einem römischen Hauptmann namens Cornelius. Der wollte sich aus erster Hand informieren über die neue religiöse Bewegung der Nachfolger Jesu. Als Petrus sein Haus betritt, kniet Cornelius, der römische Offizier, vor Petrus, dem Fischer. Petrus richtet ihn auf und sagt: „Steh auf! Ich bin auch nur ein Mensch.“

Petrus hat die Vision des himmlischen Tischtuchs verstanden. Er sagt: „Mir war es nicht erlaubt, solchen Kontakt zu einem Fremden aufzunehmen. Aber Gott hat mir gezeigt: Ich soll keinen Menschen meiden oder unrein nennen.“ Er kann mit dem Heiden Cornelius
zusammen essen, was vorher undenkbar war.

Heute sind es nicht mehr Speisegesetze, die trennen. Es sind andere Gründe, warum man einen Menschen oder eine Gruppe meidet. Die Geschichte aus Jaffa sagt: Trotz aller Unterschiede von Herkunft, Kultur und Religion ist es möglich, solche Grenzen zu überwinden. Um gemeinsam den einzigen Ehrentitel zu tragen, der uns zusteht. Wie sagte Petrus: „Ich bin auch nur ein Mensch.“

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