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Argula von Grumbach: eine reformatorische Persönlichkeit

Argula von Grumbach: eine reformatorische Persönlichkeit

Ein Beitrag von

Gisela Brackert,

Journalistin und Autorin im Ruhestand, evangelisch, Frankfurt

Im September 1523 erhielt die Universität Ingolstadt, die älteste in Bayern, einen Brief, mit dem sie nicht gerechnet hatte. Er stammte von einer adeligen Dame aus dem Altmühltal und machte der Universität schwere Vorwürfe wegen eines Schauprozesses gegen einen 18jährigen Studenten. Er hatte verbreitet, was in Bayern verboten war: Lutherisches Gedankengut.

Der junge Mann hatte gelehrt: Es genügt allein der Glaube an Jesus Christus zur Rechtfertigung des Menschen. Das hatte er von Luther und Melanchthon gelernt. Man hatte ihn dafür in den Kerker geworfen und dann in einem öffentlichen Tribunal gezwungen, mit der Bibel in der Hand seine Irrlehren zu widerrufen. Zur Strafe sollte er lebenslang im Kloster Ettal der Welt entzogen werden.

Der Deliquent hieß Alsacius Seehofer und ist später doch noch ein wackerer lutherischer Pfarrer geworden. Seine Verteidigerin hieß Argula von Grumbach. Mit dieser Frau möchte ich Sie heute Morgen bekannt machen. Weil sie mutig war. Weil sie überzeugt war, dass die Stimme jeder Christin und jedes Christen gebraucht wird, wenn es um Leben und Glauben geht. Selbstbewusst hat sie geschrieben:

„Ich schreibe kein Frauengeschwätz, sondern das Wort Gottes als ein Glied der christlichen Kirche.“

Wie kommt eine Frau vor fünfhundert Jahren dazu, sich mit solchen Worten mit den Autoritäten ihrer Zeit anzulegen? Argula von Grumbach kam nicht aus der Mitte des Volkes. Ihr Vater, der Reichsfreiherr von Stauff, stammte aus dem Hochadel, fast jedes wichtige Amt im spätmittelalterlichen Bayern ist irgendwann von einem Stauffer wahrgenommen worden. So war der Wohlstand beträchtlich und das Selbstbewusstsein auch.

Doch mit dem Wohlstand war es vorbei, als 1492, in dem Jahr, in dem Argula zur Welt kam, die fränkische Ritterschaft, darunter auch Stauff, mehr Selbstständigkeit verlangte als der Herzog von Bayern ihr zugestehen wollte. Die Ritterschaft verlor den Kampf und die Stauffs verloren ihr Vermögen. Dem Bewusstsein, dass man, wenngleich verarmt, zu den tonangebenden aristokratischen Schichten in Bayern gehörte, tat das keinen Abbruch.

Dieses Selbstbewusstsein lässt sich auch an der Namensgebung der Kinder Bernhardin von Stauffs ablesen. Es sind Namen, die ein ungewöhnliches Maß an Bildung signalisieren: Die Söhne hießen Gramaflanz, Marcellus und Feirafis, die Töchter Zormarina, Sekundilla und eben auch Argula. Diese Namen stammen aus einer literarischen Vorlage, die damals schon fast dreihundert Jahre alt war und bis heute als Weltliteratur gilt, dem Parzival des Wolfram von Eschenbach.

Argula ist im fränkischen Beratzhausen geboren, vermutlich auf der väterlichen Burg Ehrenfels. Sie erhielt eine gute Bildung und kam mit fünfzehn Jahren an den herzoglichen Hof der Wittelsbacher in München. Sie gehörte zur Entourage der Herzogin Kunigunde, einer humanistisch gebildeten, belesenen und auch sehr religiösen Frau, der Argula viel verdankte.

Die Zeit am Hof wurde Argulas Universität. Hier lernte sie gesellschaftliche Sicherheit und auch, wie man Argumente setzt. Sie konnte flüssig formulieren und las gern und viel. Sie brachte auch gute Bibelkenntnisse mit. Ihr Vater hatte ihr zum zehnten Geburtstag eine eigene Bibel geschenkt, prachtvoll ausgemalt und in vorlutherischer Übersetzung auf Deutsch. Ein großartiges Geschichtenbuch, in dem Argula bald zuhause war.

Das elterliche Zuhause freilich ging ihr früh verloren. Die Eltern starben, wohl an der Pest, als sie 17 war. Argula verband sich mit dem zehn Jahre älteren Friedrich von Grumbach, ein Ritter aus dem niederen Adel, also dynastisch gesehen fast eine Mesalliance. War es Liebe, die sie zu diesem Schritt veranlasste, oder das Bedürfnis nach Sicherheit? Beides ist möglich. Als Fritz von Grumbach vom Herzog als Statthalter von Dietfurt und Altmannstein eingesetzt wurde, zog die junge Familie ins Altmühltal.

Die große weite Welt traf sich dort nicht. Doch Dietfurt lag günstig an der Handelsstraße Nürnberg-Regensburg, und Argula wusste sich über Reisen und unermüdliches Briefeschreiben ein großes Netzwerk von Freunden und Beratern aufzubauen und zu erhalten. Die Mutter von vier Kindern war eine hochaktive Frau und an allem interessiert, was in der Welt draußen vor sich ging. Insbesondere war sie von Martin Luther fasziniert, der 1517 mit seinem Thesenanschlag die römische Kirche herausforderte und eine Bewegung auslöste, die die geistliche und politische Landkarte der Welt nachhaltig veränderte. Selbst im kleinen Dietfurt war es nicht schwierig, an seine Flugschriften und Sendschreiben heranzukommen. 

Argula von Grumbach öffnete sich der lutherschen Theologie nahezu vorbehaltlos. Ihrem Selbstbewusstsein entsprach, dass der persönliche Glaube wichtig wurde. Genauso wie die eigenständige Bibellektüre. Die Aufbruchstimmung, die die Gesellschaft erfasst hatte, entsprach ihrem Temperament. Es kümmerte Argula von Grumbach wenig, dass der Besitz lutherischer Schriften und die Verbreitung dieses Gedankenguts vom bayerischen Herzog unter Strafe gestellt worden war. Sie nahm brieflichen Kontakt zu Luther auf und tat 1523 jenen Schritt in die Öffentlichkeit, der zur Grundlage ihres späten Nachruhms wurde.

Argula von Grumbach erinnern wir heute, weil sie mit Mut für einen jungen Theologen eingetreten war, Arsacius Seehofer mit Namen. 1522 war der von Wittenberg an die Universität Ingolstadt zurückgekehrt und hatte als Magister der Philosophie das Recht erhalten, Vorlesungen zu halten, wenn er dabei auf jeden reformatorischen Zungenschlag verzichtete. Das freilich war dem Schüler Philipp Melanchthons unmöglich. Und so dauerte es nicht lange, bis er verhaftet wurde und ihm die Universität mit Billigung des Münchner Hofs ein Gerichtsverfahren anhängte. Die Anklageschrift hielt fest: Seehofer vertritt die Ansicht: Allein der Glaube genügt zu des Menschen Rechtfertigung. – Mit dem Selbstverständnis der Kirche war eine solche Aussage nicht zu vereinen und darum wurde durchgegriffen.

Im September 1523 wurde der junge Mann aus dem Kerker in die Aula geführt, wo sich die ganze Universität versammelt hatte. Unter Androhung der Zerstörung seiner Existenz wurde er zum Widerruf gezwungen, zwölf seiner Schüler mit ihm, und zur Buße zwangsverbannt ins Kloster Ettal. Der Fall erregte Aufsehen. Auch Argula von Grumbach hörte davon. Das Verfahren empörte sie. Der Angriff auf Seehofer war auch ein Angriff auf das, was längst ihren eigenen Glauben ausmachte. Und so setzte sie sich hin und nahm in einem Protestbrief nachdrücklich für Seehofer Partei. Niemand sonst hatte das gewagt. Schon der erste Satz ist Programm:

„Es ist Zeit vom Schlaf aufzustehen“.

Argula geht mit den Geistlichen ins Gericht, die hochmütig das Wirken des Heiligen Geistes nicht zulassen wollen. Sie erkennen nicht an, was sie selbst doch in der Bibel durch Luthers Schriften wiederentdeckt hat:

"Wie (…) wunderbar Christus nicht allein durch die gelehrte Schrift, sondern auch durch viele junge wie alte Männer und Frauen zu seinem göttlichen, seligmachenden Wort lockt.“

Argula empört, dass jemand mit Gewalt gezwungen wird, seinen Glauben zu verleugnen, wie das die Universität mit Seehofer getan hat. Sie schreibt:

„Hat Euch das Christus gelehrt oder seine Apostel, Propheten und Evangelisten? Zeigt mir wo es steht, ihr hohen Meister! Ich finde es an keinem Ort der Bibel, dass Christus oder seine Apostel oder Propheten Andere eingekerkert, gefoltert, oder ermordet oder sie aus dem Land getrieben haben“…

Wenn sie an die Ingolstädter Vorgänge denkt…

„So zittert mein Herz und alle meine Glieder. Was lehren Luther und Melanchthon denn anderes als das Wort Gottes? … Würde ich Luthers und Melanchthons Schriften verleugnen, würde ich Gott und sein Wort verleugnen. Und Gott werdet ihr wahrlich mit eurer Universität nicht auslöschen. Weder die päpstlichen Dekrete noch Aristoteles, der nie ein Christ gewesen ist, schaffen das“.

Argulas Brief an die Ingolstadter Universität ist mutig, zornig und fromm. Was sie besonders empört: Das Verfahren gegen Arsacius Seehofer wurde nur juristisch durchgezogen, auf der Basis einer Vorverurteilung. Es gab keinen Raum für eine inhaltliche Diskussion seines reformatorischen Ansatzes. Argula macht dann den unerhörten Vorschlag, die Diskussion mit ihr als Kennerin der Bibel und der Schriften Martin Luthers öffentlich nachzuholen. Den Professoren der Ingolstädter Universität dürfte es die Sprache verschlagen haben. Da untersteht sich eine Frau, die nicht einmal Latein kann, eine hochangesehene theologische Fakultät belehren zu wollen.

Ja, Argula kann kein Latein. Aber mit lutherischer Deutlichkeit weiß sie ihre Argumente zu setzen, in der Sprache, in der sie aufgewachsen ist und seit Kindheit die Bibel gelesen hat. Sie schlägt also eine Disputation auf Deutsch vor. Sie will nach Ingolstadt kommen und vor den Fürsten und der ganzen Öffentlichkeit mit der gelehrten Geistlichkeit reden. Selbstbewusst schließt sie dieses Sendschreiben:

„Ich habe Euch kein Frauengeschwätz geschrieben, sondern das Wort Gottes als ein Glied der christlichen Kirche.“

Eine Antwort hat sie nie erhalten. Doch der Brief fand den Weg in die Öffentlichkeit. Er kam als Flugschrift in Windeseile unters Volk. Wurde in dreizehn Auflagen nachgedruckt und erreichte damit fast das Niveau der Luther-Schriften. Einen historischen Moment lang war Argula berühmt. Ein Holzschnitt aus der Zeit hält das fest. Er zeigt jene Situation, die Argula sich gewünscht hatte, die es aber nie gegeben hat: Eine Frau mit der Bibel in der Hand im Disput mit den Theologen.

Das Schweigen der Universität und das gute Echo, das ihr Protestbrief in der Öffentlichkeit auslöste, motivierten Argula zu weiterem Einsatz in dieser Sache. Binnen weniger Wochen wandte sie sich mit sieben engagiert argumentierenden Sendschreiben an die politischen Repräsentanten, angefangen beim Herzog von Bayern und aufgehört bei ihrem Onkel Adam von Törring, der über ihre Aktion ziemlich erbost war. Von keinem der hochgestellten Herren hat Argula je eine Antwort erhalten. Stattdessen tauchen Spottgedichte auf, in denen sie als Frau verhöhnt wird, die ihre Grenzen überschreitet

„Wie ein frech und wild Tier ihr seid/und ihr dünkt Euch so gescheit/ Stell ab dein Mut und gut Dünkel/ und spinn dafür an einer Kunckel oder strick Hauben und wirk Borten/ Ein Weib soll nicht mit Gottes Worten stolzieren und die Männer lehren.“

Und Luther? Er hat ihren Einsatz dankbar wahrgenommen, sich aber einer öffentlichen Stellungnahme dazu enthalten. Im Februar 1524 schreibt er an einen Freund:

„Die edle Frau Argula von Stauff kämpft (…) einen Kampf mit hohem Geist und erfüllt von dem Wort und der Erkenntnis Christi. Sie ist es wert, dass wir alle für sie bitten, dass Christus in ihr triumphiere. Sie ist ein besonderes Werkzeug Christi."

Doch als Argula ihn Jahre später auf der Veste Coburg besucht und zum ersten Mal persönlich kennen lernt, da weiß Luther an seine Frau Katharina nur zu berichten, dass Argula ihm wertvolle Hinweise gegeben habe, wie Tochter Lenchen zu entwöhnen sei. Ein geistliches Gespräch auf Augenhöhe war das wohl nicht. Zu dieser Zeit hatte Argula den Versuch der Mitsprache im Religionsstreit längst frustriert aufgegeben. Sechs Jahre zuvor hatte sie dem Schreiber jenes Spottgedichtes noch öffentlich geantwortet, und sich darüber beklagt, dass ihren Gegnern nichts anderes einfiele als sie auf das Spinnrad zu verweisen.

Argula hat sich nach 1524 ins Schweigen zurückgezogen. Die Bauernkriege brachen aus und die Reformation hörte auf, eine Volksbewegung zu sein. Die Landesherren wurden die Spielmacher und blieben es über Jahrhunderte. Die Stunde der Laien war vorbei. Bei Argula kamen familiäre Schwierigkeiten hinzu. Ihrem Mann war ihretwegen die Stelle als herzoglicher Statthalter entzogen worden. Er hatte Argulas lutherische Überzeugungen in keiner Weise geteilt.

Nun empfand er sich als Opfer ihres Übermuts und öffentlich als Schwächling gebrandmarkt. Er vernachlässigte die Verwaltung seiner verschuldeten Güter. Auch bei der Erziehung der Kinder dürfte es zu Streit gekommen sein. Argula fand Rückhalt bei ihrem Bruder, sah sich aber sonst ziemlich allein gelassen. Ihr Mann starb1529. Argula ist vier Jahre später noch einmal eine Ehe eingegangen, mit einem Mitglied der protestantischen Familie von Schlick, in die auch schon ihre Geschwister eingeheiratet hatten. Der Ehemann starb schon zwei Jahre nach der Heirat.

Danach werden die Quellen spärlich. Argulas Alltag wird von Sorgen überschattet. Es fehlt an Geld. Die beiden älteren Söhne tun nicht gut. und kommen früh um. Auch die Tochter stirbt mit 17. Nur der spät geborene Gottfried wird sich später um die vereinsamte Mutter kümmern, die als junge Frau die Flügel so weit gebreitet hatte. Nicht einmal ihr Tod ist verlässlich dokumentiert. Argula von Grumbach starb vermutlich 1554, in Zeilitzheim in Unterfranken, dem Ort ihres letzten Wirkens. Ein Grabstein ist nicht vorhanden.

Für einen kurzen historischen Moment hatte diese Frau öffentliche Aufmerksamkeit erregt. Dann senkte sich das große Schweigen über sie. Sie wurde ausgegrenzt als Frau, die ihren angestammten Platz verlassen hat, ausgegrenzt aber auch als Laiin, die in theologischen Fragen mitreden will. Es dauerte fünfhundert Jahre, bis wenigstens die Evangelische Kirche in Bayern sich an sie erinnerte und eine kleine Stiftung ins Leben rief, die ihren Namen trägt. Warum ist sie es wert, erinnert zu werden?

Wir haben in Argula nicht die erste Pfarrfrau vor uns und auch nicht die erste akademisch gebildete Theologin. Aber, wenn man so will, die erste, die Ernst machte mit dem, was Luther das „Priestertum aller Gläubigen“ genannt hat. Dass jede Christin, jeder Christ berufen ist, für seinen Glauben einzustehen und Zeugnis abzulegen, nicht nur die, die das zu ihrem Hauptberuf gemacht haben. Argula von Grumbach verfügte über alle Gaben, die es dazu braucht: Glaube und Mut, auch Wissen, und vor allem eine lebendige Sprache. Dazu das Bewusstsein, von Gott auf diese Bühne gerufen worden zu sein. Ich wäre ihr gern begegnet.

Literatur:
Peter Matheson, Argula von Grumbach, V&R, 2014;
Uwe Birnstein, Argula von Grumbach, Neufeld Verlag 2014

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