Wunderheilung heute
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Wunderheilung heute

Clemens Scheitza
Ein Beitrag von

Clemens Scheitza,

katholischer Religionslehrer im Ruhestand, Frankfurt

Am heutigen Sonntag wird in den katholischen Gottesdiensten die Stelle aus der Bibel vorgelesen, in der Jesus einen Taubstummen heilt. Das ist nichts Außergewöhnliches: An vielen Stellen der Bibel wird davon gesprochen, dass Jesus Menschen heilt: Kranke, Besessene, vom Aussatz befallene Menschen. Und nicht nur er heilt Menschen: An anderer Stelle in der Bibel beauftragt Jesus auch seine Freunde und Freundinnen, das zu tun. Die Welt heil zu machen.

Auch heute noch gibt es viele Wunden, die geheilt werden sollten: Nur einige davon: Die Wunde, die in mir entsteht, wenn ich von anderen nicht wahrgenommen werde, oder auch Krankheit, Verluste, letztlich der Tod: die Wunden von jedem einzelnen. Aber es gibt auch Wunden von uns allen: Umweltzerstörung, soziale Ungerechtigkeit, Flucht, Hunger, Kriege: Der Auftrag von Christus gilt deshalb immer noch. Er sendet seine Freunde aus, um in seinem Namen Wunden zu heilen. So das Reich Gottes sichtbar zu machen.

Deswegen ist für mich nicht nur wichtig, dass in dieser Erzählung von der Heilung eines Taubstummen Jesus als ein Wundertäter und Heiler dargestellt wird. Wichtig für mich ist, was Taubheit heute bedeuten kann, was ich fühle, wenn ich an mein Stummsein denke, wie ich mich verhalte, wenn ich andere Leute zum Verstummen bringen.

Vor kurzem war ich im Urlaub in Italien. In Ligurien, in einer wunderschönen Gegend. Im offenen kleinen Sportwagen fuhren meine Frau und ich an der herrlichen Küste entlang: malerische Häuser, ein märchenhafter Blick auf das Meer. Ziel war Monte Carlo. Dort vor der Spielbank tummelten sich die Reichen und Schönen. Autos so teuer wie Reihenhäuser. Exquisit gekleidete Menschen, ein Schaulaufen, ein Sehen und gesehen werden. Dann auf der Heimfahrt, wieder an der großartigen Küste entlang. Plötzlich sahen wir junge, afrikanische Männer mit einem kleinen Bündel in der Hand. Vorsichtig gingen sie am Rand der Landstraße. Erst einer dann immer mehr, in einer langen Schlange wanderten die Flüchtlinge von der französischen Küste nach Italien. Weg aus ihrer Heimat, in der Hoffnung auf ein neues Zuhause, auf ein neues Leben. Und augenblicklich war bei uns die Leichtigkeit des Tages dahin. Da waren Menschen, die suchten nach Heil, und wir fuhren mit dem Sportwagen an ihn vorbei. Da blieb uns die Sprache weg. Wir waren stumm vor Entsetzen. Das wollten wir nicht wahrnehmen. In unsere heile Welt sollte kein Unheil einbrechen. Unser Urlaub sollte schön bleiben, mit schönen Bildern.

Aber die Welt ist nicht heil. Ich kann die Augen und Ohren schließen, verstummen. Das hilft nur für eine gewisse Zeit, dann muss ich die Mauern immer höher und höher bauen, damit ich das Unheil der andere nicht sehe, höre und darauf antworten muss. Auch die Mauern in meiner Seele, in meinem Herzen muss ich höher bauen, damit ich nicht höre, was mir meine Seele sagt, zu was mich mein Gewissen aufruft. Das da draußen, vor dieser Mauer, wird dann zur Gefahr, macht Angst. Das kann krankmachen. Es kann wütend machen, aggressiv gegenüber dem Fremden. Die eigene Existenz scheint bedroht zu sein. Da hilft nur noch der Rückzug auf das angeblich vertraute. Eben so wie es früher war. Das erleben wir ja zurzeit: „Erst mal wir“, „America first“. Argumenten gegenüber wird man dann taub.

Es gibt aber auch die umgekehrten Momente, bei denen ich Menschen sprachlos gemacht habe: So in meiner Zeit als Lehrer: Oft gab es Schüler und Schülerinnen, die sich im Unterricht nicht beteiligten. Nach einiger Zeit habe ich sie gefragt, warum sie stumm sind, sich nicht melden. Manchmal war die Antwort: „Sie nehmen ja nur die Angeber dran, die die sich in die erste Reihe drängen, ihn nach der Meinung reden. Ich werde nicht wahrgenommen. Da gebe ich auch nichts von mir preis, bleibe stumm“.

Verstummte Menschen, Menschen, die nicht hören wollen oder können, wie kann man sie aus ihrer Isolation befreien, sie heilen? Jesus macht es, indem er Menschen erst einmal wahrnimmt. Oft sind es Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen, ausgestoßene, ausgegrenzte. Er heilt sie unter anderem mit seinem Speichel. Ich wäre verwundert, wenn mein Hausarzt das auch so täte. Es erinnert mich aber an meine Kindheit: Meine Mutter säuberte mir mit ihrem Speichel mein Gesicht. Wenn ich gefallen war, meine Wunde. Dann nahm sie mich in den Arm, strich mir über den Kopf, spukte auf die Wunde und sagte: „Es wird alles wieder gut“. Und es wurde auch gut. Die Schmerzen verschwanden. Ich war nicht alleine mit ihnen, meine Mutter hat sie geteilt. Ich habe Zuwendung und Geborgenheit erfahren. Solch eine Intimität baut auch Jesus in dieser Geschichte zu dem Taubstummen auf, wenn er ihn mit seinem Speichel bestreicht. Jesus gibt diesem Mann Zuwendung und Geborgenheit. Die entscheidende Grundlage sich der Welt zu öffnen, hinzuhören und mitzureden.

Stumme zum Sprechen zu bringen und Taube die Welt wieder wahrnehmen zu lassen. Das sollen die Freunde und Freundinnen von Jesus tun, dazu beauftragt er sie. Jesus sieht das als Beginn des Reiches Gottes. Darin steckt die Aufforderung, nicht allein auf das Jenseits zu warten, sondern selbst zu versuchen, dieses Jenseits sichtbar zu machen. Jesus holt sich dazu die Kraft von seinem Vater. Er fühlt sich mit ihm ganz eng verbunden. Hat eine personale Beziehung zu Gott.

Eine personale Beziehung zu Gott im Gebet, im gemeinschaftlichen Gottesdienst suche auch ich. Sie gibt mir die Kraft, an diesem Reich Gottes zu arbeiten, Menschen wahrzunehmen, ihnen Geborgenheit zu geben. Sie zur Teilnahme an der Gemeinschaft zu bewegen, damals zum Beispiel Schüler und Schülerinnen zu ermutigen, über ihr Gefühl mir und der Klasse gegenüber zu reden. Ihnen dann, soweit ich kann, zu helfen. Heute zum Beispiel heißt das: mich für die Belange von Flüchtlingen, Ausgegrenzten einzusetzen. Es ist nur ein kleiner Anfang zu diesem Reich Gottes. Dabei weiß ich, dass dieses Reich Gottes niemals ganz auf Erden verwirklicht werden kann. Ich glaube, dass ich letztlich dieses Reich Gottes geschenkt bekomme. Das fordert von mir Vertrauen, dass Gott sein Versprechen eingelöst. Ein Vertrauen, das davon lebt, auf ein Geschenk zu warten, das Geschenk einer heilen Welt. Und dennoch gleichzeitig an diesem Reich mitzubauen. Jedes Wunder, das in der Bibel erzählt wird, wie das von der Heilung des Taubstummen, ist ein kleiner Lichtblick, ein kleiner Hinweis auf diese heile Welt, wie sie sein könnte. Eine heile Welt, die wir auch schon heute aufleuchten lassen sollen. Ich will versuchen, die Welt heiler zu machen, im Bewusstsein, sie nicht ganz heilen zu können. Und ich freue mich über jedes Wunder der Heilung, das ich erlebe.

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