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Wohngemeinschaft
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Wohngemeinschaft

Michael Tönges-Braungart
Ein Beitrag von

Michael Tönges-Braungart,

Dekan, Evangelisches Dekanat Hochtaunus

Seit Mitte September wohnen sie gemeinsam in Berlin. Eine bunt zusammengewürfelte Studenten-Wohngemeinschaft. Ein Bayer mit türkischen Wurzeln, ein junger Mann aus Nepal, ein Deutscher jüdischen Glaubens und zwei junge Frauen aus Deutschland – die eine der beiden ist meine Tochter. Sie haben sich nicht gegenseitig ausgesucht – der Vermieter hat sie so in einer WG zusammengewürfelt.

Und nun müssen sie sehen, wie sie miteinander zurechtkommen. Das erste, was unsere Tochter erlebt, ist Hilfsbereitschaft. Beim Umzug helfen die anderen ganz selbstverständlich beim Kistenschleppen. Als Vater und Tochter mit dem Aufbau einer Kommode aus einem schwedischen Möbelhaus kämpfen, bietet der eine neue WG-Mitbewohner sofort Werkzeug an. Die andere fragt, ob sie Döner zur Stärkung mitbringen soll.

Sie sitzen oft in der WG-Küche zusammen und reden. Meistens kochen zwei oder drei gemeinsam. Und wenn dann noch jemand nach Hause kommt und Hunger hat, wird einfach ein Teller dazu gestellt. Dann diskutieren sie über Filme und Musik, über die Lust und den Frust am Arbeitsplatz oder im Studium. Vor der Bundestagswahl haben sie über den Wahlomat gesprochen und darüber, was bei ihnen herausgekommen ist – und nach der Wahl darüber, wie sie das Wahlergebnis sehen.

Manchmal reden sie auch über Religion. Sie erfahren, dass Jan jetzt nicht so oft da ist, weil er an hohen jüdischen Feiertagen die Synagoge besucht. Oder dass Murat sich eher als säkularer Muslim begreift.

Eine Multikulti-Idylle? Auf jeden Fall nicht, was den Haushalt betrifft. Eine Regelung, wer wann für die Sauberkeit von Küche und Bad zuständig ist, muss noch gefunden werden. Und sie müssen sich darüber verständigen, was „sauber“ heißt.

Die beiden jungen Frauen sind sich jedenfalls einig, dass sie sich auf eine klassische Rollenaufteilung nach dem Motto: Männer kaufen ein und bringen den Müll runter und Frauen putzen, nicht einlassen werden. Ich als Vater in der Ferne bin gespannt, wie sich das Zusammenleben entwickelt. Wenn man auf so engem Raum zusammenlebt, werden Spannungen nicht ausbleiben. Aber ich denke, die fünf werden das schon miteinander schaffen.

Nein, eine Idylle ist die WG sicher nicht. Sie sind eine Zweckgemeinschaft, keine Clique von Freundinnen und Freunden. Aber sie machen das Beste daraus. Sie wollen sich weder wie eine große Familie fühlen noch einfach nur nebeneinander her leben.

Welche Einstellung hilft, wenn Menschen miteinander auskommen wollen, die sich das nicht ausgesucht haben? Die goldene Regel könnte eine Basis sein. Die gibt es in verschiedenen Religionen und Weltanschauungen. Jesus hat die goldene Regel in der Bergpredigt so formuliert: „Alles, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch!“ (Matthäus 7,12) In der WG meiner Tochter versuchen sie das so: Dass jeder seinen Freiraum braucht, versteht sich für sie von selber. Ebenso, dass sie aufeinander Rücksicht nehmen wollen.

Ich wünsche den jungen Leuten, dass sie offen darüber reden und Lösungen finden können, wenn mal etwas nicht klappt zwischen ihnen. Dann wird ihre WG mehr sein als nur eine Zweckgemeinschaft. Dann wird sie für diese bunt zusammengewürfelte Gruppe auch ein Zuhause sein.

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