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Wie sehe ich aus?
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Wie sehe ich aus?

Andrea Seeger
Ein Beitrag von Andrea Seeger, Evangelische Theologin und Redakteurin der Evangelischen Sonntags-Zeitung
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Der große Erzähler Rafik Schami hat ein kleines Büchlein herausgebracht. „Wie sehe ich aus? fragte Gott“ heißt es. Er, der alles erschaffen hat, will wissen, wie seine Schöpfung ihn sieht. Gott fragt die Wolke, den Schmetterling und die Schildkröte, die Jasminblüte, den Distelfink und viele andere. Sie alle beschreiben ihn aus ihrer jeweils eigenen Perspektive, finden ihn gütig, warmherzig, zugewandt, loben ihn über den grünen Klee.

Wie sieht Gott aus?

Ganz zum Schluss begibt er sich zur Krone seiner Schöpfung. Er besucht einen Maler in seinem Atelier. „Wie sieht Gott aus?“ Der Künstler lächelt, schaut sich in einem großen Spiegel an und malt - ein großes Bild von sich, mit Gewand und weißem Bart. „Er prüfte das Gemälde und lächelte zufrieden. Das ist Gott, sagte er stolz.“ Gott schüttelt nur den Kopf, verlässt die Erde mit dem nagenden Zweifel, ob er beim Menschen nicht irgendetwas falsch gemacht hat. Das lässt sich in einer Gesellschaft mit lauter Ichlingen, die zuerst sich selbst sehen, gut nachvollziehen. Was antworte ich, wenn Gott mich fragt: Wie sehe ich aus?

Gottes Aussehen wechselt - je nach Lebensalter

Auf jeden Fall differenziert. Denn die Rolle wechselt - je nach Lebensalter. Als ich noch ein Mädchen war, sah der liebe Gott alles – so sagten es meine Eltern. Ich hatte keinen Grund daran zu zweifeln und war lieber vorsichtig. Als ich mit 18 das erste Mal nach Israel reiste, traf ich Menschen, deren Familien in den Konzentrationslagern der Deutschen ermordet wurden. In der Zeit sah Gott für mich sehr schlecht aus. Warum hat er das zugelassen?

Was aus dieser Welt wird, hängt auch von uns Menschen ab

Geholfen hat mir die Theologin Dorothee Sölle. Sie spricht von der Macht Gottes. Damit meint sie keine Herrschermacht, die allein alles bestimmt und regelt. Sondern eine Macht in Beziehung. Wir brauchen Gott, aber er braucht auch uns. Was aus dieser Welt wird, entscheidet sich nicht einsam von oben, sondern hängt auch von uns Menschen ab. Wir sind verantwortlich für unser Tun.

Gott als Tröster

Je älter ich werde, desto mehr sehe ich noch weiteres Bild Gottes: Gott als Tröster, als jemanden, der Halt gibt. Auf den ich mich verlassen kann, wenn es hart kommt. Ein schönes Bild!

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