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Vertrauen und das Wagnis des Glaubens

Vertrauen und das Wagnis des Glaubens

Simone Gerlitzki
Ein Beitrag von

Simone Gerlitzki,

Katholische Pastoralreferentin, Frankfurt
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Es gibt Situationen im Leben, in denen sich eine typisch menschliche Verhaltensweise offenbart. Von einer solchen Situation erzählt die folgende Geschichte. Ein Artist hat in einer Stadt sein Hochseil gespannt und führt dem Publikum seine atemberaubenden Kunststücke vor. Als er zum Abschluss eine Schubkarre über das Hochseil schiebt, liegt Totenstille über dem Platz. Die Leute sind begeistert. Da ruft der Mann vom Hochseil in die Menge hinein: „Glauben Sie, dass es mir gelingt, die Schubkarre auf dem gleichen Weg wieder zurückzuschieben?“ Mit anhaltendem Applaus stimmt das Publikum zu. Der Artist schweigt eine Weile. Die Menge meint, er zaudere. „Weitergehen“ rufen ihm einige zu. Der Mann auf dem Hochseil fragt einen der Rufer: „Sie da unten, trauen Sie mir wirklich zu, dass ich es schaffe, die Karre zurückzuschieben?“„Selbstverständlich“, ruft der Mann zurück. „Dann kommen Sie herauf und setzen sich in die Karre!“ Doch darauf lässt sich der Angesprochene nicht ein; denn so hatte er seine Zustimmung nicht gemeint. Obwohl der Zuschauer dem Artisten durchaus zutraute, dass er sein Kunststück noch mal zustande bringt, war er nicht bereit, sich mit seiner eigenen Person auf das abenteuerliche Wagnis einzulassen. Er wollte eine Sensation ohne eigenes Risiko erleben. Wäre er der Einladung gefolgt, so hätte er sich selbst bedingungslos ausliefern müssen. Dazu fehlte ihm der Mut und das rückhaltlose Vertrauen in die Person des Artisten.

Wir tun uns schwer damit, rückhaltlos zu vertrauen

Für mich steckt in der Geschichte die Erkenntnis: Es ist typisch menschlich: Wir tun uns schwer damit, anderen rückhaltlos zu vertrauen. Und trotzdem ist Vertrauen, großes und rückhaltloses Vertrauen, so ungemein wichtig für uns Menschen.

Musik: Robert Schumann, Am Kamin

Rückhaltloses Vertrauen, was ist das? Wie kann ich einem Menschen oder sogar Gott so vertrauen, dass kritische Situationen in meinem Leben gelingen und nicht noch mehr aus dem Ruder laufen?

Wie gelingt Vertrauen?

Im Evangelium, das heute in den katholischen Kirchen im Gottesdienst verkündet wird, finde ich ein sehr gutes Beispiel, wie Vertrauen gelingen kann. Da wird erzählt: Jesus will allein sein, um zu beten. Die Jünger steigen ohne ihn ins Boot, um das andere Seeufer zu erreichen. Mitten auf dem See und in der Nacht kommt eine starke Brise auf und die Jünger hatten Gegenwind.

Gegenwind ist eine beherrschende Kraft, und wer schon mit dem Fahrrad gegen den Wind abstrampeln musste, weiß darum. Gegenwind bremst aus und drängt zurück. Die Jünger geraten in existenzielle Angst und werden handlungsunfähig. Der See scheint sehr tief, die Nacht ohne Ende und die Ankunft am anderen Ufer ungewiss.

Wir brauchen Sicherheit und festen Halt

Eigentlich sind sie ja größtenteils Fischer und kennen sich aus mit dem See – aber jetzt wissen sie kaum, was zu tun ist, und haben Angst. An Jesus können sie vermutlich kaum denken – ihre ganze Aufmerksamkeit muss sich darauf richten, heil und sicher ans andere Ufer zu gelangen. Vor ihrer Abfahrt war die Begeisterung für Jesus groß. Da waren ihm viele tausend Menschen in eine einsame Gegend gefolgt. Sie waren so gepackt von dem, was er ihnen sagte, dass sie darüber vergaßen, für ausreichendes Essen zu sorgen. Nur wenige Brote und Fische gab es. Jesus ließ sie austeilen, und alle wurden satt. Groß war die Begeisterung für den, der so etwas vermochte. „Bei dem bleiben wir, den lassen wir nicht mehr aus den Augen“, so werden sie sich gesagt haben. Er aber drängt seine Jünger, auf den See hinauszufahren, drängt sie, sich von ihm zu trennen.

Auch im Ungewissen vertrauen können

Jetzt auf dem See und im Sturm scheinen die Jünger gar nichts mehr in den Händen zu haben, sie sind ohne festen Halt. Wenn es ihnen vorher so sinnvoll erschien, bei Jesus zu bleiben, was sollte es dann jetzt für einen Sinn haben, mitten auf dem See zu sein, ohne ihn? Die Begeisterung von eben ist dahin – jetzt haben sie Angst. Und Jesus ist weit weg, real und in ihren Gedanken. Aber das ändert sich plötzlich und unerwartet, mitten auf dem See.

Jesus kommt zu ihnen, er geht über das Wasser. Erst erkennen sie ihn gar nicht und halten ihn für ein Gespenst. Aber Jesus gibt ihnen eine Antwort auf ihre Angst: „Habt Vertrauen!“ sagt er.

Musik: Albrecht Mayer, Joseph Fiala Adagio cantabile

Vertrauen. Jeden Tag muss ich anderen Menschen vertrauen. Ich vertraue dem Busfahrer, dass er mich gesund ans Ziel bringt; ich vertraue dem Arzt, der mich operieren muss; ich vertraue einem Freund, dass er mir die Wahrheit sagt. Man könnte die Liste noch weiter fortführen. Auch Jesus bittet seine Jünger um Vertrauen und ich höre das heute so: Auch mich ganz persönlich bittet er: Hab Vertrauen!

Vertrauen wagen

Petrus hat dieses Vertrauen, solange er auf Jesus schaut. Er verliert es, wenn er wegschaut, dann geht er auf dem See unter. Er steigt aus dem Boot und geht Jesus entgegen. Dann aber bekommt er doch Angst und geht unter. Vertrauen hat auch etwas mit Risiko zu tun, mit der Bereitschaft – um im Bild zu bleiben – vom sicheren Ufer wegzugehen, den Schritt auf das Wasser zu wagen in dem Glauben, dass Jesus mir die Hand reicht.

Das sichere Ufer voller Vertrauen verlassen

Mir persönlich hilft bei vielen Situationen, in denen ich dieses Vertrauen zu Jesus besonders brauche, folgendes Bild und ein Spruch. Ich habe es auf einer Postkarte bei mir im Büro stehen. Auf dem Bild steh ich als Betrachter an einem Ufer, vor mir liegt ein großer See. Das andere Ufer ist nicht sichtbar. Und dann steht auf der Postkarte: „Wer nur am Ufer steht, wird nie die Kraft dessen erfahren, der Petrus hat nicht untergehen lassen.“ Es gab auch in meinem Leben immer wieder diese Untergänge – wer erlebt sie auch nicht! -, aber ich habe auch immer wieder die Erfahrung machen dürfen, Jesus reicht mir die Hand und lässt mich nicht untergehen.

Wer glaubt, verändert sich

Das Leben Jesu hatte zu allen Zeiten Bewunderer. Aber viele sind trotz aller Bewunderung auf Distanz zu ihm geblieben und haben ihr altes Leben fortgesetzt. Aber zu allen Zeiten war es auch schwierig, Jesus nicht zu bewundern, sondern ihm auch wirklich zu vertrauen. Womöglich das eigene Leben rückhaltlos zu verändern seinetwegen. Es ist, denke ich, so ähnlich wie bei dem Mann auf dem Drahtseil: Man bewundert ihn, aber ihm sein Leben anvertrauen: Das macht man dann doch nicht so gern. Lieber führt man sein gewohntes Leben auf sicherem Boden fort.

Nicht nur bewundern – sondern nachfolgen

Der Philosoph Sören Kierkegaard hat es einmal so gesagt: „Jesus will keine Bewunderer, sondern Nachfolger. Der Bewunderer ist die billigste Volksausgabe des Nachfolgers.“(vgl. Kierkegaard, Sören, Einübung im Christentum. […], München 2005, 245 – 264.)

Jesus möchte Menschen, die ihm nachfolgen, die ihr Leben seinetwegen verändern. Auf die Frage, was denn der Unterschied sei zwischen einem Bewunderer und einem Nachfolger, antwortet Kierkegaard: „Die Bewunderer sind heute begeistert von Jesus und morgen von einem anderen. Die Nachfolger können ihren Herrschaftswechsel nicht mehr rückgängig machen. Die Bewunderer fragen: Was habe ich von Jesus? Die Nachfolger fragen: Was hat Jesus von mir? Nein, Jesus will keine Bewunderer, auf sie kann er verzichten, auf Nachfolger nicht!“

Fürchtet euch nicht!

Fürchte dich nicht! Hab Vertrauen! Die Botschaft steckt auch in der Motette von Johann Sebastian Bach, die wir jetzt hören werden.

Musik: Johann Sebastian Bach, Motetten, Fürchte dich nicht BMV 228

„Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht!“, sagt Jesus zu seinen Jüngern im Evangelium, das heute in allen katholischen Kirchen verkündet wird. Mitten in der Nacht kommt eine Gestalt über das Wasser! Den Jüngern im Boot wird es unheimlich. Ihre Angst wächst noch. Was kommt da Gespenstisches, vielleicht Bedrohliches auf sie zu? Doch die fremde Gestalt ruft die Jünger an. Es ist Jesus. Dabei fallen mir Situationen aus meinem Leben ein, in denen ich ähnliche Angst hatte. Wie die Jünger habe auch ich oft eine Weile gebraucht, um Jesus in dieser Situation zu erkennen. Eine schwere Krankheit zum Beispiel erscheint immer zuerst als Unglück, und meistens wehrt man sich dagegen. Trotzdem machen Menschen auch die Erfahrung: In solch einer Krankheit begegnet mir Jesus als der Gekreuzigte. Er leidet dann mit mir, er trägt mein Kreuz mit und verleiht ihm einen Sinn.

Ungewissheit gehört zum Leben

Die Jünger schweigen in dieser Situation erst einmal, doch einer antwortet Jesus: Simon Petrus. Er sagt: „Herr, wenn du es bist, so befiehl, dass ich auf dem Wasser zu dir komme!“ Jesus sagt: „Komm!“ Mitten in den vom Gegenwind aufgepeitschten Wogen hört Petrus dieses „Komm!“ Ich seh ihn vor meinem inneren Auge, wie er sich an den Bootsrand klammert, damit er nicht hinfällt oder aus dem Boot geschleudert wird. Er schwankt und hält sich fest und gleichzeitig schaut er und streckt sich, um den zu sehen, der da ruft. Mir fallen viele Situationen des alltäglichen Lebens ein, die dieser Situation auf dem See ähneln: Ein Schulwechsel steht nach den Sommerferien an, oder eine Berufsentscheidung. Entscheidungen und Schritte, die nicht nur Kraft, Verstand und Rat verlangen, sondern auch Vertrauen und Mut. Niemand kann genau sagen, wie das Ganze ausgeht; keiner weiß, wohin er kommt, wenn er nicht den ersten Schritt tut, vom Bisherigen aussteigt und losgeht. Und auch diese Corona-Krise stürzt viele Menschen ja in so eine Situation: Sie wissen nicht, wie es weitergehen soll, Angst vor der Zukunft packt sie.

Wer glaubt und vertraut, überwindet die Angst

In der Bibel steigt Simon Petrus tatsächlich aus dem Boot und geht über das Wasser auf Jesus zu. Für mich zeigt sich hier in dieser Szene: Simon Petrus ist eben kein Bewunderer, sondern ein gläubiger Nachfolger Jesu - er strebt an, das zu sein, was er bewundert – Jesus. Das Wort Jesu: „Komm!“ bewirkt, dass für Petrus alles, was ihn von der Hinwendung zu Jesu abhalten könnte, bedeutungslos wird: die hin- und hergeworfenen Wellen, der Gegenwind, die nächtliche Dunkelheit und selbst die Tiefe des Sees. Nur noch Jesus hat er vor Augen. Deshalb verlässt Simon Petrus die Sicherheit des Bootes und geht ihm entgegen.

Zweifel bringen das Boot ins Wanken

nd dann passiert etwas, mit dem man wohl nicht rechnet. Petrus geht unter. Die Aufforderung Jesu auf das Wasser zu treten, bringt nichts, wenn Petrus in sich selbst nicht Vertrauen hat – Vertrauen darauf, dass der, auf den er sich verlassen will, ihn auch wirklich nicht untergehen lässt. Petrus aber zweifelt, vermutlich steigen Gedanken in ihm auf wie: Schaffe ich das, was denken die anderen im Boot? Er schaut nicht mehr auf Jesus, sondern spürt plötzlich die Tiefe des Wassers unter sich. Er hat sich etwas getraut, aber jetzt bricht Panik aus. Und er besitzt nicht die Kraft und das Vertrauen, die nötig sind, um sich über Wasser halten zu können.

Musik: Georg Friedrich Händel for Oboe & Orchestra, Volio per l’aria Allegro

Ich fühle mich oft auch wie dieser Petrus auf dem stürmischen See: Dann bricht vor lauter Gegenwind und Dunkelheit Panik aus, ich weiß nicht mehr weiter. Ich meine auch, manchmal Gespenster zu sehen. Oder ich denke: Ich erreiche das rettende Ufer nie, ich schaffe es einfach nicht, diese Situation und mein Leben zu meistern.

Der bedrohliche Gegenwind macht mich kleingläubig

Wie diesem Petrus damals auf dem Boot, bläst mir der Wind ins Gesicht und die Sorgen des Alltags werfen mich hin und her. Die Zukunft sieht so bedrohlich aus, dass ich nur noch schreien möchte. Aber Jesus antwortet: Hab Vertrauen, fürchte dich nicht! Du kannst dich nicht an dein Boot festklammern. Geh raus aus dem Boot, du kannst sogar über das Wasser gehen! Du schaffst das.

Mein Ziel im Auge behalten

Und dann geh ich einfach los, ohne vorher zu überlegen. Wie ich das früher als Jugendliche gemacht hab, da fiel mir das noch leichter. Ich mache das jetzt, früher habe ich auch nicht lange nachgedacht. Irgendwie wird es schon gut gehen. Und Jesus sagt: Komm, trau dich, spring! Aber du darfst dich nicht ablenken lassen. Nicht von dem, was die anderen sagen und denken, und nicht von den Stimmen in dir, die dich verunsichern können. Behalte dein Ziel fest im Auge.

Und dann sehe ich die Wellen, die Gischt, den Sturm um mich herum. Und jetzt gibt es nichts mehr, woran ich mich festhalten kann. Ich merke wie ich untergehe. Ich hätte es wissen müssen, ich bin doch erwachsen, ich kenne doch das Leben, ich weiß doch, was alles schief gehen kann.

Ich bin ein Spielball zwischen Zweifel und Vertrauen

Da ergeht es mir wie Petrus: Kühn ist er aus dem Boot gestiegen und aufs Wasser getreten. Der Blick auf Jesus hat ihn getragen, eigentlich hätte er versinken müssen. Aber dann sieht er wieder die Nacht, den Sturm und die Wellen. Die Angst kehrt zurück – und der Glaube verliert seine tragende Kraft. Es reicht gerade noch für einen verzweifelten Aufschrei: „Herr, rette mich!“

Lass los und gehe vertrauensvoll über das Wasser

Und dann kommt der entscheidende Impuls Jesu: „Warum zweifelst du?“ fragt er in der Bibel. Und für mich stecken darin weitere Fragen wie: Warum fällst du auseinander in zwei Menschen, in einen, der sich traut, und in einen, der wieder zurückschreckt? Dein Glaube bewegt sich in einem Wechselspiel zwischen Zweifel und Vertrauen – zwischen begeistertem Glauben, der trägt, und Kleinglauben, der versinken lässt. Suche in dir, ob es irgendwo in deinem Herzen ein klein wenig Glaube und Vertrauen gibt, denn nur, wenn du vertrauen kannst, kannst du wirklich loslassen und losgehen.

Für mich steckt in dieser biblischen Geschichte die Botschaft: Es lohnt sich, Gott zu vertrauen. Und natürlich auch: den Menschen zu vertrauen. Im Vertrauen auf andere werden große Dinge möglich. Manchmal kann ich dann sogar die Sicherheit meines Bootes verlassen und über das Wasser gehen.

Musik: Johann Sebastian Bach, Siciliano aus der Sonate Nr. 2

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