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Schöpfer versus Schöpfung
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Schöpfer versus Schöpfung

André Lemmer
Ein Beitrag von

André Lemmer,

Kaplan Pfarrei Sankt Raphael in Gelnhausen
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Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Es war sehr gut. So steht es im Buch Genesis, dem ersten Buch der Bibel. "Aha", dachte ich mir, als ich neulich die Bilder der Erstürmung des (US-)Kapitols in Washington sah, "… diese Schöpfung nennst du also sehr gut?" Für mich ist das wirklich eine interessante Frage an Gott den Schöpfer: Bist du dir mit dieser Aussage "sehr gut" wirklich sicher oder möchtest du das nicht noch mal überdenken?!

Und nicht nur die Bilder der Erstürmung des Kapitols durch die Anhänger der Republikaner im Januar kommen mir in den Kopf. Ja, sogar viel schlimmere Bilder habe ich gerade vor dem Auge, wenn ich um die Perfektion der Schöpfung nachdenke. Es gibt so viel, was ich Gott da ankreiden könnte und vielleicht auch manchmal in kurzen Gebeten entgegenschleudere. Und Gott? Er scheint dazu vornehm zu schweigen.

Für meinen Geschmack ziehen sich auch manche Theologen zu schnell aus dieser Frage heraus. Sie meinen, die Perfektion habe ja nur im Paradies bestanden und nach dem Vorfall mit dem Apfel, na ja, ab dann war eben alles anders. Ich muss zugeben, mir reicht das nicht. Irgendwie wäre mir das zu einfach. Außerdem wäre das ein gemeiner Gott, der uns bestraft für die Probleme weit entfernter Vorfahren. Auch wenn mich die Frage nicht loslässt, eine Lösung, eine zufriedenstellende Antwort, scheint nicht in Sicht zu sein.

Und dann laufe ich durch die Straßen unserer kleinen Stadt und höre, dass der Gastwirt da drüben einen Obdachlosen bei sich duschen lässt und ihm corona-konform regelmäßig eine Möglichkeit gibt, sich in dieser kalten Jahreszeit mal aufzuwärmen. Und als ich weitergehe, meldet sich mein Handy: Ein Gemeindemitglied, welches ich seit dem ersten Lockdown kaum noch im Gottesdienst sah, ist unglaublich aktiv geworden. Der Mann engagiert sich bei den Kapuzinern, die sich um die benachteiligten Menschen in Frankfurt kümmern.
Und da ist es das kleine Gute, was mich tief beeindruckt und vielleicht hat Gott mir gerade damit etwas gesagt. Irgendwie glaube ich, dass ich die Sprache Gottes noch lernen muss…

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